„Move“: Ausstellung über Tanz in der Kunstsammlung NRW Düsseldorf

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Eine lebende Skulptur formen die Tänzer in Simone Fortis Arbeit „Huddle“, die in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zu sehen ist. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–Das eherne Museumsgesetz gilt in der Kunstsammlung NRW K20 nicht. In der Ausstellung „Move – Kunst und Tanz seit den 60ern“ ist Anfassen sogar erwünscht. Hier soll der Besucher sich in ein Seil hängen, auf einer Holzplattform balancieren, sich Gewichte umhängen, mit Tänzern sprechen. Das hat zuweilen die Anmutung eines Spielplatzes für Erwachsene. Aber gerade das Verspielte führt vielleicht ins Zentrum der Schau. Hier geht es nicht unbedingt um Reflexion, hier soll der Gast seinen Körper erfahren, zum Beispiel im Hängeparcours des Choreografen William Forsythe.

Seit 1960 sucht die bildende Kunst Anregungen aus anderen Disziplinen. Künstler versuchten, den Betrachter zum Mitwirkenden zu machen. Zuweilen wurden auch Choreografen zu Künstlern. Diese Geschichte verfolgt die Schau, die Stephanie Rosenthal für die Haywarth Gallery in London erarbeitete, die im Münchner Haus der Kunst gezeigt wurde und von Doris Krystof für die Kunstsammlung NRW eingerichtet wurde. Dabei wurde die Präsentation sinnfällig um Arbeiten aus der Düsseldorfer Sammlung erweitert.

Zu jedem Kunstwerk findet der Besucher auf dem Schild nicht nur Künstler und Werktitel, sondern auch ein Zeichen, das ihm anzeigt: „aktivieren“, nur mit Tänzer aktivieren und in einigen Fällen: nicht berühren. Und es gibt eben auch nicht nur Objekte und Installationen zu betrachten. Täglich sind Tänzer unterwegs, die zum Teil Arbeiten „aktivieren“, zum Teil selbst die Arbeiten sind. Pablo Bronsteins Skulptur „Magnificent Triumphal Arch in Pompeian Colours“ (2010) vermittelt vielleicht am offensichtlichsten zwischen den Disziplinen. Im Raum steht ein Portal in klassischer Form, um das eine Tänzerin Ballettschritte ausführt. Sie umschmeichelt den Bogen mit Rufen wie: „O welch wunderbarer Schwung!“ In Simone Fortis „Huddle“ formen Tänzer, die sich zu einem Haufen drängen, eine Plastik im Raum. Bei ihrer Arbeit „Hangers“ hängen sich Tänzer in Seilschleifen, die auch von Besuchern aktiviert werden können.

Der Maler Jackson Pollock war mit seinen Drip-Paintings Vorläufer in der Paarung Kunst/Tanz: Er bewegte sich mit Pinsel und Farbeimer um und über die ausgelegte Leinwand. Tropf- und Gießspuren fixieren seine Choreografie, zu sehen am Hauptwerk „Number 32, 1950“. Die Ausstellung bietet an mehreren Videostationen die Möglichkeit, rund 170 tänzerische Arbeiten zu betrachten, darunter auch ein Film, der Pollock beim Malen zeigt. Robert Morris zeigt in seiner Kunst ebenfalls Bewegung, zum Beispiel in „Untitled“ (1967), einer geschlitzten Filzbahn, deren Streifen durchhängen und damit Schwerkraft und Masse sichtbar machen. Von ihm gibt es auch „bodyseemotionthings“ (1971/2010), eine Wippe und einen Baumstamm, auf denen Besucher balancieren dürfen. Und Carl Andres Bodenarbeit „Roaring Forties“ (1988), ausgelegte Stahlplatten, vermittelt, auch wenn man sie nicht betreten darf, wie sehr die Minimal Art den Raum und die Bewegung des Menschen darin thematisiert.

Andere Arbeiten offenbaren kritisches Potenzial. Der US-Künstler Mike Kelley baute für seine „Adaption“ eine Szene mit Objekten, die von Wissenschaftlern der Universität Wisconsin in den 1950er Jahren im Primatenlabor eingesetzt wurden, um das Verhalten von Menschenaffen zu beobachten. Da sind aufgehängte oder abgelegte puppenähnliche Objekte und „Möbel“, an und mit denen der Besucher aktiv werden kann. Womit er zum Akteur einer Inszenierung wird. Zeitweise aktivieren auch Tänzer diese Arbeit.

In Dan Grahams „Two Viewing Rooms“ (1975) betritt der Besucher einen von zwei Räumen eines Containers. Im einen sieht er sich im Spiegel und auf dem Bildschirm eines Fernsehgeräts und wird zum narzisstischen Voyeur, der die eigenen Bewegungen beobachtet. Im anderen Raum dann sieht er durch die Spiegelwand in den ersten Raum, wo vielleicht gerade der nächste Besucher posiert. Das Arrangement wirkt manchmal lustig, dann wieder erinnert es an einen polizeilichen Verhörraum. Bruce Naumans Installation „Green Light Corridor“ (1970) ist geeignet, Klaustrophobie zu wecken: Zwei grün erleuchtete Holzwände formen einen engen Gang, den man nur seitlich passieren kann.

Die brasilianische Künstlerin Lygia Clark (1920-1988) errichtete 1968 einen Parcours. Durch einen Gang kommt der Besucher zu einem transparenten runden Plastikzelt. Die Arbeit „A casa è ocorpo“ (Das Haus ist der Körper) zeigt symbolisch eine Vagina, der Besucher nimmt den Weg eines Spermiums bis in die zentrale Eizelle.

Es ist schwer, von dieser Schau nicht aktiviert zu werden. Es gibt eine Prime Time, in der man mit den meisten Aktionen rechnen darf, sie liegt zwischen 14 und 15 Uhr. Aber eine Stunde genügt nicht für eine Ausstellung, die so unbeschwert die Sinne anspricht.

Move in der Kunstsammlung NRW K20. Bis 26.9., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211 / 83 81 204, http://www.kunstsammlung.de,

Katalog (engl.) 32 Euro

Quelle: wa.de

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