Oper „Quartett“ von Luca Francesconi in Dortmund

Bekämpfen ihre Langeweile: Vicomte Valmot (Christian Bowers) kann der Marquise Merteuil (Allison Cook) am Ende nicht standhalten. Szene aus der Dortmunder Operninszenierung „Quartett“. Foto: jauk, stage picture

Dortmund – Die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont sind zwei Personen der Literaturgeschichte, bei denen man als allererstes auf den Gedanken käme, sie wären ohne diese ganze körperliche Sache besser dran. Aber vielleicht geht es nicht um Sex, sondern um Unmöglichkeit. Diese These vertritt der Regisseur Ingo Kerkhof an der Oper Dortmund. Er inszeniert „Quartett“, eine Oper von Luca Francesconi nach Heiner Müller.

Der wiederum hatte für sein 1980 erschienenes Theaterstück das Personal von Choderlos de Laclos’ „Gefährlichen Liebschaften“ auf vier reduziert, das heißt, eigentlich auf zwei. Die Marquise und der Vicomte schlüpfen auch in die Rollen der tugendhaften Madame de Tourvel und der naiven Jungfrau Cécile de Volanges, beide Zielscheiben des Berufsverführers Valmont.

Aus den Zitaten und dichten Überlagerungen strickt Regisseur Kerkhof eine nostalgische Stimmung. Er stellt einen riesigen Weidenbaum auf die Bühne (Anne Neuser). Zwischen dessen Zweigen spielen die Marquise (Allison Cook) und Valmont (Christian Bowers) ihr Zerstörungsspiel.

Mit „Quartett“ wagt sich Dortmund an ein spannendes neutönerisches Stück, das gerade akustisch viel zu bieten hat. Die anderthalbstündige Partitur ist dicht, doch sparsam, bietet Thrill und Überraschungsmomente. Die 13 Szenen verschwimmen bei Kerkhof wie traumverloren zu einer Szenenfolge. Müllers Zitattechnik findet sich in der Musik wieder. Zitate werden gelegentlich eingeblendet: Schiller, Brecht, das Hohelied.

Für die akustische Umsetzung hat Dortmund Unterstützung von den Klangtüftlern vom Pariser IRCAM, dem von Pierre Boulez mitgegründeten Labor für Neue Musik, erhalten. Francesconi verlangt für seine Oper nicht nur ein Kammerorchester im Graben, sondern ein Fernorchester, das per Aufnahme eingesteuert wird. Außerdem gibt es vorproduzierte Tonspuren der Sänger, die obendrein über Mikrophone singen, so dass sich ihr Gesang live manipulieren lässt.

Die Raumklanginstallation wird vom Dortmunder Dirigenten Philipp Armbruster vorzüglich koordiniert. Musikalisch ist viel zu erleben, von breit aufgefächerten Klangflächen bis hin zu Soundeffekten der Live-Instrumente. Ein Chor ballt sich zusammen, in die folgende Ruhe tropft eine Harfe. Statik knistert, während die Marquise sich nach Selbstzerstörung sehnt. Akustische und elektronische Instrumente kommen zusammen wie ein Bellen und Reißen von Wölfen. Mehrmals ergibt sich ein verstörender Effekt, als die Sänger aussetzen und die Tonspur weitermacht: als löse sich die Stimme vom Körper, der Körper von der Realität.

Cook sang vor acht Jahren die Uraufführung an der Mailänder Scala. Sie bewohnt ihre Rolle mit kühler Überlegenheit und einem bitteren Spott wie Eissplitter ins Herz. Stimmlich wandelbar, gurrt sie und trotzt, schwingt sich zu Höhenflügen auf und spottet im Sprechgesang. Sie mimt Selbstbefriedigung und dreht sich zu ihm um: Gut gespielt, was? Und sie kann herrlich maliziös an ihrer Teetasse nippen. Bowers hält ihrer unbesiegbaren Marquise einen jugendlich samtweichen Bariton und einen insgesamt zu sympathischen Teddybärcharme entgegen. Selbstironie zeigt er, als er die Tourvel im Tüllrock (Kostüme: Inge Medert) und mit ängstlichem Fächerschlag mimt. Rollenspiel als psychologische Kriegsführung.

Kerkhof zeigt zwei Überbleibsel eines langen Krieges zwischen zwei Menschen. Sie wird ihn gewinnen, am Ende ist er tot. Warum der Krieg? Weil Menschen nicht anders können: nicht mit-, nicht ohneeinander. Wie Kriegstraumatisierte haben beide die Grenzen ihrer Vorstellungskraft erreicht. Daher ihre Langweile. Beide vergehen sich an den zwei stummen Zofen (Gianna Pellarin, Zoe Straub). Ihren Realitätsverlust fasst Kerkhof in formalisierte Gesten: wiederholtes Gläserwerfen, Zigarettenanzünden, einen Showtanz, bei dem die beiden grinsend umeinander herumsteppen. Das nutzt sich über die Zeit ab. Gelegentlich tauchen Statisten auf und beschauen das Unheil, mehr ist von Heiner Müllers zeitkritischem Ansatz kaum geblieben. Eigentlich sollten die Szenen teils im 18. Jahrhundert, teils in einem Bunker nach einem fiktiven 3. Weltkrieg spielen.

Hier findet der Krieg innerlich statt. Vielleicht ist das symptomatisch für unser Jetzt. Wir sind der Kriegsgeschichten, der großen politischen Sittenbilder zu müde. So wird das Abschlachten ins Private verlagert. Auch eine Form von Dekadenz.

Edda Breski

Die Oper

Ein neutönerisches Musiktheater, das akustisch viel zu bieten hat. Die Raumklanginstallationen sind vorzüglich koordiniert. Die wandelbaren Stimmen und ihr profiliertes Spiel überzeugen.

Quartett an der Oper Dortmund. 27.4.; 5., 11., 17.5.; Tel. 0231/5027 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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