„Museum global“: Außereuropäische Bilder in der Kunstsammlung NRW

Tropische Fülle in Tarsila do Amarals Gemälde „Antropofagia“ (1929), zu sehen in Düsseldorf. Fotos: Matheus/Kunstsammlung

Düsseldorf – Monströs verzerrt sitzt vor saftig grünen Palmen und Kakteen ein nacktes Paar, die verzerrt dargestellten Gliedmaßen ineinander verschränkt. Als Sonne wurde eine Zitronenscheibe an den Himmel gesetzt. In ihrem Gemälde „Antropofagia“ von 1929 vereint Tarsila do Amaral Elemente des europäischen Surrealismus mit Volkskunst und mit den üppigen Farben der Tropen.

„Menschenfresserei“ heißt der Bildtitel auf deutsch, aber die Szene ist eher erotisch aufgeladen als blutig. Die brasilianischen Künstlerin, die unter anderem in Paris beiFernand Léger studiert hatte, und ihre Geistesverwandten meinten das auch eher ideell, als Strategie gegen die Vorherrschaft der europäischen Kultur. Die Ästhetik des Westens sollte aufgenommen und verarbeitet werden.

Das Bild ist als Leihgabe aus São Paulo in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zu sehen. In der Ausstellung „Museum global“ versucht das Haus, die weißen Flecken in der abendländischen Kunstgeschichte und in der eigenen Sammlung zu füllen. Werner Schmalenbach, Gründungsdirektor der Landesgalerie, folgte einer klaren Linie: Er erwarb vorzugsweise Malerei von der klassischen Moderne bis in die damalige Gegenwart. Was er für das Land erwarb, stammte aus Europa oder den USA. Und es war von Männern gemalt. Zwei Bilder der portugiesischen Malerin Maria Helena Vieira da Silva und ein Werk des japanischen Malers Kumi Sugai waren die einzigen Ausnahmen.

Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung, versucht in den letzten Jahren solche Wahrnehmungslücken zu schließen mit Ausstellungen zum Beispiel der kubanischen Malerin Carmen Herrera und der Übersichtsschau „Art et liberté“ zum Surrealismus in Ägypten. Die Schau „Museum global“ knüpft hier an. Mit rund 150 Werken wird schlaglichtartig eine Moderne außerhalb Europas vorgestellt. Die Werke entstanden im Zeitraum von 1910 bis 1970, also in jener Zeit, in der auch die wichtigsten westlichen Arbeiten der Kunstsammlung geschaffen wurden. Sieben Kapitel werden in den Räumen aufgeschlagen, wo sonst die modernen Klassiker hängen, als, wie es mit understatement heißt, „Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne“.

Im Dialog mit den Werken afrikanischer, asiatischer, südamerikanischer Künstler sind die modernen Klassiker zu sehen, und dabei ergeben sich erstaunliche Korrespondenzen. Gleich am Anfang zum Beispiel sieht man Ernst Ludwig Kirchners „Mädchen unter Japanschirm“ (ca. 1909) neben dem Gemälde „Nackte Schönheit“ von Yorozu Tetsugoro. Die Parallelität ist verblüffend, obwohl der japanische Maler die westliche Malerei in Tokio studiert hatte und nie in Europa war. Und doch scheint die vereinfachende, die Flächigkeit betonende Malweise, das freizügige Motiv dem Geist der „Brücke“-Expressionisten entsprungen. Es gibt ein erstaunliches „Selbstporträt mit Wolke“ (ca. 1912/13) von Tetsugoro. Parallel zu den europäisch geprägten Bildern schuf er Tuschmalereien auf Rollen ganz in der Tradition der asiatischen Kunst.

Sieben Kristallisationspunkte der modernen Kunst sucht die Schau auf, neben Tokio noch Moskau, São Paulo, Mexiko City, Shimla, Beirut und Zaria. Da sieht man dann die frappierende Fülle surrealer Kompositionen aus Brasilien. Mehr als zwei Meter hoch ist die „Indigene Mutterschaft (Madonna mit Kind)“ (1924) von Vicente de Rego Monteiro, die direkt gegenüber dem „Soldat mit Pfeife“ (1916) von Leger hängt und eine ganz verwandte, von geometrischen Grundformen bestimmte Auffassung der Figur vermittelt. Hinreißend ist auch Tarsila do Amarals Gemälde „A Cuca“ (1924), eine Landschaft mit verfremdeten Tieren, die einerseits die Formensprache indigener Kunst aufgreifen, andererseits an Comics denken lassen. Die Künstlerin ließ sich dafür einen aufwendigen Rahmen fertigen, der das Theatralische der Szene unterstreicht.

Ein Sonderfall ist der in Litauen geborene Maler Lasar Segall (1889-1957). Er gehörte zu den Protagonisten einer politisch engagierten Kunst in Deutschland, setzte sich 1922 in Düsseldorf beim Kongress der Union Internationaler fortschrittlicher Künstler“ für einen Austausch über Kontinente hinweg ein. 1923 emigrierte er nach Brasilien, wo er bald mit fortschrittlichen Künstlern zusammen kam. Sein monumentales Gemälde „Emigrantenschiff“ (1939/41) zeigt das Deck eines Auswandererschiffes auf hoher See, dicht gefüllt mit ärmlichen, aneinander geschmiegten Menschen. Sein expressives, kubistisch verfremdetes Bild „Die ewigen Wanderer“ (1919) wurde von den Nazis in der Hetzausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt, zusammen mit Max Beckmanns Bild „Die Nacht“ (1918/19). Nun sind beide eindringliche Werke wieder zusammen zu sehen.

Auch in Mexiko war der Surrealismus populär, Künstler wie Frida Kahlo und Diego Rivera gehören zu den wenigen, die nicht neu entdeckt werden müssen, sondern auch im Westen schon kanonisiert sind. Auf faszinierende Weise verbindet Amrita Sher-Gil die indische Tradition mit der westlichen Moderne. Die libanesische Künstlerin Saloua Raouda Choucair entwickelt eine eigene Form der Abstraktion. Und nigerianische Maler wie Colette Omogbai und Demas Nwoko verarbeiten den Völkermord in Biafra in dramatischen Kompositionen.

Bis 10. 3., di – fr 10 – 18, mi bis 19, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 8381 204, www.kunstsammlung.de

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 38 Euro

Quelle: wa.de

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