Die monumentale Malerei von James Rosenquist im Museum Ludwig

Ein Politiker und seine Versprechen: Rosenquists Bild „President Elect“ (1961/62-64). - Fotos: Museum

KÖLN - Als „President elect“ malte James Rosenquist 1961 John F. Kennedy. Aber er schuf kein einfaches Porträt, er kombinierte Bildelemente, die eigentlich nicht zusammenpassen. Die Nahaufnahme des strahlend lächelnden Politikergesichts geht über in zwei Hände, die ein Kuchenstück zerteilen, und den Kotflügel eines Autos. Die gemalte Collage wirkt wie ein verunglücktes Plakat.

In Wahrheit hat Rosenquist in seinem Werk die Bildsprache der Politik perfekt entschlüsselt. Der gewählte Hoffnungsträger wird mit seinem Wahlversprechen konfrontiert, Wohlstand für jedermann. Zugleich wird Kennedys Porträt visualisiert wie ein Konsumgut, kein Wunder, Rosenquist hatte als Vorlage ein Wahlplakat genommen. Der Künstler merkte an, Kennedy habe schon ausgesehen wie eine Anzeige. Das Gemälde ist im Kölner Museum Ludwig zu sehen. Es zeigt die Ausstellung „James Rosenquist – Eintauchen ins Bild“, die bisher wohl umfangreichste Werkschau des im März gestorbenen Künstlers.

Yilmaz Dziewior, Direktor des Museums und mit Stephan Diederich Kurator der Ausstellung, unterstreicht, dass wohl kein anderes Haus das Unternehmen hätte bewältigen können. Das Sammler-Ehepaar Ludwig hatte schon früh Hauptwerke des 1933 geborenen Malers erworben, so dass fünf Schlüsselwerke in Köln sind, darunter die Rauminstallation „Horse Blinders“ (1968/69) und das 14 Meter breite Bild „Star Thief“ (1980). Der Künstler selbst hatte noch an der Vorbereitung der Schau mitgearbeitet. So kamen Werke an den Rhein, die noch nie zuvor entliehen wurden, wie Rosenquists wohl politischste Arbeit, die Rauminstallation „F-111“ (1964/65) aus dem New Yorker Museum of Modern Art, und „The Swimmer in the Econo-mist“ (1997/98) aus dem Guggenheim Berlin, dessen drei Teile zusammen fast 50 Meter messen. Auch wenn diese Riesenformate aus mehreren Teilstücken komponiert sind, ist der Aufwand gewaltig. Und wenige Häuser haben genug Wandfläche für diese Monumentalmalerei.

Das Eintauchen ins Bild ergibt sich vor plakatgroßen Tafeln von selbst. Rosenquist nutzt es als ästhetisches Prinzip. Er hatte schon als Teenager Porträts gemalt und erhielt mehrere Stipendien. In den 1950er Jahren jobbt er, bis er 1957 Reklamemaler in New York wird. Hier übt er sich darin, in kurzer Zeit übergroße Kompositionen auszuführen, er realisiert Reklame für Filme, Zigaretten, Bräunungsmittel unter anderem am Times Square. Aber die Arbeit ist nicht ungefährlich, nachdem zwei Plakatmaler vom Gerüst stürzten, gibt er den Beruf auf und schlägt eine künstlerische Laufbahn ein.

Rosenquist wird schon früh bei den Pop-Künstlern einsortiert. Er selbst sah sich allerdings eher als Anti-Pop-Künstler. Und verglichen mit Andy Warhols durchaus affirmativem Umgang mit der Warenwelt sind Rosenquists Arbeiten kritisch. Selbst bei einem scheinbar einfachen Bild wie „Untitled (Joan Crawford says...)“ (1964), eigentlich ein Porträt des Hollywood-Stars. Tatsächlich malte Rosenquist den Ausriss einer Zigarettenwerbung ab, und die übernommenen Schriftfragmente legen offen, dass hier nicht nach der Natur gearbeitet, sondern eine mediale Inszenierung reproduziert und damit kenntlich gemacht wurde.

Das früheste Bild der Schau, „Astor Victoria“ (1959), wirkt mit seinem unruhigen Grund wie ein Nachhall des abstrakten Expressionismus. Nur der Buchstabe E ist hier als Motiv lesbar. Schnell aber fand Rosenquist seine Ausdrucksmittel, in denen er die Inspiration aus der Werbegrafik nie verleugnete. Es gehört zu den Stärken, dass die Kölner Ausstellung nun auch das Quellenmaterial des Künstlers zugänglich macht. Oft nutzte er Details aus Anzeigen, vor allem aus dem Life-Magazin, die er so kombinierte, dass der ursprüngliche Zusammenhang nicht mehr erkennbar war. So malte er 1964/65, nach dem Eintritt der USA in den Vietnam-Krieg, mit „F-111“ ein hochpolitisches Bild für die New Yorker Leo Castelli Gallery. Die Komposition zog sich über alle vier Wände des Hauptraums, ein 26 Meter langes Gemäldeband, das den Betrachter umschließt. Rosenquist malte das neueste, atomwaffenfähige Kampfflugzeug der USA und überlagerte die Form mit Details aus Konsumanzeigen, wobei ein kleines Mädchen aus einer Spielzeugannonce unter einer Frisierhaube zur Pilotin avanciert und ein bunter Schirm aus einer Getränkeanzeige den Rauchpilz eines Nukleartests krönt. Willkürlich ging Rosenquist nicht vor. Die Anzeigen stammten von Konzernen, die auch in der Rüstung arbeiteten. Dass der Bomber als todbringendes Spielzeug karikiert wird, versteht man auch ohne das Hintergrundwissen. Aber Rosenquists reflektiertes Vorgehen wird deutlich: Er malt eine Collage, die gleichsam bis in Tiefenschichten codiert ist.

Das Eintauchen ins Bild ist in dieser Ausstellung durchaus wörtlich zu nehmen. Man steht in den drei Räumen, die Rosenquist für Castelli schuf, im Kunstwerk. Und ebenso ist es vor dem 14 Meter breiten „Star Thief“, mit dem Rosenquist 1980 einerseits die Sehnsucht nach kosmischen Weiten aufgriff, die der Kinohit „Star Wars“ befeuerte, andererseits aber auch Distanz suchte zum Rüstungsprogramm des damaligen US-Präsidenten Reagan, der Satelliten zur Raketenabwehr einsetzen wollte. Die Komposition aus Sternenhimmel, riesigen Scheiben Frühstücksspeck, einem Frauengesicht und Kabeln vereint Pathos und Ironie in einer seltenen Mischung.

Jedenfalls findet man in dieser Werkschau reichlich Augenfutter, zum Beispiel in Rosenquists größtem Werk, „The Swimmer in the Econo-mist“ (1997/98), das den Fall der Mauer und den Wirtschaftsboom der 1990er Jahre in einen rauschhaften Motivstrudel übersetzt. Nicht alle Bilder überzeugen in gleicher Weise, in den Science-Fiction-Motiven des Spätwerks triumphiert der Pomp zuweilen über den Pop. Ein Erlebnis bleibt die Schau gleichwohl.

Bis 4.3.2018, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 261 65,

www.museum-ludwig.de,

Katalog, Prestel Verlag, München, 39 Euro

Quelle: wa.de

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