Das Museum Folkwang stellt die Fotografin Aenne Biermann vor

Eine emanzipierte Frau setzt sich ins Bild: Aenne Biermanns Selbstporträt (1930-31) ist in Essen zu sehen. Foto: Museum

Essen – Tief blickt Helga uns in die Augen. Aenne Biermann holt das achtjährige Mädchen ganz nah heran, so nah, dass der Kopf nicht auf den Abzug passt. Die Fotografin zeigt das Kind auf Augenhöhe, buchstäblich. Das gibt dem Bild seine Kraft und Intensität.

Das Porträt von Helga entstand 1928 oder 1929. Mit ihr und Gerd fing die Fotografie an für Aenne Biermann (1898–1933). Es sind ihre Kinder. Zunächst sollten nur Aufnahmen fürs Familienalbum entstehen. Es wurde mehr daraus, wie die Ausstellung „Aenne Biermann – Vertrautheit mit den Dingen“ im Museum Folkwang in Essen zeigt. Sie entstand in Kooperation mit der Pinakothek der Moderne in München, wo die Schau zuerst zu sehen war. Mit rund 100 Bildern wird ein erstaunliches Werk dokumentiert.

Aenne Biermann gehörte zu den Pionieren des Neuen Sehens und der Neuen Sachlichkeit. Dabei war sie Autodidaktin, ohne Ausbildung in Fotografie oder Kunst. Trotzdem wurden ihre Bilder in den wichtigsten zeitgenössischen Ausstellungen wie „Film und Foto“ des Deutschen Werkbunds in Stuttgart (beide 1929) gezeigt, aber auch in Brüssel, Salzburg, London.

Ihr Selbstporträt mit Metallkugel (1930/31) zeigt nicht nur, wie souverän sie mit Perspektive und Licht spielt, mit welch modernem Blick sie sich ins Bild setzt. Es vermittelt auch ihre Emanzipation: eine selbstbewusste Frau mit Kurzhaarschnitt, gegen die Konventionen des Großbürgertums. Das war im Lebensplan der Fabrikantentochter aus Goch nicht unbedingt vorgesehen. Anders als ihre Brüder erhielt sie keine Berufsausbildung. Nachdem sie 1920 den Kaufmann Herbert Joseph Biermann geheiratet hatte, mit dem sie in Gera lebte, da deutete zunächst alles auf ein Leben als Hausfrau und Mutter hin. Allerdings war Gera zwar Provinzstadt, aber eine mit einer aufgeschlossenen Bevölkerung. Aenne Biermanns „Damenzimmer“ wurde vom Architekten Thilo Schoder eingerichtet, einem Schüler von Henry van de Velde. Sie war vernetzt mit einem kunstaffinen Kreis, zu dem auch der Kritiker Franz Roh gehörte, der ihr eine erste Ausstellung in einer Münchner Galerie vermittelte. Sie verkaufte Bilder an Museen. Das Landesmuseum Oldenburg kaufte 1929 acht Abzüge. Und von ihr erschien 1930 die erste Monografie, die einer Fotografin gewidmet war, als zweiter Band der Reihe Fototek. Der erste Band war dem Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy gewidmet.

Gleichwohl ist es ein Wunder, dass man dieses erstaunliche Werk überhaupt ausstellen kann. Aenne Biermann starb jung an den Folgen einer schweren Krankheit. Die Verfolgung der Juden durch den NS-Staat erlebte sie nicht. Ihr Witwer und ihre Kinder flohen nach Palästina. Ihr Archiv wurde zu ihrem Mann verschickt, aber auf dem Weg in Triest konfisziert. Seitdem ist es verschollen. In Essen sind Originalabzüge zu sehen. Sie stammen überwiegend aus der umfangreichen fotografischen Sammlung des Museums Folkwang und aus der Sammlung Ann und Jürgen Wilde, die inzwischen in München untergebracht ist. Beide haben jeweils ein Konvolut von rund 70 Aufnahmen.

Erstaunlich auch die Entwicklung der Fotografin. 1927 fotografierte sie für einen befreundeten Geologen Steine und befasste sich dafür intensiver mit der Fototechnik. Nun erweiterte sie ihr Repertoire. Ihre Aufnahmen von Kindern zeugen von großem Gespür für expressive Momente. Auf einem im Freien entstandenen Porträt blickt Helga versonnen in die Ferne. Biermann betitelt das Bild „Betrachtung“ (1930). Vier Kinder, die sich auf einen Tisch stützen und in eine Richtung schauen, nimmt sie als angespannte Gruppe auf („Da unten geht etwas vor“, 1929). Aber sie experimentiert auch mit allen Mitteln, die die Fototechnik damals bot: Aus dem Porträt eines lächelnden Mannes zieht sie immer engere Ausschnitte ab, zunächst nur die Partie mit Augen und Mund. Dannzoomt sie sozusagen noch einmal hinein auf Nasenspitze und Lippen.

Sie arbeitet mit Doppelbelichtungen. Ihre Bilder von Pflanzen erinnern an vergleichbare Makroaufnahmen von Karl Blossfeldt und Albert Renger-Patzsch (der sie als Konkurrentin wahrnahm). Wunderbar präzise bildet sie die transparente Struktur eines Bergkristalls heraus. Sie fotografiert, was ihre Kinder in der Tasche tragen, einen benutzten Aschenbecher, Eier in einem Netz, die Tasten eines Klaviers. Sie geht nah heran an die Dinge, interessiert sich für Details und weitet damit das Motivfeld der Fotografie. Ein Obstkorb bekommt eine besondere Struktur, weil die Früchte auf einer Zeitung liegen. Das grafische Moment erinnert an die Kunst der Kubisten.

Bis 1.6., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201/ 8845 000, www. museum-folkwang.de,

Katalog, Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich, 38 Euro

Quelle: wa.de

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