Museum Ostwall zeigt Kunst zu Kohle: „SchichtWechsel“

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Idyll aus dem Ruhrgebiet: Das Gemälde „Schwäne und Enten vor der Zeche ZollernII/IV“ (1986) von Franz Brandes, zu sehen im Museum Ostwall im Dortmunder U.

DORTMUND 15 Zechen gab es in den 1950/60er Jahren in Dortmund. Im Museum Ostwall im Dortmunder U sind die Bergwerke auf einer Karte verzeichnet. Hier wird Stadtgeschichte bildhaft notiert, und die Ausstellung „SchichtWechsel. Von der (bergmännischen) Laienkunst zur Gegenwartskunst“ verbindet gestern mit heute.

Das Team um Direktor Edwin Jacobs geht aber nicht nostalgisch vor, sondern präsentiert in offenen Kabinetten erstmal die eigene Geschichte. Museumsgründerin Leonie Reygers förderte ab 1950 Laienkunst und baute eine Sammlung auf. Bilder von Séraphine Louis (1864–1942) zählten dazu. Sie arbeitete ab 1912 für den Kunsthistoriker und -sammler Wilhelm Ude. Ihre Blumenstillleben haben etwas eigentümlich Lebendiges. Vor allem nach dem 2. Weltkrieg unterstützten Montanunion und Gewerkschaften die künstlerische Freizeitgestaltung der Arbeiter und Angestellten.

In Dortmund förderte die Hoesch Werke AG ab 1955 Laienkünstler in Ausstellungen und Wettbewerben („Steckenpferdeturnier“). Jurorin war Leonie Reygers (von 1962 bis 1965), die ein pädagogisches Ziel verfolgte: Der einzelne solle aus der „Anonymität der Masse“ herauswachsen – zu einem Individuum. 1965 wurde das Gemälde „Fronleichnamprozession im Sauerland“ von Franz Klekawka (1925–2001) prämiert und von der Hoesch Werke AG fürs Museum angekauft. Der Schlosser hatte zwischen Fachwerkhäusern Menschen gemalt, die sich langsam durch ihr Dorf bewegen. Im Hintergrund ist ein Kirchturm und ein Hochsitz zu sehen. „Ein möglichst eigenständiges Bemühen“ solle zu erkennen sein, forderte Jurorin Reygers. Und Klekawkas naive Malerei erfüllte die Anforderung. In Dortmund werden außerdem Ausschnitte aus Werk- und Tageszeitungen zu Klekawkas Preis in Vitrinen aufgeblättert.

Die Ausstellung belegt, wie offen Bildungseinrichtungen waren und wie Menschen zur Kreativität angeregt wurden, ohne das gleich Geniales zu erwarten war. „Amerikanische Primitve“ hieß eine Schau zum Thema Laienmalerei vom 17. Jahrhundert bis heute, die 1954/55 im Museum am Ostwall stattfand. 1962/63 ging es um „Sonntagsmaler aus Jugoslawien“. Zwei Plakate sind ausgestellt. Fotografien von Alfred Renger-Patzsch zeigen die Räume des neuen Museums: Gartenansicht, Lichthof, Leseraum. Es war ein modernes Kunsthaus entstanden, das ohne die Kohle und das Geld aus dem Bergbau und der Stahlindustrie keine Klientel gehabt hätte. Hier sollte künstlerisch gearbeitet und aufgeschlossen vermittelt werden.

