Pieter Hugo stellt seine Fotografien in Dortmund aus

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Verführerin in Uniform: Pieter Hugos Porträt von Obechukwu Nwoye (2008) aus der Serie „Nollywood“.

Dortmund - Das Foto wirkt wie eine Filmszene: Der Mann im bunten Fransenrock führt ein großes Tier mit Maulkorb an einer Kette. Erkennbar kein Hund, größer, wohl gefährlicher, mit Tupfen. Tatsächlich ist es eine Hyäne. Pieter Hugo hat das Paar unter einer Brücke aufgenommen, in einer Stadtbrache, die Wände sind tapeziert mit Plakaten.

Hugo wurde von einem Freund auf die Hyänenmännner in der nigerianischen Metropole Lagos aufmerksam gemacht. Zunächst gab es Gerüchte: Sind sie Bodyguards, Drogendealer, Schuldeneintreiber? Tatsächlich verdienen sie ihren Lebensunterhalt als eine Art Wanderzirkus, führen neben den Raubtieren auch Affen und Pythons vor. Hugo porträtierte sie 2005 und 2007 in beeindruckenden Aufnahmen. Auf einem Bild sitzt ein kleines Mädchen auf dem Rücken einer Hyäne und kuschelt sich an ihren Kopf, während der Tierführer die Lefzen hochzieht, so dass die mächtigen Reißzähne sichtbar werden.

Die Fotos sind im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen, in der Ausstellung „Pieter Hugo: Between the devil and the deep blue sea“. Das Haus zeigt rund 200 Werke des südafrikanischen Fotografen. Die überwältigende Schau ist eine Übernahme vom Kunstmuseum Wolfsburg.

Hugo, 1976 geboren, sucht nicht die Hochglanzseiten des Lebens. Lieber porträtiert er Menschen aus seiner Nachbarschaft, zum Beispiel Shaun Oliver mit dem furchigen Gesicht, den schon angegrauten Haaren und der halb abgebrannten Zigarette im Mund, der so fragend in die Kamera blickt. Oder die fünf jungen Männer, die sich für die Initiation schick gemacht haben: In Mthatha trägt man zu diesem Anlass karierte Sakkos. Meriam Tlali, das langjährige Dienstmädchen seiner Großmutter, lichtet er in majestätischer Pose ab. Voller Würde thront sie auf einem einfachen Stuhl vor einer grünen Wand, von der der Putz allerdings schon bröckelt. Auch sich selbst reiht er immer wieder ein. Da blickt er uns an, mit nacktem Oberkörper, so dass man die Muskelpakete und die Tattoos sieht, und vor der Brust hält er seinen kleinen Sohn im Strampler, der ausgesprochen mürrisch wirkt. Er will Heimat abbilden, oft in Nahansichten von Menschen, die vom Interesse des Fotografen zeugen. Dazu gehören auch Luftaufnahmen: Die eine zeigt Dainfern, eine abgeschlossene Luxus-Wohnsiedlung in Johannesburg, lauter Villen mit rot leuchtenden Dächern und fast immer mit einem Pool im Garten. Die andere zeigt das benachbarte Township Diepsloot, in dem sich die windschiefen Flachdächer der Hütten aneinanderdrängen und wo kein Platz für Rasen und Ziersträucher ist. Die Rassentrennung wirkt fort als soziale Spannung. Aber manchmal gibt es Überraschungen: Das weiße Paar Pieter und Maryna Vermeulen lebt zur Untermiete bei einer schwarzen Familie. Er hat bei einem Arbeitsunfall ein Bein verloren – und weil der Vermieter erkrankt ist, kümmern sie sich um das Kind. Auch ohne die Geschichte zu kennen, bemerkt der Betrachter des Fotos die prekären Verhältnisse, in denen das Paar lebt.

Rassenklischees bricht Hugo in der Serie „There‘s a Place in Hell for me and my Friends“ auf. Da hat er seine Porträts so nachbearbeitet, dass sie schwarz-weiß erscheinen. Zugleich hat er die Grauwerte des Melanin angehoben, wodurch auch europäischstämmige Menschen dunkelhäutig erscheinen. Das gibt besonders den Helläugigen eine zombiehafte Ausstrahlung, bei anderen wird es schwierig, zu entscheiden: schwarz oder weiß? Eine weitere Serie zeigt albinoide, also weißhäutige Menschen, aber auch Sehbehinderte – mitten in der Serie platziert Hugo auch ein Selbstporträt. Und wieder irritiert er die Erwartungen.

Pieter Hugo arbeitet in seinen Reportagen immer auch afrikanische Geschichte auf. So bereiste er mehrmals Ruanda, um die Spuren des Völkermords an den Tutsi zu dokumentieren. Manche Bilder sind dezent, zum Beispiel die beschädigte Wandmalerei eines Frisiersalons. Aber er zeigt auch in Leim konservierte Leichen und einen Raum voller Schädel und das überwucherte Massengrab in einem Wald. Zehn Jahre später, 2014, fotografierte er Kinder. Ein Mädchen sitzt im schillernden Schuppenkleid auf einem Erdhang und mustert den Betrachter sehr ernst. Ob auf ihr die Erinnerung an die Gewalt lastet?

Hugo besucht in Ghana die Wildhonigsammler und die Halden für Elektronikschrott aus Europa in der Nähe von Accra, wo die Slumbewohner alte Computer und Fernseher ausschlachten, um die Metalle zurückzugewinnen. Ohne Schutz gegen die giftigen Dämpfe stehen sie da im Rauch von offenen Feuern, mit schmutzigen T-Shirts und meistens einer Metallstange in der Hand. Der Ort ist verseuchter als Tschernobyl.

Aber Hugo zeigt auch andere Seiten des Kontinents als Krisen und Kriege. Wer weiß schon, dass in Nigeria die drittgrößte Filmindustrie der Welt sitzt? Hugo hat „Nollywood“ besucht und mit Hilfe eines Make-Up-Künstlers die sehr eigene Trash-Ästhetik des nigerianischen Kinos nachgestellt. Da steigt ein verkohlter Zombie aus einem Unfallauto, ein Anzugträger wirft sich die Innereien eines toten Büffels über die Schulter, eine dunkle Schönheit hat sich gerade ein Schwert durch den Leib gerammt, und eine üppige femme fatale posiert mit einer Mütze der „Bundesmarine“.

Hugo fotografierte auch außerhalb Afrikas, zu Beispiel die nicht minder brüchige Gesellschaft in China zwischen Kommunismus und dekadent ausgestelltem Wohlstand. Da posiert ein junges Paar auf dem Sofa unter seinem eigenen Hochzeitsbild. Ein Mädchen posiert geradezu klischeehaft vor Kirschblüten – bis man ihr Unterlippenpiercing bemerkt. Und die junge Frau mit dem vielen Schmuck, dem Glitzerkleid, dem Pelz wirkt wie die Reinkarnation einer Dame vom Kaiserhof.

Bis 13.5.2018, di – so 10 – 17, do bis 20, sa 12 – 17 Uhr,

Tel. 0231/ 50 26 028, www.mkk.dortmund.de, Katalog, Prestel Verlag, München, 32 Euro

Quelle: wa.de

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