Das Museum Marta in Herford zeigt Arbeiten israelischer Videokünstler

Geister: Die Erzählerin und ihre Eltern in Omer Fasts Virtual-Reality-Produktion „The Invisible Hand“ (2018), zu sehen in Herford. Foto: Vega Fang

Herford – Dieser Museumsbesuch beginnt im Wartezimmer. Wie beim Arzt füllt man einen Fragebogen aus und gibt zum Beispiel Auskunft, ob man sich durch Schmerzen oder Probleme beim Geschlechtsverkehr beeinträchtigt fühlt. Man bekommt einen Termin. Im Behandlungszimmer passt einem die freundliche Dame im weißen Kittel den Aufsatz für die Virtual-Reality-Projektion an. Und dann taucht man ein in eine fremde Welt.

Omer Fast führt den Besucher im Museum Marta in Herford im VR-Video „The Invisible Hand“ mit einem Mädchen zusammen, das seine Geschichte erzählt. Ein altes jüdisches Märchen, verlegt ins moderne China, von einem Jungen, der im Wald einen Ring findet und eine Hand, die aus dem Boden ragt, und am Ende steckt er den Ring an einen Finger der bleichen Hand. Darauf hat seine Familie Glück, findet immer wieder Geld vor der Haustür. Aber als der Junge herangewachsen ist und heiraten will, platzt ein bleicher Geist in die Feier und behauptet, der Junge sei schon verheiratet, eben weil er dem Geist einst im Wald den Ring ansteckte. Dann belegt er die Familie mit einem furchtbaren Fluch.

Die Arbeit des israelischen Künstlers, ein Gesamtkunstwerk aus der täuschend natürlich nachgebauten Arztpraxis und dem Film, entstand 2018 im Auftrag des Guangdong Times Museum in China. Das Geistermärchen wurde aber schon nach drei Tagen von der Zensur verboten. Nicht einmal im geschützten Raum der Kunst mögen die Behörden solche Stoffe zulassen, die den Aberglauben in der Bevölkerung befördern könnten.

Omer Fasts Werk wird in der Ausstellung „Die Realität … ist absurder als jeder Film“ gezeigt. Sie versammelt Video-Arbeiten von fünf Künstlern aus Israel, die jeweils in einem eigens errichteten Setting präsentiert werden, ergänzt durch Storyboards, Zeichnungen und anderes Material. Es sind Erzählungen voller Kraft und Witz, die von Entfremdung und einer gefährdeten Gegenwart handeln.

Das Video „The Dust Channel“ von Roee Rosen zum Beispiel war auf der documenta 14 in Kassel zu sehen. Nun sieht man die Geschichte in einem eigenen Raum, viel konzentrierter. Ein Paar fürchtet den Schmutz und preist den Dyson-Staubsauger. Absurde Szenen reihen sich aneinander, mit Protagonisten, die Arien wie aus Barockopern singen, Musikern, die als Diener mitspielen, wobei das Hausmädchen mit dem Dyson im Bett wilden Sex hat, und Polizisten, die Regale und Stubenwinkel nach Staub absuchen.

Rosens Film spielt nicht nur mit der Angstlust, mit erotischen Abirrungen und Zitaten (ein Spiegelei wird zerschnitten wie das Auge in Buñuels „Un chien andalou“). Er nimmt den Staub auch als politische Metapher und verbindet die Besessenheit der Protagonisten mit dem Fremdenhass, der auch von israelischen Politikern wie Ministerpräsident Netanjahu instrumentalisiert wird. Eins der großen Flüchtlingslager Israels heißt „Holot“ (Sand), wie das, was der Dyson aus der Wohnung entfernen soll.

Yael Bartana thematisiert in ihrem Video „Inferno“, das sie 2014 für die Biennale von Sao Paolo schuf, den „Dritten Tempel Salomos“ einer evangelikalen Pfingstgemeinde in Brasilien. Diese oft extrem konservativen Freikirchen haben wesentlich zum Wahlsieg des aktuellen Präsidenten Bolsonaro beigetragen. „Inferno“ ist eine monumentale, fiebrige Fantasie um diesen tatsächlich existierenden Sakralbau. In kinoreifen Kamerafahrten zeigt die Künstlerin, wie drei Helikopter den siebenarmigen Leuchter, eine Bundeslade und weitere Geräte einfliegen, wie eine weiß gekleidete bunte Schar durch die Straßen zieht und in einem gewaltigen Kirchenraum ein Ritual feiert, bis alles in einem Brand vergeht. Ein Rausch aus Massenchoreografien, pathetischer Musik und Überwältigungsräumen.

Das Kino ist auch Bezugsraum für Guy Ben-Ners Video „Soundtrack“ (2013). Der Ton daraus stammt aus dem Science-Fiction-Katastrophenfilm „Krieg der Welten“ von Steven Spielberg. Ben-Ner hat nun die bedrohlichen Geräusche und die Dialogfetzen mit sich und seinen Kindern als Laiendarstellern bebildert. Und während es bedrohlich kracht und rumpelt, läuft dem Künstler ein normales Frühstück aus dem Ruder: Ein Spiegelei fliegt aus der Pfanne, Geschirr fällt aus dem Schrank, Schokodrops regnen auf den Boden, ein Mixer explodiert, die Dinge haben sich gegen Ben-Ner verschworen.

Das Video überlagert die Biografie des tatsächlich geschiedenen Künstlers mit der parallelen Konstellation des Hollywood-Films, und zugleich spiegelt es die Atmosphäre von Bedrohung und diffuser Angst im heutigen Israel.

Die meisten Arbeiten der Schau dauern 15 bis 20 Minuten, so dass man sie wirklich durchsehen kann. Eine Ausnahme ist Keren Cytters Video „Middle of Beyond“ (2017), das in Spielfilmlänge von dem angehenden Poeten Malte erzählt, der in Berlin einen falschen Freund trifft, der nicht nur über den Koran reden will, sondern auch Rachegedanken auf die Gesellschaft schürt. Die weitgehend realistischen Bilder werden von surrealen Montagen unterbrochen, so flattert auf einmal ein animierter Kolibri vor Maltes Gesicht.

Bis 10.6., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 05221 / 99 44 300, www.marta-herford.de, Guide 4 Euro

Quelle: wa.de

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