Neue CD: Camille Bertault: Pas de Géant

+
Camille Bertault: Pas de Géant

Camille Bertault: Pas de Géant (Okeh/Sony). Das muss man sich trauen: Die französische Sängerin Camille Bertault unterlegt John Coltranes Klassiker „Giant Steps“ mit einem frechen französischen Text und lädt das Ergebnis bei Youtube hoch. Es wurde ein Hit, schon weil die inzwischen 31-Jährige mit allen Wassern der Vocalese-Kunst gewaschen ist. Ihre Stimme führt sie in rasendem Tempo durch die waghalsigsten Intervalle, ohne dass die Textverständlichkeit dabei litte.

Und nun das Album, das noch ganz andere Kunststücke bietet, zum Beispiel sämtliche Werke von Maurice Ravel, kurz gefasst in vier Minuten, und unter dem ätherischen Ein-Frau-Multitrack-Chor des Finales gibt‘s natürlich den Rhythmus des „Bolero“. In „Contes de Fées“ ist sie eine böse musikalische Märchentante, deren Stimme sich mal zu Grandezza aufschwingt und im nächsten Moment zum Kleinkind umschlägt. Sie singt eine Art Play-Bach-Version der Aria aus den Goldberg-Variationen, mühelos, dass es einem schon beim Hören den Atem raubt.

Chansons von Gainsbourg und Brassens trägt sie fast konventionell vor, obwohl immer wieder ihre außergewöhnlich bewegliche Stimme vorscheint. Und man staune nur, wie sie Michel Legrands „La femme coupée en morceaux“ als großes Orchesterstück hinlegt, mit Swing und Wucht – und das Thema der in Stücke geschnittenen Frau bringt doch das Kopfkino auf Touren.

Und im finalen „Conne“ erinnert sie an eine Vorläuferin im Geiste: Schon Brigitte Fontaine sang großartig, dass sie eine Schlampe sei. Bei Bertault klingt es zusätzlich irre, sie flippt am Mikro aus, während die Band dem Song einen guten Schuss James-Brown-Funk unterlegt. Ebenso artistisch wie ästhetisch überzeugend. - Ralf Stiftel

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.