„Metropolis“ als Live-Animation in Essen

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Bildermacher und Akteure: Szene aus „Metropolis“ in Essen mit Sven Seeburg und Aless Wiesemann.

ESSEN - Die phantastischsten Kino-Effekte zaubert dieser Abend mit den einfachsten Mitteln. Die Drohne in die Unterwelt ist ein Minischeinwerfer, mit dem Kerstin Pohle über einige kleine Figuren auf der DJ-Theke leuchtet. Das wirft unscharfe Schatten auf die weiße Wand. Und schon ist das Publikum in der Casa des Schauspiels Essen Augenzeuge im Lauschangriff des Oligarchen von „Metropolis“ auf die Versammlung seiner Arbeiter. Ein Spezialeffekt, der aus nichts als Licht und Schatten besteht.

Der Medienkünstler Nils Voges und die Gruppe sputnic haben vor drei Jahren am Schauspiel Dortmund eine neue Form entwickelt, den Live-Animationsfilm. In ihrer aktuellen Inszenierung in Essen widmen sie sich einem Kino-Klassiker, Fritz Langs 1927 uraufgeführtem Science-Fiction-Film „Metropolis“. Vier Darsteller legen vorbereitete Bildtafeln auf und ziehen zum Beispiel Laschen, damit sich ein Mund öffnet und schließt. Zu den bewegten Bildern sprechen die Schauspieler live. Sie rufen Musik aus dem Rechner ab, erzeugen Geräusche wie Wind oder Vogelzwitschern im Park. Parallel spielen sie noch direkt, einen Filmvorführer, den Regisseur Fritz Lang, seine Ex-Frau und Drehbuchschreiberin Thea von Harbou. Eine Kollektivleistung, die höchste Konzentration verlangt.

In der Casa führt Alexey Ekimov in das Projekt ein. Das klassische Kino existiert heute nicht mehr. Man projiziert nicht mehr Filmrollen, sondern ruft in Lichtspielhäusern digitale Datensätze ab. Im Theater ziehen sie den Streifen von der Rolle, das Kino läuft im Kopf: „Wir erfinden den Film neu.“ Voges scheint sich auf immer archaischere Formen der Bildproduktion zu konzentrieren – bis hin zum direkten Einsatz der Schatten der Schauspieler. Die Grafiken von Julia Zejn und Elena Minaeva sind oft einfache Scherenschnitt-Reduktionen, transportieren aber trotzdem überzeugend Emotionen. Das Analoge zeigt in der Live-Animation sein kreatives Potenzial. Die Musik in der Bar aber kommt von einem echten Grammophon.

„Metropolis“ ist die düstere Zukunftsvision einer gespaltenen Gesellschaft. In der Oberwelt leben die Besitzenden idyllisch, kontrolliert von Joh Fredersen, in der Unterwelt treiben Arbeiter eine zentrale Maschine an wie einst die Ruderer eine Galeere. Doch dann verliebt sich der Sohn des Oligarchen, Freder, in eine Frau aus der Arbeiterschicht. Und es kommt noch eine Maschinenfrau ins Spiel, die einen eigenen Willen entwickelt. Der Film schwankt zwischen Horror-Romantik und Sozialkritik, nähert sich in religiösen Erlösungsphantasien dem Kitsch. Voges‘ Bearbeitung macht auch das zum Thema. Da stoppt Sven Seeburg als Fritz Lang den Ablauf und ruft: „Das ist nicht mehr mein Film.“ Oder er mokiert sich über den Idealismus im Drehbuch seiner Ex-Lebensgefährtin (Kerstin Pohle). Die beiden streiten um das kreative Moment des Films, was zählt mehr, Langs „Vision“ oder ihr Text? Da mutiert der Abend zum „Metoo-polis“, es wird darüber gesprochen, dass der Frauenanteil in der Filmindustrie anfangs hoch war, bis die Männer merkten, dass hier gutes Geld zu verdienen war. Wer soll Held sein im Live-Animationsfilm? Männer oder Frauen? Der Streit wird auf der Bühne ausgetragen.

Zugleich werden Motive aktualisiert, die Metropolis-Maschine produziert nicht mehr mythische Lebensenergie, sondern schürft seltene Erden für Fernseher, LED-Lichter und Brennstoffzellen, Dinge, die es zu Langs Zeiten nicht gab. Auf einmal geht es um die Kollektivierung der Gesellschaft in der Datencloud, und Voges lässt die Borg aus der Star-Trek-Fernsehserie mitspielen.

Ein höchst unterhaltsamer Abend, vor allem auch wegen der bestens aufgelegten Darsteller, die über einige kleine technische Pannen launig hinwegimprovisieren.

3., 15., 23., 27.3., 7.4.,

Tel. 0201/ 81 22 200,

www.theater-essen.de

Quelle: wa.de

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