Das Museum Ostwall zeigt „Arche Noah – Über Tier und Mensch in der Kunst“

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Die Arche ruht „Auf dem Rücken der Tiere“ in der Arbeit von Christiane Möbus.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Ein Hirsch, Nilpferde, Wildschweine, ein Bär, ein Zebra, ein Büffel stemmen gemeinsam das mächtige, elf Meter lange schwarze Boot. Diese Arche rettet niemanden. Sie liegt „Auf dem Rücken der Tiere“. So kehrt Christiane Möbus die biblische Geschichte um: Kein Gott bietet Sicherheit, und erst recht keine Menschen. Die Tiere müssen ihr Schicksal selbst tragen.

Die raumfüllende Installation (1990/94) bildet einen mächtigen Schlussakkord für die Ausstellung „Arche Noah – Über Tier und Mensch in der Kunst“ im Dortmunder U. Das Museum Ostwall präsentiert rund 160 Werke vom Expressionismus bis in die Gegenwart, die eine komplizierte Beziehung ästhetisch aufbereiten. Das befriedigt manchmal die Sehlust wie bei August Mackes prachtvollem Triptychon „Großer Zoologischer Garten“ (1912), der farbenfroh das gutbürgerliche Freizeitvergnügen schildert. Und manchmal schockiert die Schau wie in Jörg Knöfels Rauminstallation „Schlachthaus Berlin“ (1986/88), einem Labyrinth aus dünnen Zinkblechplatten, an denen zunächst nur Spuren von Flüssigkeit auffallen. Bald aber folgen Fotos aus der Schweineverarbeitung, aufgeschnittene Tierleiber, vorquellende Innereien, Blut. Da ist das Tier nur noch Rohstoff, dem kein Respekt entgegengebracht wird.

Diesen Spannungsbogen hält die von Katja Knicker und Museumsdirektor Kurt Wettengl kuratierte Schau. Hier soll der Kunstliebhaber ebenso angesprochen werden wie der Tierfreund, hier soll man stellenweise genießen, aber nicht unkritisch. Keine kulturgeschichtliche Abhandlung ist angestrebt, sondern eher ein anekdotensatter Essay in Bildern. Dabei reißt die Ausstellung auch einige nicht erwartbare Themenfelder auf.

Ein Leitmotiv ist natürlich die Darstellung des Tiers in der Kunst. Ein Thema schon in den frühesten Kulturzeugnissen: Höhlenmalereien zeigen Hirsche, Bären, Mammuts. In Dortmund findet man charmante Kleinplastiken von Renée Sintenis, zum Beispiel die Bronze eines übermütig ausschlagenden Fohlens. Daneben steht eine abstrahierte Kuh von Ewald Mataré, dem Lehrer von Joseph Beuys. In Marcs schönem Gemälde „Äffchen und Mensch“ (1912) gleichen die Gesichtszüge des Menschen einem großen Affen, es ist fast, als blickte ein Vater auf ein Kind. Das Museum bestückt die Schau zu einem Drittel aus der eigenen Sammlung, Picassos Lithografien eines Hummers und einer Kröte (1949) zum Beispiel, einen bronzenen Tierkopf von Henry Moore und das wundervolle Gemälde „Grauer Kater auf Kissen“ von Ernst Ludwig Kirchner.

Während hier oft typisiert wird, gibt es auch Künstler, die Tiere porträtierten, als wären es Menschen. Otto Dix malte schon 1928 den Schäferhund seines Freundes Hugo Erfurth auf diese Weise.

Aber die Schau hat noch ganz andere Geschichten. Ein Raum ist der Beherrschung von Tieren gewidmet: Picassos Stierkampfdarstellungen ist ein Video von Anna Jermolaewa (2010) entgegengestellt, in dem das blutige Geschehen umgekehrt wird. Das Tier erhebt sich aus der Blutlache, wird wieder lebendig. Das Museum spricht ethische Aspekte an: Was tut der Mensch seiner Mitkreatur an? Ein grusliges Ballett schockt in Émilie Pitoisets Video „La danse de Saint Guy“ (2008), in dem sie eine Szene aus einem Schwarz-Weiß-Film von 1949 aus den Pariser Schlachthöfen zu einer Endlosschleife montiert: Lämmer liegen rücklings auf der Schlachtbank, ihre Beine zappeln in der Luft. Und auch die Wissenschaft behandelt die Tiere oft als Material: Fotos von Claudia Terstappen zeigen Nasspräparate, Echsen aufrecht in Gläsern wie in einer Choreografie: „Death Dance“. Und Tiere leiden an den Folgen von Umweltzerstörung: Cornelia Hesse-Honegger zeichnet seit Jahren mit wissenschaftlicher Präzision Wanzen, die durch Radioaktivität zum Beispiel in der Umgebung von Tschernobyl deformiert wurden.

Eher spielerisch arbeitet Carsten Höller mit Tieren: Er hat Finken beigebracht, Lieder unter anderem von Jimi Hendrix zu pfeifen. Andere Künstler lassen Tiere für sich arbeiten: Björn Braun gibt Zebrafinken Wolle, synthetische Fasern und anderes und lässt sie Nester bauen, farbenfrohe abstrakte Geflechte. Der Taiwanese Hung-Chih Peng befestigt Kameras an den Köpfen von Hunden und lässt so den Betrachter die Perspektive der Vierbeiner einnehmen.

Zudem hat das Haus Partner gesucht. Das Naturkundemuseum zum Beispiel wird gerade restauriert. Der amerikanische Künstler Mark Dion hat mit Präparaten ein „Dark Museum“ geschaffen, das der Besucher mit Taschenlampen erkundet. Im verdunkelten Raum fällt der Lichtkegel auf das große Thunfischskelett, auf den Schädel eines Krokodils, auf den ausgestopften Löwen. Die besondere Situation verleiht den Objekten unerwartetes Geisterleben.

Schließlich kooperiert das Museum mit dem Zoo, was beim Thema nah liegt. Es gibt eine Kombi-Eintrittskarte. Und im Regenwaldhaus sind Tierskulpturen von Bernhard Hoetger ausgestellt.

Arche Noah – Über Mensch und Tier in der Kunst

im Museum Ostwall im Dortmunder U.

15.11.–12.4.2015, di – so 11 – 18, do, fr 11 – 20 Uhr,

Tel. 0231/ 502 47 23, www. museumostwall.dortmund.de

Katalog 12 Euro

Quelle: wa.de

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