Das Museum Marta in Herford erkundet das „Origami-Prinzip“

+
Die monumentale Radkonstruktion „Memory Games“ (2017) fertigte der Künstler Michail Pirgelis aus Flugzeugschrott – zu sehen in Herford. - Foto: Stiftel

HERFORD - Ein gewaltiges Rad ragt in den Ausstellungsraum des Museums Marta in Herford. Meterhoch, und doch ist die Haut des Objekts hauchdünn, und nur das ausgefeilte Innenskelett aus Stützen und Streben lässt die Skulptur „Memory Games“ von Michail Pirgelis so massiv vor uns stehen.

Schaut man genauer hin, entdeckt man Fenster, die kleinen Bullaugen mit abgerundeten Ecken, wie aus einem Flugzeug. Genau das ist eigentlich zu sehen: eine Scheibe Flugzeug. Pirgelis fertigt seine Skulpturen aus dem Schrott, den er auf großen Flugzeugfriedhöfen in den USA findet. Aus dem technischen Zwang der Ingenieure zieht der 1976 in Essen geborene Künstler seinen ästhetischen Mehrwert. Flugzeuge müssen leicht sein und zugleich stabil. Um so etwas zu schaffen, bedienen sich die Konstrukteure alter Techniken, wie sie dem japanischen Origami zugrunde liegen, der Kunst des Papierfaltens. Diese Idee erfährt heute wieder verstärkt Beachtung in Wissenschaft und Technik, sei es bei Auto-Airbags, bei Sonnensegeln in der Raumfahrt, bei Stents in der Medizin, erläutert Museumsdirektor Roland Nachtigäller.

Vom fernöstlichen Umgang mit Papier ist die Ausstellung „Ausbruch aus der Fläche – das Origami-Prinzip in der Kunst“ im Museum Marta inspiriert. Rund 90 Werke von 26 Künstlern entwickeln aus Faltung, Biegung, Knautschung überraschende neue Formen und Seherfahrungen. Und wer meint, Origami sei nichts weiter als eine harmlose Freizeitspielerei, wird eines Besseren belehrt.

Es gibt natürlich auch ganz traditionelle Faltkunst in der Schau, zum Beispiel die fragilen Papierobjekte von Thomas & Renée Rapedius. Gleich im Eingangsbereich haben sie fünf Objekte auf den Boden gestellt, die wie rote Kakteen wirken. Das dünne Papier läuft am Rand in feinste Spitzen aus, was ein überaus charmantes Wechselspiel aus Empfindlichkeit und Aggression ergibt. Ein hängendes Objekt aus verspiegeltem Papier wirkt wie ein außerirdischer Flugkörper, kristallin und hart. Dem in Teheran geborenen Navid Nuur kann man im Video beim Falten zusehen. Die Kamera zeigt dabei nur seine Hände. Einen schwarzen Papierbogen knickt er um, so dass die weiße Rückseite ein Dreieck bildet. Das wiederum hat, wenn er das Papier längst wieder zurückgelegt und geglättet hat, einen grauen Schatten hinterlassen. Visuelle Magie mit einfachen Mitteln.

Metergroße, blütenartige Objekte aus Stoff steuert die Düsseldorfer Künstlerin Alka Reeh bei. Und auch bei den Arbeiten von Mona Ardeleanu scheinen Textilien im Spiel zu sein. Aber was da in scheinbar kunstvoll plattgebügelten Faltungen hängt, sind Gemälde, die mit der Irritation spielen, dass der Betrachter nicht weiß, ob er ein flächiges oder ein räumliches Kunstwerk betrachtet. Auf eine andere Weise greift die Künstlerin das Motiv in 20 Fliesen auf, die auf dem Boden arrangiert sind. Aber die an an klassische Fayencen in Delfter Blau erinnernden Stücke sind nicht eben, sondern wellen sich, als wären sie aus Stoff.

An Stoff denkt man auch bei Michael Sailstorfers Installation „Cast of the Surface of the Dark Side of the Moon“ (2005). Wie eine im Fallen erstarrte schwarze Plastikplane liegt das Objekt auf dem Boden, beleuchtet von Theaterscheinwerfern. Dass der Abguss der Mondrückseite schwarz ist, ist ein feiner Witz. Zudem lässt Sailstorfer nicht nur den Titel des berühmten Albums von Pink Floyd anklingen, sondern auch den Trivialmythos, dass die Mondlandung nur eine Medieninszenierung gewesen sei.

Die Schau stellt auf verschiedenste Arten die Wahrnehmung auf die Probe: Der Schweizer Philippe Decrauzat füllt eine Museumswand mit Streifen in Rot und Blau, was beim Betrachten so flirrt, dass man sein Sehvermögen anzweifelt. Die Iranerin Shirana Shahbazi zeigt große Tafeln mit geometrischen Strukturen, die man leicht für computergeneriert halten kann. Tatsächlich hat sie die Objekte gebaut und analog fotografiert. Und Sinta Werner schneidet ihre Architekturfotos auf und faltet Partien zu Reliefs, so dass sich wieder die Frage stellt: Bild oder Skulptur?

Anderes fasziniert allein durch große Präsenz: Hans Hemmert hat eine gewaltige gelbe Latexmembran durch eine Türöffnung gesteckt und aufgeblasen. Der Ballon mit seinen Rundungen widerspricht so völlig dem Raumempfinden, man denkt an einen Wurm, der stecken geblieben ist. Und ebenso einfach wie poetisch verzaubert Albrecht Schäfers Installation „Ocellus“: Eine feine Plastikfolie hängt an Bindfäden über Baulampen. Die Hitze der Scheinwerfer versetzt die Folie in Bewegung, so dass eine Luftqualle im Raum zu tanzen scheint.

Bis 3.6., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 05221/ 99 44 300, www.marta-herford.de , mehrteiliger Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare