Ruhrfestspiele eröffnen mit Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“

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Gute Ratschläge: Alfred (Burghart Klaußner, links) und Pfarrer Helmesberger (Michael Abendroth) im Dürrenmatt-Stück „Der Besuch der alten Dame“, zu sehen in Recklinghausen.

Recklinghausen - Sie ist aus dem Schnellzug gestiegen, eine exzentrische Dame mit konkavem Hütchen und kess ausgestelltem Rocksaum. Sie hat die Notbremse gezogen, und sie wird Güllen, ihren Geburtsort, nach 45 Jahren Abwesenheit dominieren. Claire Zachanassian ist in Friedrich Dürrenmatts Stück „Der Besuch der alten Dame“ eine Allmächtige, die reichste Frau der Welt, die noch eine Rechnung offen hat.

Zum Auftakt der Ruhrfestspiele in Recklinghausen hat Intendant Frank Hoffmann diese tragische Komödie gewählt, um nach Heimat zu fragen, das Motto des Festivals. Dass auch die Bundesregierung Heimat wieder auf die politische Tagesordnung gesetzt hat, verleiht den Ruhrfestspielen noch mehr Aktualität. Bis 17. Juni werden 110 Produktionen in fast 300 Aufführungen präsentiert. Neben den US-Schauspielern John Malkovich und Bill Murray sind internationale Produktionen Teil des europäischen Festivals wie namhafte deutschsprachige Bühnen. „Der Besuch der alten Dame“ ist eine Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater, wo die Inszenierung Hoffmanns ab 26. Mai auf dem Programmzettel steht.

In Recklinghausen spielt Maria Happel die „alte Dame“ als eigensinnige Matrone, die sich in ihren extravaganten Qutfits gefällt und drei Ehemänner vorführt als seien sie possierliche Platzhalter im Privaten. Trotz schrulliger Momente schlägt die Happel einen Ton an, der ihre Lebenserfahrung über alles stellt („Anständig ist nur, wer zahlt“). „Wildkätzchen“ hatte sie ihr Jugendfreund Alfred genannt. Burghart Klaußner spielt ihn früh als kleinen Mann, der staunt und in Bedrängnis gerät. Hatte er doch seinerzeit die schwangere Claire als Hure verunglimpfen lassen, um sich Mathilde zuzuwenden, mit der er aber nicht glücklich wurde. Klaußner trägt sein Scheitern wie eine Last, die er erst ablegt, als er sieht, wie seine Mitbürger auf Pump kaufen und damit auf eine Zukunft ohne ihn setzen. Claire hatte dem Städtchen eine Milliarde versprochen, wenn Alfred für seinen Verrat aus Jugendzeiten gerichtet und getötet wird. „Gerechtigkeit“ nennt sie das scharf, und mit diesem Etikett für einen Mord freunden sich die Güllner zusehens an. Ein amüsanter wie prekärer Sittenverfall.

Großartig ist das Ensemblespiel des Burgtheaters. Wie sich die Bürgerriege von einem verlotterten Haufen grenzdebiler Würdenträger zu einem korrupten Regime aufschwingt, das hat hohen Unterhaltungswert. Allen voran der Bürgermeister von Roland Koch. Wie er eine schwadronierende Rede verraunzt, ist eine Nummer für sich. Und als er den ruchlosen Anstifter mimt, der Alfred die geladene Pistole ans Herz legt, bleibt ein komischer Rest, der dieses Rollenspiel einem als unmoralischen Verfall hinnehmbar unterschiebt. Ein fieser Horror.

Dietmar König ist ein Lehrer, der zwar „Heimat deine Sterne“ singen lässt, aber den verkannten Freigeist mit Lederjacke allzu mitleidig ausstellt. Daniel Jesch bringt als drahtiger Polizist etwas Muskelkraft in die schlappe Truppe. Und Michael Abendroth bittet als Pfarrer doppelzüngig dem Alfred an, dass er sich um sein Seelenheil kümmern solle, bei all den Sünden. Erst die Aussicht auf Geld – das ist von Hoffmann schön angelegt – bringt diese Mannsbilder in (Un)Form.

Petra Morzé gelingt als Mathilde ein eigenes Kunststück. Wie sie mit ihrem Alfred einen Ausflug genießt, der sein letzter sein wird, drückt die Schauspielerin in einem Jammerschrei aus, der angstvoll klingt, aber schon das Leben ohne ihn mit anstimmt. Einen neuen Pelz hat sie bereits gekauft.

Von Dürrenmatts Städtchen ist wenig zu sehen. Ben Willikens (Bühne) hat einen grauen Kasten gebaut, der spärlich möbliert ist, und an Dimension verliert, als die Stahlhütte heranrückt. Es kracht und scheppert wie an einem Industriestandort. Intendant Hoffmann, der nach 14 Jahren die Festspiele verlässt, bietet Verweise auf Recklinghausen, sogar „Datteln, Olfen und Waltrop“.

Am Ende siegt das Geld. Claires entlaufener Panther, eine Reiseutensil, faucht lauthals aus dem Off. So wird betont plump an den Raubtierkapitalismus erinnert, der hier erstmal Alfred gefährdet und letztlich die Güllener skrupellos macht.

Die Inszenierung unterhält nuanciert und appelliert ans Gewissen, wenn aus dem Dunkeln eine Leiche getragen wird, die letztlich der Konjunktur geopfert wurde. Es geht ums Geld, weiß die alte Dame, die nach Capri aufbricht, und das Publium im Revier weiß es auch. Langanhaltender Beifall für eine solide Regie und erstklassige Darsteller.

5., 6., 7. Mai; Tel. 02361/92 180; www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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