Ein Mann im Dunkel: „Judas“ in Bochum

Die Kreatur auf der Kippe: Steven Scharf als „Judas“ in Bochum. Foto: Buss

Bochum – Es ist unangenehm, Steven Scharf anzuschauen. Das Parkett des Schauspielhauses Bochum ist leer, der eiserne Vorhang herabgelassen. Dagegen lehnt eine Leiter. Er sitzt oben mit dem Rücken zu den Zuschauern. Im Dämmerlicht erkennt man nach und nach, dass er nackt ist. Das Publikum sitzt auf dem Balkon, auf seiner Höhe. Der Mann ist den Blicken ausgeliefert, entblößt, fast wie ein Tier im Zoo.

Er hat keinen guten Ruf. Der Name „Judas“ steht für Verrat. Er war der Jünger, der für 30 Silberlinge Jesus den Kuss gab, der ihn letztlich ans Kreuz brachte. Die niederländische Autorin Lot Vekemans gibt ihm in dem gleichnamigen Stück Gelegenheit, seine Seite der Geschichte zu erzählen. Johan Simons hat die Uraufführung 2013 an den Kammerspielen München inszeniert. Inzwischen ist er Intendant in Bochum und holte die Produktion ins Revier.

Es ist keine Beichte. Dieser Judas leidet an vielem, aber nicht an einem schlechten Gewissen. Er wollte seinen Meister nicht verraten, ihm nicht schaden, sondern ihn wachrütteln. Dass man ihn seit so vielen Jahrhunderten missversteht, das tut ihm weh. Wahrheit, Genauigkeit, Ehrlichkeit, das sind Kernbegriffe in seiner eineinviertelstündigen Erzählung. Und obwohl Vekemans sich recht eng an das hält, was die Bibel von Judas ausbreitet, ist dies mindestens so sehr eine psychologische Sondierung wie eine theologische. Es ist ja gerade das Verblüffende, dass der vermeintliche Erzschurke uns so anfasst, indem er darauf beharrt, bei allen Fehlern eben auch nur ein Mensch zu sein. Und er weckt Zweifel, ob da wirklich einer nur aus Habgier handelte.

Das karge Bühnenbild von Bettina Pommer, die Musik von Maarten Schumacher, meistens eine Art Maschinenklicken, das sich ab und zu zu einem Dröhnen steigert, einige Güsse aus feinem Geröll, die auf den Nackten niedergehen: Schon das Setting ist hochdramatisch. Vor allem aber wirkt dieser Abend durch die charismatische Darstellung von Steven Scharf, der meistens nur zur kalten Metallwand spricht, mit schwerer Zunge, zögernd, manchmal ein Stottern andeutend, zugleich trotzig-laut, und das alles in einer Lage, die den Körper ungemein belastet, manchmal an den Händen hängend, oder eingeklemmt zwischen Leiter und Wand. Wenn er sich in der schummrigen Theaterhöhle umwendet, scheint er wirklich jedem ins Auge zu schauen. Großer Beifall für einen intensiven Abend.

24.5., 7., 16., 28.6.,

Tel. 0234/ 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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