Das Picasso-Museum in Münster zeigt seine neuen Miró-Werke

Viele Buchstaben stehen für Wissen: Joan Mirós Lithografie „Der Gebildete – Rot“ (1969) ist in Münster zu sehen. Foto: Successio Miro / VG Bild-Kunst Bonn

Münster – Ein spirreliger Kobold scheint über das Blatt zu tanzen, dass man gar nicht recht ausmachen kann, wo hier ein Kopf steht und wo die Füße. Die Augen markieren den roten Kopf. Joan Miró hat den „Gebildeten – Rot“ auf eine Wand aus Blockbuchstaben gesetzt, die sich aber nicht zu Wörtern fügen. Was diesem Wesen wohl im Kopf herumgeistert?

Das Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster besitzt neuerdings gleich zwei Fassungen dieser Lithografie. Auf einer weiteren Version ist der Kopf grün. Sie hängen über Eck nun in der Ausstellung „Picasso/Miró“. Zum 20. Geburtstag, den es in diesem Jahr feiert, hat das Museum von einem seiner Träger, dem Sparkassenverband Westfalen-Lippe, eine Sammlung mit Grafiken des katalanischen Künstlers als Dauerleihgabe bekommen. Museumsdirektor Markus Müller konnte die Kollektion selbst zusammenstellen. Über drei Jahre hinweg wählte er 60 Werke in Mirós Pariser Galerie Maeght aus. Die Ausstellung ist nun der Platz, die wichtige Abrundung des Museumsbestands vorzustellen. Und wie ginge das besser, als die Arbeiten Mirós denen des Hauspatrons gegenüberzustellen? Zumal Miró (1893–1983) und Picasso (1881–1973) befreundet waren.

So kann man jetzt praktisch alle Neuerwerbungen anschauen, dazu rund 40 Arbeiten Picassos und in einem Raum gut 20 Fotos. Zur Dauerleihgabe gehören auch Fotos, die Ernst Scheidinger von Miró im Atelier in Mont-roig und Umgebung aufgenommen hatte. Ihnen sind Porträts von David Douglas Duncan von Picasso in dessen Atelier in der Villa „La Californie“ gegenübergestellt.

Kennen gelernt hatten sie sich 1920 in Paris. Da war der zwölf Jahre ältere Picasso schon berühmt. Miró hingegen kam als schüchterner Neuling in der Szene. Aber er stammte aus dem selben Viertel in Barcelona wie Picasso. Als Türöffner hatte ihm Mutter Picasso einen Kuchen mitgegeben. Picasso wird zu einem Mentor und Förderer, der den jungen Kollegen mit Galeristen und Kollegen zusammenbringt.

Die Freundschaft zwischen den beiden hielt bis zu Picassos Tod. Museumsdirektor Müller führt das auch darauf zurück, dass sie sich künstlerisch nicht in die Quere kamen. Man merkt das gleich am Anfang der Schau im „Bestiarium“ überschriebenen Raum. Picasso erschafft gleichsam analytische Tierporträts. Seine „Große Eule“ (Lithografie, 1948) erfasst den Charakter des Tiers, ist bei aller Verfremdung zum Beispiel des Gefieders zu einer Art floralen Gebilde realistisch. Auch bei der „Kröte“ (1948) beziehen sich die Schwünge des Umrisses auf die geduckte Form des Tiers, die kleinen Kreise und Punkte auf die warzige Haut.

Miró hingegen denkt sich einfach etwas aus. Seine große Aquatinta einer Kreatur, deren Gliedmaßen wir gar nicht eindeutig zuordnen können, deren großes rundes Auge uns aus dem Profil direkt anblickt und deren Mund zu einem freundlichen Lachen geöffnet scheint, die nennt er „Sandratte“ (1975). Da wäre von Fisch bis Pinscher alles drin, aber in dem Moment, wo man den Titel sieht, erscheint er zwingend. Ein großes Blatt mit schwarz hingeklecksten Linien und einigen Farbtupfern betitelt er „Souris noir à la mantille“ (Schwarze Maus mit Schleiertuch, 1975). Miró überblendet darin, wenn man genau auf die runde Kopfform im Zentrum schaut, Jackson Pollock mit Walt Disney. Und im französischen Titel lässt er noch wortspielerisch ein Lächeln (Sourire) anklingen.

Insoweit ist in Münster kein Dialog in dem Sinne zu sehen, dass Picasso und Miró sich austauschten, etwa einer Motive des anderen verarbeitete. Man wird schwerlich ein Werk falsch zuordnen.

Allerdings deutet sich an, dass beide ein Interesse an bestimmten Themen zeigten. Am nächsten waren sie sich beim Surrealismus, meint Museumsdirektor Müller. Picassos „Figuren“ überblenden Profil und Frontalansicht, die Verfremdung geschieht aus dem Zerlegen und Neu-Anordnen von Details. Mirò reduziert in „Diane d‘Éphèse“ (1958) die weibliche Figur auf eine Art Pilzform, der er Kreise einschreibt. Das Blatt „La Demoiselle du téléphone“ (1971) ist um das Foto eines Telefons konstruiert, die Telefonistin verschmilzt mit ihrem Arbeitsgerät zu einem Zwittergeschöpf. Überhaupt arbeitet Miró gern mit visuellen Fundsachen, druckt seine Klecksform in „Les mains sales“ (1975) auf Zeitungsseiten und setzt darüber wiederum Handabdrücke. So bekommen die Massenmedien eine Anmutung von Höhlenmalerei verpasst.

Sehr hübsch ist die Gegenüberstellung zweier Blätter zu einem Sportthema. Miró entwarf für die Fußballweltmeisterschaft in Spanien 1982 ein Plakat, das eine Art Mischwesen aus Fußballer und Fußball. 20 Jahre früher hatte Picasso die Lithografie „Fußball“ geschaffen, eine sehr stilisierte Spielszene.

Miró war Patriot, für Spanien, mehr noch für Katalonien. Er blieb, anders als Picasso, auch unter der Herrschaft Franco im Lande, achtete aber darauf, dass das Regime ihn nicht als Repräsentanten missbrauchen konnte. Nach dem Tod des Diktators widmet er sich nationalen Themen, zeichnet Hommagen an den Baumeister Antoni Gaudi und an seine Stadt Barcelona, aber auch Plakate für „Schriftsteller in katalanischer Sprache“.

Jedenfalls ist Münster nun auch Anlaufstation für die Liebhaber eines weiteren Meisters der Moderne im 20. Jahrhundert. Und Blätter wie die „Landleute“ (1969) die „Feuersteinschlägerin“ (1973) lohnen allemal, ausführlich angeschaut zu werden.

Bis 31.1.2021, für die Schau erweiterte Öffnungszeiten: tägl. 10 – 18, fr bis 19 Uhr,

Tel. 0251/ 414 4710,

www.picassomuseum.de

Quelle: wa.de

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