Manuel Schroeders „Concrete Delusion“ in Beckum

Wasser, Gestein und Reflexionen: Manuel Schroeder fotografiert in einer Abraumgrube Spuren, die bei der Materialgewinnung für Beton entstehen. Er stellt im Stadtmuseum Beckum aus: „Concrete Delusion“. Foto: lettmann

Beckum – Der Feinstaub vernebelt auf Manuel Schroeders Fotografien nicht die Luft in der Gesteinsgrube. Ganz präzise sind dagegen Bruchkanten von Steinen zu sehen, geborstenes und gesplittertes Naturmaterial, graues Wasser und die zarten Reflexionen darin, die an Maschinen erinnern, an Baugeräte. Wer die Fotos des Künstlers betrachtet, die von zahlreichen Grauschattierungen bestimmt sind, hat dennoch eine Ahnung, wie belastend die Arbeit in der Grube sein kann. Vor allem bei sommerlichen Temperaturen.

Manuel Schroeder stellt ab Sonntag im Stadtmuseum Beckum aus. „Concrete Delusion – Ressourcen und Landmarken“ ist der Titel seiner Ausstellung, der die Begriffe Beton und Täuschung zusammenführt. Geht es um Illusion, um enttäuschte Absichten?

Der Berliner Künstler nähert sich mit seinen Mitteln dem Thema Beton. Er kennt die Abbaustätten, wo das Material für Zement gewonnen wird, dem Baustoff, der für die Baustoffindustrie in Beckum so wichtig ist. Und er kennt die Betonruinen in Lettland und Weißrussland, wo einst die sowjetische Armee stationiert war. Schroeder hat vor sechs Jahren die Sperranlage und Ruinen des militärischen Apparats der Russen fotografiert, hat zwei Jahre in Minsk gelebt und fotodokumentarisch gearbeitet. Nun ist er in eine Region gekommen, wo der Baustoff Zement als Grundlage für die Bauwirtschaft hergestellt wird – nach Beckum und Erwitte, wenn man so will, zum Ursprung des Betons.

Es geht in Beckum um „Kulturarchäologie“, um die Frage, wie sich ein Werkstoff verändert, welche Stadien der Transformation er durchläuft. Manuel Schroeder macht beim NRW-Projekt „Stadtbesetzung“ mit, das vom Kultursekretariat Gütersloh geführt wird. Er realisiert Kunst im öffentlichen Raum als Teil seiner Arbeit, also „Urban Culture“. Im Stadtmuseum ist bereits ein Blick darauf möglich – auf eine Lichtinstallation. „Es ist ein Vorgriff“, sagt Schroeder mit Blick auf spätere Landmarken. In Gelb und Violett werden hier Stelen in einem gesonderten Raum angestrahlt. Auf den grauen Flächen sind Ausschnitte von Grabplatten zu sehen. Schroeder bringt diese Fotos von sowjetischen Friedhöfen aus Lettland mit. Es fällt Licht auf den Bildträger Beton, den Schroeder so auch künstlerisch erprobt. Wie substanziell diese Strategie ist, wird sich noch erweisen müssen. Ziel sei, sagt Manuel Schroeder, Erinnerungskultur für Menschen in ihrer Nachbarschaft zu errichten. Beton ist gerade in Beckum ein Stoff, der zur persönlichen Geschichte vieler Bürger und zum Image der Stadt gehört. Wie groß werden die Landmarken und wo sollen sie später stehen?

Neben dem Blick in die Zukunft bietet die Ausstellung in Beckum insgesamt 27 Arbeiten. Videos setzt Manuel Schroeder ein, um sich dem Prozess der Zementproduktion zu nähern. Im Raum mit der Lichtinstallation ist eine Reihe von Monitoren zu sehen, die Gestein zeigen, das auf einem Transportband bewegt wird. Das Fördergeräusch hört sich ruppig an.

In einem andern Raum, dem „Leitstand“, wie Schroeder ihn nennt, sind in vier Videos auf einer Art Überwachungsstation flackernde Steine zu sehen. Flammende Glut ist auf einem Video an der Kopfwand zu erkennen. Das Video ermöglicht den Blick in den Ofen, wo Gestein bei 1600 Grad zerkleinert und geschmolzen wird – auf dem Weg zum Zement als Ausgangsprodukt für Bauwerke aus Beton.

Vor allem aber hat Manuel Schroeder fotografiert. Seine Kamera blickt in Abraumgruben, oft geht es zehn bis zwölf Meter in die Tiefe und das grau-schwarz-braune Panoramabild fängt die natürlichen Farbnuancen des Gesteins ein. Gedruckt werden die digitalen Fotos auf aluminiumbeschichtete Platten. So schimmert die Foto-Oberfläche metallisch, wenn Tageslicht auf die Bildträger fällt. Sichtbar werden Texturen aus Stein, und sie geben der Grube etwas Erhabenes. Es sind Strategien der Wertigkeit, die Schroeder einsetzt, um dem Werkverfahren Zement eine neue Perspektive zu schenken.

Eine andere Fotoserie ist auf eine Art Büttenpapier gedruckt. Sanft und matt wirken nun die Ansichten aus den Steinbrüchen. Uferkanten zum steinigen Gelände haben eine plastische Tiefe, grautoniges Wasser ist weniger stumpf und festgefahrenes Geröll liefert interessante Grauwerte. Vielleicht spielt bei der Einschätzung sogar ein Farbtrend eine Rolle, der seit Jahren auf Produkten, Autos und Häusern zu erkennen ist: Grau, Anthrazit und Taupe sind up-to-date.

Dagegen bringen Makroaufnahmen von Manuel Schroeder auch Unerwartetes zum Vorschein. Zwischen der rissigen Bodenfläche sind gelb-grüne Pigmente zu erkennen – nach einem Regenguss neben feinen Spalten.

Und geht es nun in „Concrete Delusion“ um Illusion und enttäuschte Absichten? Nur eine Arbeit Manuel Schroeders trägt einen Titel. Die Decollage „Darwins Rache“ (2018, Holz, Papier) lässt ein menschliches Antlitz erkennen, um das man Angst haben kann, weil die Papierschichten zerrissen sind und der Künstler mit einer Kettensäge dem Bild Macken und Male zugefügt hat. Es geht um „den menschlichen Zerfall“ sagt Schroeder, aber wie der Künstler die Verbindung zu Beton und Zement herstellen will, dafür braucht es vielleicht noch eine weitere Ausstellung.

Sonntag bis 25. Oktober; di-fr/so 9.30 – 12.30 Uhr, sa 15 – 17 Uhr; Tel. 02521 / 29 264; www.beckum.de;

Buchpublikation zum Projekt in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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