Ruhrfestspiele mit Feydeaus Farce „Klotz am Bein“

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Heucheleien ohne Ende: Nini Galant (von links), Sebastian Reiss, Claude De Demo und Anna Kubin in Georges Feydeaus Farce „Klotz am Bein“, zu sehen in Recklinghausen.

RECKLINGHAUSEN „Er ist wieder da“, zischt der Diener Firmin. Niemand weiß gleich Bescheid, man schüttelt sich, ist erstaunt und verwundert, dass Fernand, der Geliebte von Lucette Gautier, wieder da ist. Ist die Liebe zurück? Es ist ein Aufreger im Hause der Chanson-Sängerin, die selig umherspringt und ihre Entourage empfängt. Aber was Liebe ist, das wird in Georges Feydeaus Farce „Klotz am Bein“ im Festspielhaus Recklinghausens noch später verhandelt.

Regisseur Roger Vontobel flutet mit einer von Rhythmus durchdrungenen Weltmusik (Keith O’Brien) die Bühne. Hier wird die Leere des unmöblierten Hauses zu einem glatten Parkett. Jeder Schritt ein Ton, jeder Tritt eine Selbstdarstellung. Selbst die Musik ist in dieser Inszenierung nur Behauptung. Denn wo jeder erwartungsvoll beäugt wird und jede Äußerung auf seine Konvention hin abgeklopft wird, da ist die Luft dünn (und die Zugluft gefährlich). Selbst wenn die Hausklingel dröhnt, durchzuckt es Firmin, der jeden durch die Schnüre einlässt. Ein Puppenspiel im minimalistischen White-Cube.

Die Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Schauspiel Frankfurt macht aus Feydeaus französischer Farce von 1894 eine zeitlose Clownerie des Eigensinns. Regisseur Vontobel, der Hausregisseur am Schauspielhaus Bochum (2011–2016) war, schickt mit diebischer Freude die Figuren ins Debakel ihrer selbstmitleidigen Existenz. Lucettes Schwester hält Anna Kubin zwischen verklemmt und motzig im pubertären Niemandsland. Lucettes Ex-Mann wird von Sebastian Reiß zum Hausfreund domestiziert, der nicht mehr ausrichtet. Monsieur de Fontanet ist bei Peter Schröder zum schlaksigen Geist geworden, der mit seinem Mundgeruch den Running Gag liefert. Der Gestank ist sichtbar. Und Fernand de Bois d’Enghien, Lucettes Liebe, wird von Max Meyer so biegsam, verschlagen und unaufrichtig gegeben, dass es einen wundert, weshalb die Vaudeville-Künstlerin zu diesem Mickermännchen hält. Fernand lässt sich immer wieder in seinen Vorteil fallen und will einen Ehevertrag bei Baronin Duverger unterschreiben. Katharina Linder stellt die Adelsdame breit und taff auf. An ihrer Seite zickt Tocher Vianne herum, die Nutznießerin. Wie Friederike Ott auf ihre Mutter mit körperlichen Reflexen brüsk reagiert, ist nah am Bodenturnen. Herrlich auch, wie sicher sie weiß, dass nur ein Mann taugt, den alle Frauen wollen. Ein kühnes Frauengespräch. Am liebsten einen Gangster.

Als Lucette zur Eheschließung singen soll, fliegt Fernands doppeltes Spiel auf. Komödiantisch reißen Lucette und ihre Schwester an einer Schranktür, die Olaf Altmann (Bühne) gar nicht gebaut hat. Regisseur Vontobel gibt dem Affen Zucker und jagt seine Figuren. Zu intriganten Wendungen stimmt er ein musikalisches Brausen an, das zu jedem Rockkonzert passen könnte. Wie Katharina Linder „Zugluft“ brüllt und die Windmaschine das Ensemble wie billige Papierfiguren wegweht, das ist stark. Mehr aber nicht. Vontobel stellt und höhlt Effekte aus.

Die Inszenierung ist insgesamt druckvoll, die Figurenführung auf den Punkt und der Witz von einem feinen Timing bestimmt.

Allen voran brilliert Claude De Demo als Lucette. Wie sie ihr Gefühl („Ohne dich kann ich nicht sein“) verschämt äußert und schnell mit der Pistole droht, um Fernand an sich zu ziehen, ist großartig in jedem Moment. Was für eine feiste Maskerade! Dass sie der Männlichkeit Fernands gierig huldigt, zeigt in der Übertreibung, wie banal die Liebeleien sind – fern des Ehevertrags. Letztlich sind es bissige und satirische Kommentare auf Bürgerwerte.

General Irrigua setzt allem die Spitze auf, ist sein Liebeswerben um Lucette doch völlig verpeilt. Eine Sängerin im Ehehafen?! Heiko Raulin bildet einen mehrsprachigen Testosteron-Bolzen aus, der Konkurrenten attackiert und für kitschige Szenen sorgt. Eine wahnwitzige Premiere. Viel Applaus.

26. 5.; Tel. 02361 / 92180;

www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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