Es ist auch das Credo des vielteiligen Ausstellungsprojekts „Kunst & Kohle“, zu dem die Schau in Dortmund zählt. Der Verband RuhrKunstMuseen existiert seit 2008. Mit „Kunst Kohle“ wollen 17 der 20 Kunstmuseen des Ruhrgebiets – zwei Häuser aus Hagen und Hamm fehlen – für Aufbruchstimmung sorgen. „Ohne Kohle gibt es keine Kunst“, sagte Leane Schäfer, Sprecherin der RuhrKunstMuseen in Herne. 20 000 Quadratmeter Schaufläche stehen zur Verfügung, 150 Künstler sind dabei, 2,5 Millionen Euro wurden investiert – 750 000 von der RAG Stiftung. Aus dem industriellen Komplex an der Ruhr seien geistige Ressourcen entstanden, sagte Ferdinand Ullrich, Projektleiter „Kunst & Kohle“. „Wir machen das wahr“, so Ullrich, der auch an die Ruhrfestspiele erinnert, als 1947 Schauspielkunst aus Hamburg gegen Kohle aus Recklinghausen getauscht wurde. Schirmherr des Projekts ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Mythen ranken sich um die Maloche im Revier und ihre Menschen. Im Museum Ostwall sind Gesichter von Bergmännern maskenhaft wie expressiv zu sehen, und in der Laienkunst idealisiert. Der Kanal taucht als Freizeit-Idyll auf, und ein Schloss strahlt bei Hans Koehn 1953 in herrlichen Rottönen inmitten einer Gräftenlandschaft. Zu den „Sonntagsmalern“ zählte auch Franz Brandes, der sein Bild „Schwäne und Enten vor der Zeche ZollernII/IV“ (1986) nach einem Foto des Brückenaufsehers Heinrich Huge malte. Brandes war Hauer auf Zollern und widmete sich ab 1967 als Rentner seinen Motiven. Doch neben beschaulichen Stillleben, Industriebauten- und Naturbildern reagieren die Laienkünstler auch auf Problemlagen. Die Dunkelheit im Stollen und die „Angst“ werden aufgegriffen. Friedrich Gerlachs fein gezeichnetes Bild von 1958 umstellt den einzelnen mit Mauern – ausweglos.

Ganz plastisch ging Erich Bödeker (1904–1971) vor, der Figuren aus Beton aufbaute. Seine „Madonna“ in Dortmund hat er abschließend bemalt. Ein TV-Video zeigt etwas wohlmeinend, wie der Bergmann (41 Jahre unter Tage) in Holzschuhen mit seinem Material umging – auch Dosen verarbeitete.

Im zweiten Teil des „SchichtWechsel“ ist zeitgenössische Kunst zu sehen, die auf den Bergbau und seine Auswirkungen reagiert. Marcus Kiel zeigt mit seiner Arbeit zu gebrauchten Industrielappen von der Zeche Ewald überraschende haptische Qualitäten. 112 verschmutzte Stoffreste sind gereiht und geordnet – eine spürbare Materialinstallation. Andreas Gursky, Fotostar aus Düsseldorf, hatte mit „Hamm, Bergwerk-Ost“ 2008 seine überwältigende Multi-Motiv-Fotografie zum Zechenleben geschaffen. Die Klamotten der Kumpel sind überdimensional verewigt.

Alicja Kwade spürt feinsinnig der Stofflichkeit der Kohle nach, wenn sie kleine weiße Porzellanfiguren an den Rand eines staubigen Kohlebergs aufreiht. „Die Trinkenden“ (2011) sind nackte Frauenfiguren, die demütig von der Energie der Kohle profitieren wollen. Oder überwiegt die Macht der Kohlebarone gegenüber der weiblichen Zerbrechlichkeit? Schwarz gegen Weiß?

Es ist spannend zu erleben, wie intensiv die Auseinandersetzungen mit Kohle geführt werden. Mohau Modisakeng aus Südafrika erinnert mit ihrem Video „To Move Mountains“ an die schlechten Arbeitsbedingung, die in Ländern unserer Importkohle herrschen. Eine Schwarze ist im weißen Overall zu sehen, spitze Messer führt sie in ihren Händen und modrige Erde klebt daran. Eine düstere geisterhafte Hinführung. Dagegen hat Nora Schattauer Blindzeichnungen durch Kohlepapier ausgeführt. Es sind feine Liniengespinste, die gestisch abstrakt wirken. Werke von Adriane Wachholz, Reiner Ruthenbeck, Eva Gronbach, Alwin Lay und anderen sind noch zu sehen.

Die Schau

Eine ambitionierte Schau zwischen Sonntagsmalern und zeitgenössischer Abstraktion.

SchichtWechsel. Von der (bergmännischen) Laienkunst zur Gegenwartskunst im Museum Ostwall im Dortmunder U. Bis 12. August; di, mi 11 – 18 Uhr; do, fr 11 – 20 Uhr, sa, so und Feiertage 11 – 18 Uhr; Katalog in Vorbereitung; Tel. 0231 / 5024 723; www.museum

Quelle: wa.de

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