Die Pläne der neuen Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp

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Marlene Monteiro Freitas und Andreas Merk in der Choreografie „Jaguar“, im September bei der Triennale.

Essen - Stefanie Carps Lebensgefühl ist das einer „Zwischenzeit“. Einer Zeit von Veränderungen aller Verhältnisse, von letzten Chancen für eine humane Zukunft. Solche Chancen will die Intendantin mit der neuen Ruhrtriennale (2018–2022) erkunden: „Wir sollten diese Veränderungen selbst vorantreiben, wenn sie uns nicht von den trumpistischen Geschäftsführern dieser Welt aus der Hand genommen werden sollen“, sagte Carp gestern bei der Programmvorstellung auf der Zeche Zollverein in Essen und verwies auf Flucht und Krieg, Verteilungs- und Klimakonflikte: „Neu denken, neu empfinden, neu wahrnehmen.“

Am Anfang steht aber ein Erinnern: Mit „The Head And The Load“ (etwa: Der Kopf und die Last) blickt der Südafrikaner William Kentridge auf die Rolle Afrikas im Ersten Weltkrieg : Über zwei Millionen Menschen wurden 1914/18 von den Kolonialmächten vor allem als Träger auf die Schlachtfelder Frankreichs und Belgiens gezwungen. Kentridges Produktion, die nach der Uraufführung in der Londoner Tate Modern die Triennale eröffnet, ist eine dieser Kreationen aus verschiedenen Genres: Musiktheater, Tanz und Bildende Kunst formieren eine „Prozession“ (Duisburg-Nord, Landschaftspark, ab 9.8.).

Das Programm listet bis zum 23. September 120 Aufführungen; unter den 33 Produktionen und Projekten sind fünf Uraufführungen, 20 Eigen- und Koproduktionen. Die 17 Spielstätten sind meist ehemalige Industrieanlagen wie der Landschaftspark Duisburg-Nord, das Zollverein-Gelände in Essen und die Bochumer Jahrhunderthalle.

Auf dem Platz vor der Jahrhunderthalle entsteht das Festivalzentrum: Architekten und Künstler des raumlaborberlin installieren vor der Glasfassade Flugzeugteile. Ein öffentlicher Raum irgendwo zwischen Absturzstelle und Hangar (ab 16.8.). Um die Ecke wird Olu Oguibe aktiv: Der nigerianisch-amerikanische-Künstler und Teilnehmer der jüngsten documenta plant im Westpark einen „Appeal To The Youths Of All Nations“, der auf Deutsch, Englisch und Romani auf eine Ruine gesetzt wird. Außerdem forscht er mit Kindern und Jugendlichen aus Bochum in Fotoarchiven nach „ikonischen Bildern“ der Industriegeschichte fürs Foyer der Jahrhunderthalle.

Die Räume dieses Gebäudes, und zwar alle, wird Christoph Marthaler bespielen. Der „Artiste associé“ der Triennale, der mit der Dramaturgin Carp schon in Basel, Hamburg, Berlin, Zurüch und Wien arbeitete, bringt Charles Ives’ unvollendete „Universe Symphony“ heraus. Mit den Fragmenten und weiteren Werken von Ives (1875-1954) will Marthaler „Räume und Sphären“ erschließen, „die man nicht sieht“. Die Bochumer Symphoniker unter Titus Engel sowie eine Ausstattung von Anna Viebrock bietet „Universe, Incomplete“ (Uraufführung 17.8.), außerdem Tänzer und Schauspieler.

In Dortmund wird Schorsch Kamerun ab dem 23. August eine Scheinblüte züchten: Die „Nordstadt Phantasien“ erklären das Problemquartier zum neuen angesagten Kiez. Ein Parcours (mit Kamerun-Liedern aus dem Kopfhörer) führt das Publikum erst einmal quer durch die Gentrifierungszone zum „Club Kohleausstieg“, wo an allen acht Abenden Konzerte gespielt werden.

Aufstieg und Fall der Stadt Diamante sind in einer weiteren Uraufführung zu erleben: Der argentinische Theatermacher Mariano Pensotti baut die fiktive Dschungel-Mustersiedlung in der Kraftzentrale Duisburg-Nord nach, eine begehbare Inszenierung. Musisch inspirierter Pioniergeist (mit Musikunterricht für Jedermann) versäuert in drei Durchgängen zu verbissener Besitzstandswahrung („Diamante. Die Geschichte einer Free Private City“, ab 24.8.).

Echt ist hingegen die Zementfabrik im Nordosten Syriens, von der Dramatiker Mohanmmad Al Attar und Regisseur Omar Abusaada erzählen: „The Factory“ (Pact Zollverein, Essen, Uraufführung 11.8.) produzierte bis 2014 auch im Bürgerkrieg weiter fürs Assad-Regime, jahrelang zahlten die Manager Schutzgeld an die IS-Miliz – der Fall macht gerade in Frankreich Schlagzeilen.

Vier Tanzproduktionen bietet das erste Triennale-Jahr, darunter Marlene Monteiro Freitas’ „Jaguar“ (ab 6.9., Pact Zollverein, Essen). Sascha Waltz’ Choreografie „Exodos“ (ab 15. September, Jahrhunderthalle Bochum) übersetzt den Titel als Ausgehen, meint das Abtauchen ins Nachtleben. Näher an Stefanie Carps „Zwischenzeit“-Konzept liegt wohl der aus Burkina Faso stammende Choreograf Serge Aimé Coulibaly: Seine Produktion „Kirina“ zeichnet Wanderungsbewegungen nach, die Kulturen immer schon prägten und veränderten, auch in Afrika (ab 18.8., Maschinenhalle Zweckel, Gladbeck).

9. August bis 23. September

Tel. 0221/280210

www.ruhrtriennale.de

Vorverkauf ab 30. April, 9 Uhr

Quelle: wa.de

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