Patrick Delcroix verarbeitet Homers „Odyssee“ zu einem Tanzabend in Essen

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Im Grunde lieben sie sich: Szene aus der „Odyssee“ mit Tomás Ottych und Elisa Fraschetti.

Von Edda Breski ESSEN - Wenn ein Choreograf sich als erstes abendfüllendes Projekt eine Homer-Adaption aussucht, darf man davon ausgehen, dass der Mann kein Problem mit seinem Selbstbewusstsein hat. Für das Aalto-Ballett in Essen hat Patrick Delcroix eine „Odyssee“ geschaffen. Die Premiere wurde mit kräftigem Applaus gefeiert, für den Schöpfer wie auch für seine Hauptdarsteller, Tomás Ottych als Odysseus und Elisa Fraschetti als Penelope.

Der Kylián-Schüler Delcroix, der vorher kleinere Werke für Essen geschaffen hat, erzählt den Mythos in 75 Minuten als Geschichte von Liebes-Begegnungen. Er erstellt eine Zeitlinie, die mit dem Abschied des Paars beginnt und direkt zu Odysseus‘ Fahrt weiterführt. Der Trojanische Krieg fällt aus.

Odysseus verlässt seine hingebungsvolle Gattin und begegnet der verführerischen Zauberin Kirke, der Nymphe Kalypso und dem Seeungeheuer Skylla. Ottych verschlingt und dreht sich in kraftraubenden modernen Choreografien um die Frauen, um sich stets wieder loszureißen. Die Göttin Athene lenkt ihn. Seine Männerfreunde sind Staffage, sie werden von Skylla verschlungen.

Ist damit Odysseus‘ Abschied von Penelope nicht ein Irrtum und seine Reise ein Fehler, der durch seine Rückkehr berichtigt wird? Das illustriert Delcroix, indem er ein Schwarzweißbild von Frauen zeichnet. Der Held begegnet fordernden Frauen, während Penelope daheim passiv leidet. Dass sie selbst klug ist, streicht Delcroix, die List mit dem Teppich, den sie nachts auftrennt, entfällt. Damit das Konzept funktioniert, unterschlägt Delcroix außerdem Nausikaa, Tochter der Phäaken, die Odysseus liebt und ihn ziehen lässt.

Die Tänzerinnen verleihen den Frauengestalten Kontur. Julia Schalitz‘ Kirke verströmt Sexappeal. Delcroix zeigt Odysseus‘ Weggang von ihr als unterbrochenen Koitus, während sich vorn auf der Bühne Penelope nach ihrem Mann sehnt. Alle tragen moderne Anzüge und Abendkleider. Nur Skylla, dargestellt von einer Frauengruppe mit verbreiterten Hüften und synthetischroten Haaren, erscheint als aggressive Märchenfigur. Soll uns das etwas über gute, gleich duldende, versus schlechte, gleich fordernde, Weiblichkeit sagen? Das wäre reaktionär.

Anna Khamzinas kühle Kalypso markiert mit ihren langen Gliedern ihren Anspruch auf den gestrandeten Odysseus. Doch sie wird von Athene (Michelle Yamamoto) in die Schranken gewiesen. Delcroix überträgt auf die Göttin der Weisheit die Funktion der Göttermutter Hera als Hüterin der Familie.

Es gibt antike Referenzen, so erscheint Athene in griechischer Haartracht (Kostüme: Bregje van Balen). Delcroix integriert Gegenständliches – Schiffsseile, eine Hausfassade – und konkrete Geräusche wie Wind. Außerdem setzt er auf Musik, wie sie im modernen Tanz hip ist, von Olafur Arnalds oder Ben Frost, mit langen Streicherkantilenen und anschwellenden Beats. Im Grunde aber arbeitet er mythisch-abstrakt, lässt auf einem Boden tanzen, der wie Wasser spiegelt. Sehr gelungen ist die Anfangsszene, als Penelopes und Odysseus‘ Schatten wie im Kaleidoskop gebrochen werden (Licht und Bühne: Kees Tjebbes). Mit einem ähnlichen Effekt zeigt Delcroix, wie Odysseus im Schattenreich seiner verstorbenen Mutter (Yulia Tsoi) begegnet.

Delcroix‘ „Odyssee“ ist die Darstellung einer Ehe im romantischen Gewand. Penelope und Odysseus haben standhafte Gefühle füreinander, statt einer Geschichte. Die Reise als Metapher für Entwicklung fällt weg, es bleibt die Moral. Stark sind die Tänzer, besonders Ottych und Frascetti, die mit allen Körperfasern von Sehnsucht erzählen.

23., 25., 29.4., 13., 17.5.,

Tel. 0201/ 81 22 200

www.aalto-ballett-theater.de

Quelle: wa.de

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