Oudenaarde zeigt 30 Gemälde von Adriaen Brouwer

+
Überraschung! Und was für eine launige Männerrunde. Der flämische Künstler Adriaen Brouwer malte „Die Raucher“, um 1635. Für die Ausstellung in Oudenaarde kommt das Kunstwerk aus dem Metropolitan of Art, New York. Museum

OUDENAARDE Upps, da hatman die Jungs beim Rauchen erwischt. Der Mann im Vordergrund hat Augen und Mund aufgerissen, er atmet eine Rauchfahne aus und scheint den erhobenen Bierkrug vergessen zu haben. Völlig nüchtern scheint die Truppe am Kneipentisch nicht mehr, der Mann ganz links stützt sich ab und hält sich ein Nasenloch zu, die beiden im Hintergrund blicken benebelt.

Hinreißend spontan wirkt die Freundesgruppe, die Adriaen Brouwer um 1636 gemalt hat. Der Spaß wächst noch, wenn man erfährt, dass der überraschte Genussmensch ein Selbstporträt des flämischen Malers ist, der sich auf dem Bild mit seinen Kollegen Jan Lievens, Jan Davidsz. de Heem, Joos van Craesbeeck und Jan Cossiers umgab. Auf relativ kleinem Format, das Werk ist nicht mal einen halben Meter hoch, hat man hier alles, was ein Meisterwerk der barocken Genremalerei ausmacht. Wunderbar illusionistisch hat Brouwer seine Kleidung, aber auch zum Beispiel die weiße Spitze am Ärmel von de Heem getroffen, ebenso wie den Krug, der schillernd das Licht reflektiert. Hinzu kommt die virtuos arrangierte Unordnung mit dem Zeug, das auf dem Boden liegt, dem achtlos umgeworfenen Besen.

Das Bild aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art ist zur Zeit in der belgischen Provinz zu sehen. Die flämische Kleinstadt Oudenaarde in der Nähe von Gent widmet dem berühmten Sohn eine kleine, aber fabelhafte Werkschau im Museum van Oudenaarde en den vlaamse Ardennen. Rund 30 Gemälde von ihm sind dabei aus bedeutenden internationalen Museen wie der National Gallery in London, der Gemäldegalerie Berlin, dem Louvre in Paris entliehen worden, hinzu kommen 25 Werke von Zeitgenossen wie Rubens, Rembrandt, Pieter Bruegel d.J., David Teniers. 30 Bilder klingt zunächst wenig. Aber von Brouwer sind nur etwa 65 Gemälde überliefert, die Schau bietet also die Hälfte des Gesamtwerks. Für ein Provinzmuseum, das kein einziges Original besitzt, eine erstaunliche Leistung, die nur durch die Kooperation mit dem Königlichen Museum für schöne Künste in Antwerpen möglich wurde.

Von Brouwer weiß man nicht sehr viel. Er wurde um 1604 geboren, nicht einmal die Eltern sind präzise zu fassen. Er reiste viel, auch durch die nördlichen Niederlande, dokumentiert sind Aufenthalte in Amsterdam und Haarlem. Um 1631 ließ er sich in Antwerpen nieder, wo er 1638 starb. Das mag erklären, warum er zwar unter Kollegen hoch geschätzt war – Rubens besaß 17 Gemälde von Brouwers, Rembrandt immerhin sechs –, aber so richtig berühmt ist er nicht.

Dabei hat er sein Metier, die Genremalerei, höchst originell bereichert. Anfangs wurde er als „neuer Bruegel“ gefeiert. Seine frühen Kneipenszenen mögen von den Darstellungen ausufernder Dorffeste inspiriert sein, wie sie Pieter Bruegel im ausgehenden 16. Jahrhundert geschaffen hatte. Das turbulente Treiben auf dem Dorfplatz im Gemälde des Georgsfestes von Pieter Bruegel dem Jüngeren gibt die rustikalen Themen vor, die Brouwer später verfeinert, da wird gesoffen und getanzt, geflirtet und gestritten, ein Mann übergibt sich.

Brouwer wendet sich dem Alltag zu, seine Bauern sitzen in pittoresken Kaschemmen, und er versammelt auch nicht hunderte von Figuren zu einem Wimmelbild, sondern fokussiert sich auf höchstens ein Dutzend Gestalten. Aber bei ihm ist schon ordentlich etwas los, wie man im Bild „Feiernde Bauern“ (1624/26) sehen kann. Da fiedelt ein Musikant los, die angetrunkenen Kerle grölen aus vollem Halse mit, eine Magd schenkt Bier ein, während am Nebentisch ein Kind die Breischüssel vom Tisch stößt. Obwohl Brouwer kräftige Farben nutzt wie das Blau einer Jacke, das Rot einer Mütze, bestimmen Braun- und Ockertöne das Bild, entsprechend dem Halbdunkel in einer Kneipe. Diesem Milieu der einfachen Leute bleibt Brouwer treu. Bei Zeitgenossen wie Willem Pietersz. Buytewech sitzt die „fröhliche Gesellschaft“ (um 1620) in einem ordentlichen Zimmer gesittet am Tisch, und die elegante bürgerliche Kleidung ist kaum in Unordnung. Bei Brouwer geht es hingegen richtig zur Sache.

Das hebt die von Katrien Lichtert kuratierte Ausstellung hervor: Brouwer führt in seine so alltäglich wirkenden Szenen Gefühle ein, er entwickelt eine glaubwürdige Psychologie. Seine Figuren ziehen nicht einfach Grimassen. So schnell vergisst man nicht den verschmitzten, selbstgewissen Blick, mit dem der Lautenspieler, der mit einer singenden Frau am Tisch sitzt, den Betrachter zum Komplizen macht (Interieur, ca. 1630/32). Die Kerle, die sich da über dem Würfeln zerstritten haben, prügeln mit echter Wut aufeinander ein (ca. 1634/36). Ein Bild wie die „Rückenoperation“ (um 1636) gehörte zu einer Serie der fünf Sinne und stand für den Tastsinn. Zugleich fing Brouwer aber virtuos den Schmerz ein, den der Quacksalber in dieser Kneipenszene seinem Patienten zufügt. Ob versunken dem Qualm nachblickender „Raucher“ (ca. 1632/35) oder ausgelassener Flötenspieler (ca. 1632/36), jede Stimmung fixiert der Künstler überaus pointiert so, dass sie sich dem Betrachter noch 400 Jahre später überträgt. Und er wandte sich ungewöhnlichen Themen zu, zeigt nicht nur einen Mann, der seinen Hund liebkost, sondern auch einen Vater, der sichtlich angewidert den Hintern seines Kindes säubert (um 1631).

Brouwer arbeitete zuweilen mit schnellen Strichen, einer sichtbaren Handschrift wie Rembrandt und Hals, in bestimmten Partien seiner Bilder entwickelte er eine feinmalerische Perfektion. Ein Genuss fürs Auge, gerade auch bei den kleinen Formaten, auf die er sich beschränkte. Seine späteren Landschaftsbilder atmen hingegen souveräne Weite, verzichten auf erzählerische Zuspitzung. In seiner „Landschaft mit Vollmond“ (um 1635/37) meint man einen Vorschein der Romantik zu entdecken.

Bis 16. 12., tägl. 9.30 – 18, do bis 22 Uhr, Tel. 0032/ 55/ 31 72 51, www.adriaenbrouwer.be,

Kat. (nl./engl.) 29,99 Euro, empfehlenswert ist der deutsche Audioguide

allg. Info: www.visitflanders.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare