Gil Mehmert inszeniert Leonard Bernsteins „West Side Story“

Auf dem Sprung aus dem Ghetto: Szene aus der Inszenierung von Leonard Bernsteins „West Side Story“ an der Oper Dortmund mit Markus Schneider (Riff, Mitte) und den Jets.
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Auf dem Sprung aus dem Ghetto: Szene aus der Inszenierung von Leonard Bernsteins „West Side Story“ an der Oper Dortmund mit Markus Schneider (Riff, Mitte) und den Jets.

Dortmund - Weg hier, nur raus aus diesem miesen Leben in den schmuddeligen Seitenstraßen New Yorks, woanders kann es nur besser sein. Eine ziellose Unzufriedenheit treibt die Figuren in der „West Side Story“ an, und die Konkurrenz zwischen den Jugendbanden der Jets und Sharks sind ein Verteilungskämpfe unter sozialen Außenseitern, die viel mehr verbindet als trennt. Zum Beispiel macht die Verachtung der Polizei für die delinquenten Halbstarken mit ihrem Migrationshintergrund keine Unterschiede.

Mit dieser Motivierung setzt Gil Mehmert im Dortmunder Opernhaus feine Akzente in dem Urheberrechts-Korsett, das Musical-Regisseuren enge Grenzen setzt. Mehmerts Inszenierung (weitgehend eine Übernahme vom Magdeburger Domplatz Open Air vom Sommer 2017) ist eine dicht erzählte und vor allem in den beiden Hauptrollen famos besetzte Adaption des Klassikers.

Die zwei Hauptdarsteller (Musical-Star Anton Zetterholm als Tony, Iréna Flury als mädchenhafte Maria) schlittern mit wirkungsvoller Jugendlichkeit und Unbedarftheit in ihr Romeo-und-Julia-Drama. Die Balkonszene findet hier auf der Feuerleiter statt, auf der Zetterholm verliebte Klimmzügen turnt. Die Liebe auf den ersten Blick verklärt sich erst recht im Kontrast zu den brodelnden Aggressionen der Jungs – und auch der Mädchen, die beim Samstag-Abend-Schwoof unter der Regie des überforderten Kiez-Sozialarbeiters den Anderen den Mittelfinger zeigen.

Mehmert spielt den präzisen Sozialrealismus in den Songtexten Stephen Sondheimers aus, der ein Alleinstellungsmerkmal der „West Side Story“ im Musicalgenre ist (gesungen werden die amerikanischen Originaltexte, gesprochen wird deutsch). In der Nummer „Gee, Officer Krupke“ drücken die Jets erst auf die Tränendrüse als verwahrloste Kinder untauglicher Eltern und verhohnepiepeln dann Richter, Psychiater und Sozialarbeiter.

Jonathan Huors tolle Choreografien speisen sich aus Alltagsszenen, aus Basketball und Rangeleien unter Kumpels. Tanz, Gesang und Sprechtext gehen ansatzlos ineinander über, doch setzt Mehmert seine handwerkliche Routine und die stete Beweglichkeit des Bühnengeschehens auch aus, wenn er eine Situation fokussieren will. So lässt er die (bei Bernstein/Sondheim/Laurents lediglich versuchte) Vergewaltigung von Marias Freundin Anita (Dorina Garuci) durch die Jets eindeutig begehen. Und als sich mitten im akrobatischen Imponiergehabe der „weißen“ Jets und der puertoricanischen Sharks Tony und Maria zum ersten Mal begegnen, sorgt Philip Armbruster mit den Dortmunder Philharmonikern für ein Luftanhalten, dem ein Seufzer folgt: „Maria!“

Armbruster bringt Leonard Bernsteins farbenreichen Sound mit großer Präsenz zur Geltung: die treibenden Rhythmen und Synkopierungen, die jazzige, oft gleißende Instrumentierung, Rock’n’ Roll und Mambo, ratschende Salsa-Percussion. Das sachte und auch das ganz große Gefühl beim „Somewhere“, wenn die ehemals verfeindeten (und jetzt toten) Bandenchefs Riff und Bernardo im Sonnenuntergang ihre Kutten tauschen. Da trieft Versöhnungskitsch, den Mehmert und Armbruster jedoch sofort auch unterlaufen: Anybody’s (Esther Conter) singt hier durch ein Megafon, wodurch der Song zwar immer noch engelsgleich und hell klingt, aber auch eigentümlich hohl.

Dieses Irgendwo ist das Sehnsuchtziel der frustrierten Jugendlichen und als Illusion stets präsent: „Somewhere“ ist der Name der Autoreifen-Firma, deren riesiges Werbeplakat einem Highway als Ausweg zeigt, der aber für sie nicht erreichbar ist. Die Bühne (Jens Kilian) richtet die Geschichte zwischen Backstein-Hinterhöfen, Mülltütenhalden und einem abgewrackten Fiat ein. In diese Schäbigkeit wird eine gekachelte Tankstelle geschoben, wo die Jets vorzugsweise abhängen. Wird sie gedreht, kommt eine Werkstatt zum Vorschein, ein Brautkleiderladen (Marias Arbeitsplatz) und eine öffentliche Toilette, in der sich Tony verstecken wird, nachdem er Bernardo erstochen hat. „Fuck Sharks“ hat jemand über die Pissoirs gesprayt.

Die Kostüme (Falk Bauer) verweisen mit einigen Details (Petticoats, Lederjacken) auf die Entstehungszeit des Musicals in den späten 50ern, doch spannt die Ausstattung mit Bonanzafahrrad, Tattoos und Used-Look-Klamotten auch spätere jugendkulturelle Trends ein.

2., 6., 8., 13., 18., 19., 22., 29. 31.12; 20., 26.1.2019; 10, 14., 23.2.,; 8.3-; 5., 19., 21., 22.4.,

Tel. 0231/5027222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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