Milo Raus Inszenierung „Orest in Mossul“ in Bochum

Töten und Sterben geschehen parallel auf der Bühne und auf der Leinwand: Szene aus „Orest in Mossul“ mit Elsie de Brauw, Johan Leysen, Bert Luppes und Susana AbdulMajid (vorne, von links). Foto: debrock

Bochum – Das Opfer wird zur rituellen Mordinszenierung. Johan Leysen erdrosselt als Agamemnon Susanna AbdulMajid, die die Iphigenie darstellt. Dahinter erscheint die Tat noch einmal auf der Videoleinwand, nicht live gefilmt wie so oft im modernen Theater, sondern leicht geändert, mit drei Männern, die zuschauen.

Es ist nicht der einzige schmerzende Moment im Schauspielhaus Bochum. Die Tat dehnt sich quälend, der grauhaarige Schauspieler hält sein Opfer im Griff und man sieht, dass auch Töten mühevolle Arbeit ist. Und die Frau gibt die Laute des verlöschenden Atems von sich, das Röcheln, Krächzen, Hauchen. Bis es aus ist.

Dies ist die „Orestie“ von Aischylos, und sie ist es wieder nicht. Der Schweizer Regisseur Milo Rau ist mit einem 15-köpfigen Team nach Mossul gereist, um dort die griechische Tragödie mit irakischen Schauspielern zu realisieren. Das blutige Drama aus der Antike wird an den Schauplatz des Kriegs gegen den sogenannten Islamischen Staat verlegt. Die radikale Aktualisierung wirft Fragen auf. Zuerst natürlich, wenn man die Kamerafahrten über die Ruinen sieht: Wozu brauchen die Überlebenden Aischylos?

Aber Rau inszeniert nicht einfach die Tragödie. Er schuf schon aus praktischen Gründen eine Art Hybrid aus Film und Schauspiel, aus Drama und Dokumentation. Das Vorhaben ist in jeder Hinsicht herausfordernd. Ein Theater allein kann es kaum bewältigen. „Orest in Mossul“ ist eine Koproduktion mit dem NT Gent, wo es zuerst zu sehen war.

Die Beteiligten treten immer wieder aus ihren Rollen und erzählen von sich. Wenn am Anfang Johan Leysen auf Niederländisch davon spricht, wie fasziniert er als Kind von der Archäologie war, hat das den Charakter einer entspannten Plauderei. Anschließend erzählt im Video Baraa davon, wie Islamisten ihre Schule überfielen und ein Terrorist vor ihr stand und sie ansah. Er verschleppte dann nicht sie, sondern ihre Mitschülerin Leila. Weil die an dem Tag Parfum aufgelegt hatte, das ihn anzog. So ein Detail erklärt mehr über Schicksal als viele Worte, selbst von Aischylos.

Rau lässt seine Darsteller von ihren Erlebnissen, von der Situation im Nachkrieg sprechen. Und auch die Situation am Drehort kommt zur Sprache. Vieles, was in der „Orestie“ geschieht, passiert heute noch. Die Griechen ziehen in den Krieg gegen Troja. Sie haben Probleme mit dem Wetter und mit der Motivation, die durch das Opfer von Agamemnons Tochter überwunden werden. Dann gibt es einen Kreislauf von Rache und Gegenrache. Die Bluttaten der Islamisten waren ja nicht irrational, sondern hatten durchaus einen perversen Sinn, sollten für Zusammenhalt sorgen, unter den Feinden Schrecken und Erschütterung verbreiten. Die ideologisch, das heißt mit dem Willen der Götter oder dem Walten des Schicksals begründete Gewalt in „Orest in Mossul“ bekommt die Anmutung der Internetvideos der islamistischen Terrororganisation. Das lange Erdrosseln. Die Genickschüsse für Klytaimnestra und Aigisthos, für die sich die Opfer hinknieen, während der Schütze hinter sie tritt und die Waffe aufsetzt.

Zugleich lässt Rau die furchtbare Geschichte des Ortes an sich und an den Zuschauer heran. Der Fotograf Khalid erzählt, wie er die Vollstreckung von Todesurteilen aufnahm – mit extremem Teleobjektiv, um zu verschleiern, von wo die Aufnahmen gemacht wurden. Sie stehen auf dem Dach eines einstigen Supermarktes, on dem Homosexuelle in den Tod gestoßen wurden. In solchen Erzählungen vermittelt sich, wie man in einer Gesellschaft lebt, in der archaische Willkür herrscht.

Das ist technisch überaus raffiniert gemacht. Rau montiert das Geschehen so, dass die Filmszenen aus Mossul und das Live-Spiel eng ineinander greifen. In manchen Szenen scheinen die gefilmten Darsteller auf Fragen von der Bühne zu reagieren. Manchmal sprechen die Live-Darsteller den Text für die Gefilmten. Rau erreicht damit die Dichte einer Live-Schaltung im Fernsehen, nur eben in der intimen Situation des Schauspiels. Sogar eine kleine „Panne“ baut er als Effekt ein, ein nicht eingestöpseltes Mikrofon.

Die Inszenierung rührt an Tabus auch noch in der Nach-IS-Gesellschaft. So küssen sich Orestes und sein Freund Pylades mehrfach, was bei irakischen Mitspielern als schockierend empfunden wird. Befriedet ist Mossul nach der Befreiung von den Terroristen noch nicht. So wird von einem Anschlag mit einer Autobombe berichtet.

Das alles fügt sich in der Produktion zu einer beeindruckenden Mischung. Die Züge der antiken Tragödie übersetzt Rau in ein symbolisches, geradezu rituelles Reenactment. Bei Aischylos sorgen am Ende die Götter für Frieden. Athene besänftigt die Rachefurien, die den Muttermörder Orest hetzen. Rau findet dafür ein gradioses Bild: Er lässt eine Frau, deren Mann von IS-Terroristen getötet wurde, die in die Türkei geflüchtet war und jetzt Aussteigerinnen betreut, die Athene spielen. Sie lässt junge Männer in einer Art Volksbefragung darüber entscheiden, was mit den IS-Kämpfern geschehen soll: Begnadigung oder Todesstrafe? Ein wirkliches Urteil gibt es nicht, sondern sich widersprechende Stimmen.

Einen neuen Blick auf den antiken Stoff bietet Rau so wenig wie eine Lösung oder auch nur Entscheidung. Aber der sehr sehenswerte Abend zeigt, wie man den kulturellen Fundus anwenden kann, um Gegenwart zu begreifen.

22., 23., 24., 26., 28., 29., 30.5.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55; www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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