Münster zeigt „Picasso bei der Arbeit“

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In der Badewanne saß Picasso beim ersten Besuch von David Duncan Douglas 1956, zu sehen in Münster. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER/KÖLN–Gerade noch lutscht Picasso die letzten Fetzen von der Gräte der Seezunge. Auf dem nächsten Bild hält er das Fischskelett schon über den feuchten Tonblock, bereit, es einzudrücken, um „seine eigenen Fossilien“ zu machen, wie David Douglas Duncan es formulierte. Das Genie bei der Arbeit, bei einer Idee fotografiert. Am Ende stehen da Fischteller aus Ton, augentäuschende Plastiken, bunt bemalt und glasiert. Beides ist im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster zu sehen: Die Dokumente, und die Kunstwerke, deren Entstehung sie zeigen.

Die Ausstellung „Picasso bei der Arbeit“ erzählt auch die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft. Der US-Fotograf Duncan, 1916 geboren, war ein profilierter Bildjournalist. Mit seinen Aufnahmen aus dem Koreakrieg hatte er gerade Furore gemacht, als er 1956 in Frankreich war und nach Cannes fuhr, zur Villa „La Californie“, wo der damals schon weltberühmte Picasso residierte, arbeitete, empfing. Duncan kam unangemeldet, wurde aber von Jacqueline gleich hereingebeten – ins Bad. Picasso saß gerade in der Wanne. Und ließ sich dort sogar ablichten. Duncan erzählt: „Ich habe ihn 25 000 Mal fotografiert, und jedes Mal wirkte er ganz normal wie jeder andere auch. Bis auf die Augen!“

Von diesen unendlich vielen Bildern sieht der Besucher in Münster rund 100, eine strenge Auswahl. Und dazu gibt es Kunstwerke, die Picasso in jenen Jahren schuf. Am faszinierendsten sind jene Stücke, deren Schöpfung Duncan begleitete. Er durfte Picasso beim Malen, beim Kneten, beim Zurechtlegen fotografieren. Man glaubt, dabei vielleicht etwas vom Genie zu erhaschen. Aber die Gedanken bildet natürlich selbst ein Duncan nicht ab. Wie Picasso dazu kam, aus Ziegeln, Ton- und Metallstücken diese archaische Figur zu komponieren, deren Bestandteile später in Bronze gegossen und vor dem Eingang der Villa zusammengeschweißt wurden, das weiß niemand. Aber wir sehen, wie er den Arbeiter anleitet, während sein Sohn Claude zuschaut. Und an der Gussvorlage ist in Münster seine schöpferische Leistung nachzuvollziehen: Erst sein Geist erkannte in dem Schutt die „Frau mit Schlüssel“, eine Bordellmutter.

Picasso wirkt meistens wie ein Handwerker, wenn er malt. Oft hat er eine Zigarette in der Hand, er scheint entspannt und konzentriert zugleich, nie unsicher. Darum wohl war es für ihn kein Problem, sich über die Schulter blicken zu lassen. Selbst Besucher durften gucken, wie auf einer Aufnahme der Hollywood-Schauspieler Gary Cooper und seine Frau.

Die Vertrautheit der ersten Begegnung blieb erhalten. Picasso gab sich stets ungezwungen vor der Kamera. Oft sieht man ihn nur in kurzer Hose, mit nacktem Oberkörper, in den weiten Räumen der Villa, die vollgestopft sind mit Kunst. Ganze Strecken von Tontieren. Die Wände tapeziert mit Bildern wie dem kleinen Stillleben mit Kirschen von 1943, das in Münster auch im Original zu bewundern ist. Der Gauklerkopf von 1905 steht wie Nippes auf einem Schrank zwischen Schachteln und Krams, ein Kabel hängt über einem Mützenzacken, dahinter klemmen Papiere.

Duncan hatte vielleicht einen privilegierten Zugang zum Künstler. Aber er war bei weitem nicht der einzige. Picasso war wohl der meistfotografierte Künstler des 20. Jahrhunderts. Was das bedeutet, zeigt eine weitere Schau im Kölner Museum Ludwig: „Ichundichundich“. 250 Fotografien von Künstlern wie Richard Avedon, Cecil Beaton, Brassai, Henri Cartier-Bresson, Man Ray und vielen anderen zeigen, wie Picasso oft genug an den Bildern geradezu mitarbeitete. So posiert er 1952 am Frühstückstisch für Robert Doisneau mit den „Brötchenhänden“. Und für Robert Capa spielt er 1948 am Strand den Leibdiener, der seiner Lebenspartnerin Francoise Gilot den Sonnenschirm trägt. Für Willy Rizzo besteigt er 1955 die bronzene Ziege. Für André Villers gibt er mit Kapitänsmütze und falschem Bart Popeye den Seemann.

Das Frappierende daran ist, dass all diese Scharaden nie gezwungen wirken. Picasso scheint so in sich geruht zu haben, dass ihn keine Situation in Verlegenheit brachte. Die Schau zeugt von einem geradezu königlichen Selbstbewusstsein. Die entstandenen Bilder wiederum bereiten dem Betrachter größtes Vergnügen.

Auch in Köln sieht man Originale. Das Haus zeigt seine Picasso-Sammlung neben der Ausstellung.

Picasso bei der Arbeit im Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster. Bis 15.1., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 414 47 10, http://www.graphikmuseum.de,

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 29,80 Euro

Ichundichundich im Museum Ludwig, Köln. Bis 15.1., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 26 165, http://www.museum-ludwig.de, Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 34 Euro

Quelle: wa.de

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