Das Museum Marta zeigt die Ausstellung „Glas und Beton“

Der Balanceakt belebt die Betonklötze: Vincent Ganivets Installation „3 arches stopped by straps“ (2019) ist im Museum Marta in Herford zu sehen. Fotos: Stiftel

Herford – Wie Tentakel einer Krake ragen die Stapel aus der Ecke im Museum Marta in Herford. Und obwohl die Betonsteine so massiv sind, spürt man vor Vincent Ganivets Skulptur, wie empfindlich, ja zerbrechlich diese Konstruktion ist. Nur die Spannseile halten die kunstvoll verdrehten und angekippten Steine. Das so plumpe und stumpfe Baumaterial bekommt durch den Kunstgriff eine Eleganz, eine tänzerische Leichtigkeit. Zugleich darf man sich nicht sicher fühlen, nicht zu nahe kommen. Denn wenn erst mal einer der Arme fällt, kann es weh tun.

Der Titel dieser Arbeit ist eine schlichte Beschreibung: „3 arches stopped by straps“ (2019). Spätestens hier erkennt der Besucher, dass auch ein spröder Titel wie „Glas und Beton“ eine spannende Ausstellung kennzeichnen kann. Die Themenschau greift zwei der zentralen Materialien moderner Architektur auf. Und auch wenn die Arbeit des französischen Künstlers so organisch aussieht, verfremdet er im Grunde ein ganz traditionelles Element der Baukunst: den Bogen. Nun ist die Ausstellung wieder zu sehen. Nach der Corona-Zwangspause sogar mit Verlängerung.

Glas und Beton wirken zwar überaus gegensätzlich. Zerbrechlich, transparent, leicht, glatt das eine. Solide, opak, schwer, rau der andere. Mit diesem Gegensatz spielt zum Beispiel der brasilianische Künstler Túlio Pinto in seiner Wandarbeit „Complicity“. Da hält ein Seil einen Betonblock in der Schwebe. Das Seil ist um einen Glaskörper geknotet, und wenn der bräche, wäre es vorbei mit dem Balanceakt. Aber Glas und Beton haben auch einiges gemeinsam, zum Beispiel den Hauptbestandteil Sand, der zu den Rohstoffen gehört, bei denen die globale Nachfrage größer ist als das Angebot. Und wenn auch die Architektur in vielen Arbeiten eine Rolle spielt, legt Direktor Roland Nachtigäller Wert darauf, keine Architekturschau zu präsentieren.

Tatsächlich gibt es unter dem Untertitel „Manifestationen des Unmöglichen“ auch Installationen und Skulpturen, die ganz andere Fragen verhandeln. Tatiana Trouvé stellt große Glasplatten in ihren Installationen in den Raum. Mit Metallstangen und anderen Objekten baut sie ebenso rätselhafte wie spielerische Konstruktionen auf. So balanciert oben ein einsamer Herrenschuh. Elín Hansdóttir wiederum verblüfft mit einem Stapel aus zehn handelsüblichen Betonplatten, die sie so stapelt, dass die Konstruktion einstürzen würde, nähme man auch eine Platte fort.

Mit Isa Genzken ist eine der wichtigsten deutschen Bildhauerinnen vertreten, die in ihrer unbetitelten Arbeit von 2017 eine rohe Miniaturarchitektur aus Beton auf einen Karton setzt. Aus dem Beton ragen wie zwei Insektenfühler Radioantennen. Die Skulptur verbindet Minimalismus mit der Energie der Punkmusik, die Genzken inspirierte.

Tödlich ernst hingegen ist die Geschichte hinter der Arbeit „Transformationsschnitt“ von Louisa Clement. Das ist scheinbar nur eine zimmergroße Bodenpartie, die verführerisch schwarz glänzende Glasbrocken bedecken, die manchmal seltsam grau patiniert sind. Vielleicht eine neue Art von Land-Art, denkt man. Tatsächlich entsorgt man Giftgas, zum Beispiel das Sarin, das das syrische Regime im Bürgerkrieg eingesetzt hat, indem man es verbrennt und die Rückstände in flüssiges Glas einschmilzt. So entstehen die schwarzen Brocken, die die Künstlerin in Herford inszeniert hat. Diese Rückstände gelten übrigens als unbedenklicher Müll, der unter anderem im Straßenbau als Füllmaterial verwendet wird.

Eine präzise Pointe setzt Stephan Huber in seinen Skulpturen „Arbeiten im Reichtum“ (1983), bei denen er einmal einen brennenden Kronleuchter in eine Schubkarre platziert, zum anderen das Rad der Schubkarre durch einen Kronleuchter ersetzt. Die unbrauchbar gemachten Geräte zeugen von absurdem Überfluss.

Die Versprechen der Architektur erkunden andere Arbeiten. Der Berliner Künstler Thomas Florschuetz hat 2006 die Ruine des Palasts der Republik fotografiert, der 2008 abgerissen wurde. Die monumentalen C-Prints unterstreichen noch die ästhetische Kraft der Ruine. Florschuetz nahm vor allem die riesigen Fensterpartien ins Visier, die Durch- und Ausblicke auf die Stadt boten. Was einmal als Symbol politischer Repräsentanz errichtet worden war, gewinnt im Verfall eine eigenartige Schönheit.

In ihrem Video „Ma‘arad Trablous“ (2016) thematisiert Alia Farid ebenfalls Monumentalarchitektur. 1963 begann der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer in Tripoli im Libanon mit dem Bau des Messegeländes Ma‘arad Trablous, das Austragungsort der Weltausstellung werden sollte. Kurz vor der Fertigstellung brach 1975 der Bürgerkrieg aus. Das monumentale Bauvorhaben, ein Traum in Beton mit rasant balancierenden Pilzbauten und gewaltigen Bögen blieb unvollendet. Die Künstlerin, Tochter eines Architekten aus Kuwait und einer Architektin aus Puerto Rico, filmt Frauen, die über riesige Freiflächen laufen und Treppen erklimmen. Einmal schmiegt sich eine Frau einfach auf eine Betonfläche, über die eine Ameise läuft. Niemeyer selbst verglich seine Arbeiten einmal mit dem Körper einer schönen Frau.

In die Geschichte weist hingenen das „Tondo No XH 7“ (2016) des französischen Künstlers Daniel Buren. Sein kreisrundes Glasfenster spielt auf die monumentalen Fensterrosen der gotischen Kathedralen an. Zugleich spielt es auf die Quadratur des Kreises, vielleicht gar auf Leonardo Da Vincis berühmte Zeichnung des vitruvianischen Menschen an. Aber auch ohne solche interpretatorischen Anstrengungen reizen die starken Farben und der farbige Schatten, den sie auf die weiße Wand dahinter werfen.

Bis 4.10., di – so 11 – 18,1. mi im Monat bis 22 Uhr

Tel. 5221/ 99 44 300 www.marta-herford.de Katalog 10 Euro

Quelle: wa.de

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