„Proletenpassion“ am Grillo-Theater in Essen

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Protest und Arbeiterbewusstsein: Der Chor in dem Stück „Proletenpassion“ am Grillo Theater Essen.

Essen - Derzeit reagieren viele Kultureinrichtungen im Ruhrgebiet auf das Ende des Bergbaus. Die Zeche Prosper Haniel in Bottrop schließt im Dezember, es ist die letzte.

Am Grillo-Theater in Essen, wo beispielsweise Volker Lösch 2012 ein saftiges Stück Arbeitergeschichte des 19. Jahrhunderts mit der Ausbildungsmisere von Jugendlichen unserer Tage verband („Rote Erde“), wird nun auf die Zeitenwende mit einer klassischen Bühnenstrategie geantwortet, dem Chorgesang. Allerdings bleibt der Bergbau in der „Proletenpassion“ assoziativ, unspezifisch.

Vielmehr haben Bernd Freytag und Mark Polscher, die bereits Elfriede Jelineks „Wolken.Heim“ am Schauspiel Essen realisierten, ein politisches Oratorium aus den 1970er Jahren bearbeitet. Damals schauten Historiker zunehmend auf Sozialgeschichte und entdeckten in Gesprächen mit Zeitzeugen den kleinen Mann („Oral History“). Geschichte wurde politisiert, wenn die linksliberale Rezeption von den Unterdrückten in Europa sprach. So ließen sich die Schicksale von Bauern, Arbeitern und dem städtischen Proletariat verbinden, mit dem Ziel, ein neues Klassenbewusstsein in der Gegenwart zu stärken.

In diese Zeit fällt die „Proletenpassion“ des Autors Heinz Rudolf Unger. Mit der Rockgruppe Schmetterlinge stellte er seinen Liederreigen 1976 in Wien vor. Bis in die 80er Jahre waren die Schmetterlinge mit dem Politrock auf Tour.

In Essen geht es wieder um die „Bauernkriege“, „Die Revolution der Bürger“, „Die Pariser Kommune“, den „Faschismus“. Das vielköpfige Ensemble mit hauptsächlich Laiendarstellern steht entschlossen am Bühnenrand: „Den Reichtum, den wir schaffen, der macht die Reichen reich.“ In schlichten, leicht historisierten Kostümen pochen sie auf „Wahrheit“. Ihrem Unmut machen sie mit Bass, Banjo, Saxofon, Geige, Akkordeon, Horn, Posaune, Schlagzeug Luft. Es ist ein atonales Dröhnen, ein Protest, der immer wieder anschwillt, weil die Geschichte der Unterdrückung ungerecht bleibt.

Es ist vom Bundschuh die Rede, von Thomas Müntzer und Barrikadenkämpfen in Frankreich. Verbunden werden die Geschichten vom Chor, der klagt, trauert, warnt und dramatisiert, wie beim Lied der Weber. Der Refrain („Wir weben“) klingt wie ein Atemholen zum lauten Schrei, der sich in den Strophen Bahn bricht. Das ist auf den Punkt, das ist verständlich und mit großer Emphase vorgetragen. Eine konzentrierte Leistung, aus der einzelne mit Solopassagen herausragen. Oder mit derbem Spiel, wenn ein Pastor (wie Luther) die aufrührerischen Menschen wie Hunde totschlagen lassen will.

Heute sind solche Zurechtweisungen nichts Neues – nach dem Reformationsjubiläum 2017. Der Erkenntniswert der „Proletenpassion“ ist über die Jahre gesunken. Und dass das „Kapital“ der einzige Gewinner des 2. Weltkriegs sein soll, klingt wie marxistische Ideologie. Selbst das karikierende Duett zwischen General Moltke und seinem französischen Pendant ist anachronistisch, weil der Spott heute nicht mehr verfängt.

Die frontale Präsenz des Chores wird von Bernd Freytag und Mark Polscher (Bühne, Kostüme) zu selten aufgelöst. Mal bewegen sich die Darsteller als Lemuren der Nacht, mal zeigen sie einen wilden Tanz oder tragen Birkenzweige für die plakative Fahnennummer zur Oktoberrevolution heran. Trotz Protestzeilen („Frauen packt die Pflastersteine, macht den Reichen Beine“) wird aus dem Chor immer wieder ein kompakter Körper, der alles Elend trägt. Zum Ende nervt die Dröhn-Sinfonie nur noch und hat sich abgenutzt.

Selbst die Auftritte eines „Ich“ kann den Vortragscharakter mit zu viel Sprechgesang nicht korrigieren. Es wird eine falsche Individualisierung angeführt, die den Einzelnen in unserer Zeit aushöhlt und vereinsamt. Ein kollektiver Protest wird so unmöglich, ist eine plausible Deutung. Angesichts der historisch belegten Niederlagen, die die „Proletenpassion“ unfreiwillig dokumentiert, ist die Stimme des „Ich“ aber ein zu dünner Kontrapunkt, um Hoffnung zu wecken. In Essen bleiben Ungers Texte selbst Geschichte trotz einer Aufführung voller Pathos.

Aus dem abstrahierten dunklen Bühnenraum mit grauem Tor (Mitarbeit Christina Hillinger) steigt das Ensemble würdevoll die Treppen hinab. Sie bleiben einem fern. Viel Applaus für den Chor, Buhrufe für die Regie.

16., 21., 24., 29.5., 2., 3., 14., 15.6.; Tel. 0201/8122 200; www.theater-essen.de

Quelle: wa.de

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