Münster zeigt „Anatevka“

„Wenn ich einmal reich wär’“: Tevje (Gregor Dalal) steht auf seinem Milchwagen und träumt singend von besseren Zeiten. Das Musical „Anatevka“ ist im Theater Münster zu sehen. Foto: berg

Münster – Lässig sitzt der Fiedler im oberen Geschoss eines Holzhauses und schaut auf den Milchmann Tevje und das jiddische Dorf, das Schtetl – irgendwo in Osteuropa. Violonist Christoph Struck lässt die kleine Melodie zum Musicalklassiker „Anatevka“ wie eine feine Tonspur erklingen, die einen zu den Menschen des Schtetls und ihrer mühevollen wie tragischen Geschichte führt. Im Mittelpunkt steht Tevje, der erstmal als Erzähler in die neue Produktion des Theater Münster einführt. Mit ihren Traditionen, letztlich ihrem Glauben hat die jüdische Gemeinde dem Alltag etwas Leben abgetrotzt. Aber so wird es nicht weitergehen mit dem Dorf Anatevka.

Den Musicalwelterfolg der 60/70er Jahre (Musik: Jerry Bock, Text: Joseph Stein) hat Regisseurin Nilufar K. Münzing zu einem großen Bildbogen aufgefächert. Ihre szenischen Ideen lehnen sich an die Überlieferungen zum jiddischen Miteinander an und stellen die Erfahrungen der Menschen in einen größeren Zusammenhang. Zu Tevjes Erkennungsmelodie „Wenn ich einmal reich wär’“ tritt eine Gockelfigur auf, die wortlos kommentiert, dass der Milchmann („Wenn man reich ist, gilt man auch als klug“) einfach gern mal der Hahn auf dem Hof wäre. Doch im eigenen Haus klingt das anders. „Hallo, mein Ernährer“, sagt Golde bissig (deutsch: Rolf Merz und Gerhard Hagen). Suzanne McLeod spielt Tevjes Frau als spröde Nörglerin, deren Gefühlsmomente selten sind. Dass sie noch auf eine Heiratsvermittlerin hört, ist ein Anachronismus für jede aktuelle Inszenierung. Zeitloser ist das gemeinsame Essen, der Schabbes, wenn Golde und Tevje am Tisch ein Duett singen. Ein Sternenhimmel wird illuminiert, der als friedliches Bild schon ans Weihnachtsfest denken lässt.

Die volkstümliche Seite von „Anatevka“ wird nicht mit Polka-Frohsinn überladen. Das Sinfonieorchester Münster spielt Jerry Bocks Musicalmusik ganz nuanciert zu jedem Bild und bleibt dabei immer Träger des Erzählerischen. Dirigent Stefan Veselka akzentuiert nur situativ kommentierend, wenn Tevje sich beispielsweise über die heimliche Verlobung zwischen Mottel („Irrer Spinner“) und seiner Zeitel ärgert. Im Spotlicht steht Tevje dann da, während alles still steht, und wägt ab: Tradition oder Liebe zu den Töchtern? Vor allem Kathrin Filip als Hodel überzeugt mit ihrem hellen Sopran als moderne Frau, die dem Weltverbesserer Perchik (Emil Schwarz) folgt. Für beide ist Rot die Fahne der Revolution und persönlichen Freiheit.

Eine herrliche Spukgeschichte wird aus Tevjes Traum, als er seiner Golde den wohlhabenden Fleischer für ihre Älteste Zeitel ausreden muss. Bräutigam wird Schneider Mottel (Pascal Herington), der von einem Trapez in den Bühnenhimmel gehoben wird, als ihm die Ehe versprochen wird: Das ist Glück. So wie in der traumwandlerischen Bilderwelt eines Marc Chagall, in der die jiddische Kultur visuell alle Zeiten überdauert hat.

Zeitel (Melanie Spitau) tritt zur Vermählung mit ihrem Mann zu den Rabbis unter ein schwarzes Tuch. Solche Bilder atmen den Ernst des Rituals, bevor das Fest ausgelassen gefeiert wird und eine jauchzende Klarinette Klezmermusik hören lässt. Großartig wie vier Tänzer Flaschen auf ihren Hüten balancieren und mit Ausfallschritten über die Bühne schieben.

Die Inszenierung ist immer dann mitreißend, wenn das engagierte Ensemble und die zwei Chöre (Joseph Feigl) Tempo aufnehmen. Ihre Energie wirkt bis in die obersten Ränge des Großes Hauses.

Bariton Gregor Dalal fehlt es als Tevje ein wenig an zentraler Strahlkraft. Das väterliche Gefühl für seine Töchter wärmt nicht richtig, so ist auch am Ende seine Wut über Tochter Chavas, die einem Andersgläubigen folgt, mehr verwunderlich als nachvollziehbar. Sein Schicksal als armer Milchmann, der mit aufrechter Einfalt und hoffnungsbeseeltem Gottvertrauen das Leben eher schlecht als recht meisterte, bleibt einem fern. Auch beim intimen Zwiegespräch mit Golde („Ist es Liebe?“) vermisst man Herzblut.

Im zweiten Teil steuert die Inszenierung – Bernhard Niechotz (Bühne) hat ein bewegliches Holzlatten-Dorf gezimmert, um Räume für Sehnsüchte zu öffnen – auf eine Ausweisung zu, die schon auf die Gaskammern von Auschwitz zeigt. Die Schtetl-Bewohner lassen Kleiderhaufen zurück, als sie der Vertreibung im zaristischen Russland Folge leisten. – Am Ende gab es Standing Ovations vom Premierenpublikum.

20., 31. 12.; 21., 22., 27. 2.; 3., 8., 12., 21. 3.; 19., 21. 4.; 2. 5.; Tel. 0251/ 59 09 100; www.theater-muenster.de

Quelle: wa.de

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