Headliner 2019 "Die Ärzte"

„Rock am Ring“ bietet viel Musik vor weniger Besuchern

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In Partylaune: Frontmann Jared Leto tritt mit seiner Band „30 Seconds To Mars“ auf der Hauptbühne des Musikfestivals „Rock am Ring“ auf.

Nürburgring - Ein buntes Flattercape weht im Bühnenwind mit dunklem, gewelltem Haupthaar um die Wette. Die Sportbuxe mit den charakteristischen weißen Seitenstreifen darunter ist gelegentlich zu sehen, wenn der schlanke, bärtige Mann mit der Sonnenbrille seine Drehungen vollführt.

Ein Hybrid zwischen Schmetterling und Modern Jesus, der sich gerne zeigt und inszeniert. Ein Laufsteg teilt die Menge und fast scheint es, als schreite er über das Meer aus Händen und Köpfen. Jared Leto lässt sich von der Menge feiern. Die Sonnenbrille lupft der Musiker erst, als die ersten Songs von 30 Seconds to Mars schon verklungen sind. In der Messias-Rolle bleibt Leto, der auch als Schauspieler Erfolge feiert: Eine junge Frau wird auf die Bühne gebeten, als er sie weinend im Publikum entdeckt. „Speak German“ fordert Leto sie auf. Sie lehnt ab, bleibt bei Englisch – sie kommt aus Moskau. Es sei ihr erstes Festival. Zur Belohnung darf sie auf der Bühne bleiben, auf die Leto später noch weitere Menschen aus fernen Ländern bittet. Die Welt versammelt am Nürburgring.

In diesem Jahr knallte es in mancherlei Hinsicht weniger am Ring. Auf der Hauptbühne des Festivals setzen die Veranstalter mehr auf Atmosphäre, denn auf Rockerattitüde und das große Gewitter war bereits in der Nacht zu Freitag abgeregnet. Bands wie Snow Patrol und Muse bedienen das Bedürfnis nach Harmonie und großen Gefühlen. Muse greifen zudem tief in die Kiste, in der alle Elemente liegen, mit denen sich eine große Bombast-Show, passend zu einem mit Detailsverliebtheit geknüpften Soundteppich bestücken lässt. Sonnen gehen unter, Bälle fliegen und Papierschnipsel-Wolken stieben in gleißendes Licht.

Fast ein wenig verloren wirken Kettcar im Sonnenlicht auf der großen Bühne, sie witzeln, dass es gut sei, dass sie ja keine Stars seien und absolvieren ihr gesellschaftskritisches Set, als stünden sie auf der Bühne eines kleinen Clubs. Auch Beth Ditto im roten Cocktailkleid, die mit süßem Akzent verkündet, dass es „scheiß-heiß“ sei, tritt diesmal beispielsweise vor eher handverlesenem Publikum auf. Und selbst Casper erklärt artig, noch nie vor einem Auftritt so nervös gewesen zu sein.

Dafür ist das Gedränge an den kleineren Bühnen teilweise groß. Manches gibt es da zu entdecken: Baby Metal zum Beispiel, asiatischen Metal mit bestens choreographierter, mystisch anmutender Gruselshow, die schon am sonnigen Nachmittag eine furiose Wirkung entfaltet und von der man sich wünscht, sie noch einmal mit allen Effekten bei Dunkelheit erleben zu können. Die Newcomer von The Maine beispielsweise sind im ständigen Dialog mit dem Publikum, bitten Gäste auf die Bühne und rocken los in Richtung große Bühnen. An Vorbildern mangelt es nicht: Bands wie Stone Sour (Cold Reader, Made of Scars, Fabuless) nageln dem Publikum nicht nur ein stabiles Brett an die Ohren, sondern sind nah dran an ihren Fans. Sänger Matthew Tuck macht keinen Hehl daraus, dass er einen neuerlichen Ring-Gig seiner Band Bullet for my Valtentine für eine saugute Idee hält und gibt das Zeichen für Dauerfeuer. Im Gepäck haben sie derzeit das noch frische Album „Gravity“, das nahtlos den Lückenschluss zu den Vorgängeralben probt. Songs wie Don’t need You in der 18er-Version, Over it und Piece of Me machen Werbung, ohne Altbewährtes wie Your Betrayal oder The Last Fight zu vernachlässigen. Klar auch die Ansage der Ruhrgebiets-Combo Kreator: Nicht weniger als ein Massaker gelte es anzurichten, sehr zur Freude des Publikums, dass die Ansage begeistert und mit gereckten Armen quittiert. Man befeuert sich gegenseitig – das ist auch in 2018 auf der mittleren Bühne am Ring Tradition.

Wer am Ring durchhält bis tief in die Nacht, wird mit Spätkonzerten von Marilyn Manson, gewohnt bissig bis knautschig und übellaunig solide, und Avenged Sevenfold belohnt. Letztere haben 2016 mit The Stage abgeliefert. Nach anfänglicher Euphorie sah sich die Band Vorwürfen ausgesetzt. Sie machen aus ihrer Liebe zu Guns’n’Roses und Iron Maiden keine Heimlichkeit und rücken gar mit ACDC-Intro ein. Ironie oder Stilfrage – driftet Sänger Matt Shadows mit Kopftuch, Sonnenbrille und rot-schwarzem Karohemd sogar optisch in die Retro-Schiene? Ein Geschmäckle bleibt, wenngleich auch alte Songs wie die Nightmare-Klassiker Berücksichtigung finden.

Aber letztlich ist man bei Rock am Ring ja nicht unbedingt böse, wenn man den Großen Ehre erweist. Nicht umsonst gibt es eine Wall of Fame, an der sich ablesen lässt, wer am Ring schon alles seine Visitenkarte abgegeben hat. Das weckt Erwartungen für das kommende Jahr. Und „Die Ärzte“ haben sich für 2019 schon angesagt.

Quelle: wa.de

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