Mondriaan und mehr: De Stijl im Gemeentemuseum Den Haag

+
Fast abstrakt in Rot, Gelb, Blau: Bart van der Leck malte „De Storm“ 1916, zu sehen in Den Haag.

Den Haag - Am 13. Januar 1916 wütete ein Sturm an der Küste der Niederlande. In Scheveningen wurde die Strandmauer überflutet, Wasser strömte über die Keizerstraat. Für die Anwohner war das ein Naturschauspiel. Und Bart van der Leck malte „De Storm“. Das Bild strahlt eine ungewöhnliche Ruhe aus, das blaue Wasser, das nach roten Dächern schwappt, berührt die beiden Männer gar nicht, die von einer gelben Fläche beschützte scheinen.

Auffällig an dem Gemälde ist die Farbgebung: Hier tauchen nur die Primärfarben Rot, Gelb, Blau auf, dazu Schwarz und Weiß. Keine Abstufungen, keine Zwischentöne, keine Schattierungen. Es sind die Signalfarben der Kunstbewegung „De Stijl“, und erfunden hat sie Bart van der Leck.

Der niederländische Maler Piet Mondriaan (1872–1944) ist weltberühmt, und seine Bilder in eben den Grundfarben, die er in ein Raster aus schwarzen Linien spannte, sind millionenfach reproduziert. Mondriaan, der sich außerhalb seiner Heimat „Mondrian“ schrieb, schuf die Ikonen des „Stijl“. Bart van der Leck (1876–1958) ist außerhalb der Niederlande allenfalls Fachleuten ein Begriff. Unser Nachbarland feiert den 100. Geburtstag der Kunstbewegung. Den Haag ist ein zentraler Austragungsort, denn das Gemeentemuseum dort besitzt die umfangreichste Sammlung mit Werken Mondriaans – und zusätzlich eine der besten Kollektionen von De Stijl. Vier große Ausstellungen plant das Haus in diesem Jahr, die erste läuft gerade und führt zu den Wurzeln der Stijl-Malerei.

„De uitvinding van een nieuwe kunst: Piet Mondriaan & Bart van der Leck“ führt zurück in die Jahre 1916 bis 1918. Europa lag im Weltkrieg, nur in den Niederlanden herrschte Frieden, sie waren nicht wie Belgien völkerrechtswidrig von Deutschland angegriffen worden. Mondriaan, der vorher in Paris die Pioniere der Moderne getroffen hatte, musste zurück in seine Heimat. Er ließ sich in Laren nieder, einem Dorf, das sich um 1900 zum Künstlertreffpunkt gewandelt hatte. Dort wohnte er in der Nähe von van der Leck, den er kurz vorher kennen gelernt hatte, wahrscheinlich in Den Haag. Nun entstand ein fruchtbarer künstlerischer Dialog. Beide Künstler waren auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen.

Mondriaan hatte von postimpressionistischer Landschaftsmalerei zu Formen der Abstraktion gefunden. Er experimentierte mit Liniengeflechten, und eine ganze Zeit lang kamen seine Werke ohne Farbe aus, waren quasi Schwarz-Weiß-Strukturen in Ölmalerei. Das ursprüngliche Motiv tauchte zuweilen Bildtiteln wie „Pier und Ozean“ oder „Kirchenfassade“ (beide 1914) auf. Aber die späteren Versionen der Bilder hießen dann einfach nur „Komposition“. Der Künstler versuchte auch, Farbe in diese Malerei zu integrieren. Aber eine Tafel wie „Compositie“ (1916), ein Hochformat mit Ocker-, Braun-, Rosa- und Blautönen, erscheint unklar, nicht konsequent. Die Linien scheinen eine Art Labyrinth zu bilden, die Farben füllen mal die umschlossenen Felder, mal verbinden sie verschiedene Fächer.

Bart van der Leck gab seinem Kollegen die Inspiration, um diese unentschiedenen Bildlösungen zu überwinden. Er kam von der Glasmalerei, hatte 1914 einen Exklusivvertrag mit der reichen Sammlerin Helene Kröller-Müller abgeschlossen: Sie zahlte ihm ein Gehalt und bekam dafür seine Bilder. Das half ihm durch die Finanzkrise, in die die Niederlande durch den Kriegsausbruch gefallen waren. Aber es schränkte ihn auch ein. Er verstand Abstraktion so, dass er ein Motiv, sei es ein Frauenporträt, seien es Arbeiter vor einer Fabrik, auf ein Muster aus Farbbalken zurückführte, in denen das Ausgangsbild nur noch zu ahnen war, aber doch erhalten blieb. In der Ausstellung ist das an mehreren Beispielen zu verfolgen: Was auf den ersten Blick als Muster aus zufällig verteilten Rechtecken oder Dreiecken erscheint, behält doch die visuellen Gewichte bei, die in den Ausgangsbildern den Mann mit dem Hundekarren (1917) oder die beiden Holzfäller (1928) kennzeichnen. Das erinnert an Mondriaans frühe Abstraktionen.

Mondriaan brach auch mit der Figürlichkeit. Seine Bilder hatten keinen Anker mehr in der Realität, stattdessen setzte er einfarbige Rechtecke frei auf die Leinwand („Compositie no. 4 und no. 5 met kleurvlakjes“, 1917) und setzte dann auf Linienraster, die stets streng horizontal und vertikal orientiert waren. Mit Theo van Doesburg, dem Maler und Schriftsteller, der mit der Zeitschrift De Stijl die Bewegung gründete, überwarf Mondriaan sich später, weil der die Diagonale in seine Bilder einführte. Die Linien wurden schon 1918 zum Anlass für Streit mit van der Leck, der die Farbfelder lieber frei auf die Fläche setzte.

In der Ausstellung sieht man keins der reifen Werke Mondriaans, die schuf er erst nach dem Krieg, dann wieder in seinem Pariser Atelier. Die Schau setzt ein mit einem Raum mit Bildern von Zeitgenossen Mondriaans, die ebenfalls zur Abstraktion strebten. Und man sieht Beispiele der figürlichen Frühwerke von Mondriaan und van der Leck. Überaus spannend ist das Wechselspiel in den beiden Jahren, in denen sich die beiden Freunde gegenseitig inspirieren.

Auf Meisterwerke wie die späteren Kompositionen braucht der Besucher nicht zu verzichten: Das Gemeentemuseum zeigt in einer eigenen Abteilung einen repräsentativen Querschnitt durch das Schaffen aller Stijl-Künstler, wie man ihn in kaum einem anderen Museum finden wird, und Mondriaan ist dort mit Schlüsselwerken bis hin zum unvollendeten „Victory Boogie Woogie“ (1942-44) reich vertreten.

De uitvinding van een nieuwe kunst: Piet Mondriaan & Bart van der Leck im Gemeentemuseum Den Haag: bis 21.5., di – so 10 – 17 Uhr,

Tel. 0031/ 70/ 33 81 111, www.gemeentemuseum.nl,

Katalog Mondriaan/van der Leck (nl.) 22,50 Euro; Piet Mondrian: Der Mann, der alles veränderte, 24,95 Euro

Mondriaan & De Stijl: ganzjährig.

Das Museum plant zwei weitere Ausstellungen: Die Entdeckung von Mondriaan dokumentiert erstmals den Bestand des Hauses (3.6.-24.9.). In Architektur und Interieurs von De Stijl werden die großen Designer wie Rietveld, van Doesburg, Oud gewürdigt (10.6.-17.9.).

Allg. Infos: www.holland.com

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare