Mariame Clément deutet in Essen Strauss‘ Oper „Salome“ feministisch um

+
Die Verführerin als Opfer: Szene aus „Salome“ in Essen mit Annemarie Kremer in der Titelrolle.

ESSEN - Dies ist eine Familiengeschichte, und sie geht nicht gut aus. Zu jedem Geburtstag erhält das kleine Mädchen ein rosa Paket vom Stiefvater, immer ist ein Tüllrock darin. Er ist ein Symbol für Missbrauch, über viele Jahre begangen, bis zu ihrem 18. Geburtstag.

Soweit die Vorgeschichte im Video (verantwortlich: fettFilm). An der Aalto-Oper in Essen erzählt Regisseurin Mariame Clément Richard Strauss’ Oper „Salome“ als Kammerspiel, als brutale Geschichte eines Kindes, dem Gewalt angetan wurde. Das Mädchen wird zur jungen Frau, hocheindringlich gespielt und gesungen von Annemarie Kremer.

Salome hat Nähe als Übergriff erlebt. Daher ihre Faszination für Jochanaan, der immerhin sie und ihre Mutter als Huren beschimpft. Daher ihr wütendes Verlangen nach seinem Kopf, stellvertretend entmachtet sie so Herodes. Ihre Wünsche entstammen einer explosiven Mischung aus Gewalterfahrung und Emanzipationswillen.

Wer wie Mariame Clément große Erzählungen der Kulturgeschichte umstülpt, beschert seinem Publikum zuweilen böse Überraschungen. Der Schleiertanz mit seinen tief verführerischen Klängen – schließlich die wohl bekannteste Musik aus „Salome“ – dient hier als Background für die, wenn auch stilisierte, Pantomime einer Vergewaltigung. Dem jungen Mädchen wird Verführungskraft zugeschrieben, damit rechtfertigt der Mann den Missbrauch.

Clément bewegt sich in einer feministischen Tradition der Umdeutung großer Stoffe aus weiblicher Perspektive. Das offensichtliche Problem: Wer in solchen Fällen die Frau als Opfer der Verhältnisse begreift, läuft Gefahr, andere Aspekte der Originalgeschichte zu vernachlässigen. Aber Clément erzählt in Essen eine schlüssige Geschichte, besonders weil sie gut auf das Libretto achtet, das dicht an Oscar Wildes Drama bleibt. Die an die Bibel angelehnten sprachlichen Überschwänglichkeiten des Librettos und die Exzesse in der Musik kontrastiert sie durch ein betont schmuckloses Umfeld.

Die Ausstattung (Bühne und Kostüme: Julia Hansen) ist zeitlich vage und schlicht gehalten. Wir sehen den Bedienstetentrakt einer Villa und ein Kinderzimmer als Abstellkammer, dort fällt später die Festgesellschaft ein. Details können mal überplakativ sein, wie der übergroße Teddy, den Salome während der Begegnung mit Jochanaan an sich drückt. Das Drastischste, was man sieht, ist eine Videoaufnahme einer Schere, mit der das Opfer sich ritzt. Insgesamt werden Videos aber angenehm zurückhaltend genutzt.

Die Besetzung ist nach Typen erfolgt, auch das funktioniert: Svilpas Jochanaan ist auch physisch beeindruckend; Narraboth (Carlos Cardoso), der Salome anbetet, ist gutaussehend und verliebt, aber schon seiner Hingabe wegen – er ist als Wachmann zudem Untergebener – kann er für sie nicht attraktiv sein. Salome kann sich nicht verlieben, sie kann nur die brutale Faszination, die sie von ihrem Stiefvater Herodes erfahren hat, auf Jochanaan übertragen. Die erste Begegnung zwischen Salome und Jochanaan (gesungen mit Wucht, aber auch großer Inbrunst von Almas Svilpa) skizziert das.

Die Essener „Salome“ ist harter Stoff, auch weil die Essener Philharmoniker unter GMD Tomas Netopil die Partitur plastisch-theatralisch ausformen, bedrohlich grollen, wenn Jochanaans Verkündermotiv auftaucht, und in Salomes verführerische Klarinettengirlanden ein Zittern hineinlegen.

Als Herodes gibt Rainer Maria Röhr einen schmierigen Überdaddy, in Wahrheit ist er ein Feigling. Stimmlich schafft es Röhr nicht immer gegen die Wucht des Orchesters. Marie-Helen Joel gibt die Herodias als alternde Diva, mit giftigem Parlando und Klangbögen kurz vor dem Durchdrehen.

Eine verrottete Familie, von der sich Salome mittels Jochanaans Tod unwiederbringlich entfernt. Dafür findet Clément ein treffendes Bild. Herodes’ letzte Anordnung, „Tötet dies’ Weib“, klingt bloß noch machtlos herüber.

7., 15., 19.4., 3., 9., 23.5., 8.6., 1.7.,

Tel. 0201/ 8122 200,

www.aalto-theater.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare