Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zeigt den Zeichner Mordillo

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Die Dschungelvollversammlung posiert für Tarzan – und der argentinische Zeichner Mordillo hält jedes Detail fest. Zu sehen in der Oberhausener Ausstellung.

OBERHAUSEN - Aus großen Augen blicken sie uns an: Etwas entgeistert wirkt der Löwe, stoisch das Krokodil, lässig der Affe, selbstbewusst der Elefant. Und zwischen ihnen wuseln viele Mäuse, Hasen, Vögel, Falter, Schnecken. Der von der Fülle an Details überwältigte Betrachter entdeckt erst nach einer Weile, dass diese Dschungel-Vollversammlung posiert. Und zwar für Tarzan, der sich anschickt, das bunte Ensemble mit einer altmodischen Plattenkamera zu fotografieren.

Ein Blick reicht, und man erkennt den Künstler dieses liebevoll komponierten Wimmelbilds. Es ist der argentinische Zeichner Guillermo Mordillo, der selbst Löwen und Giraffen seine typische Knollennase verpasst. Und Menschen sowieso. Der in Buenos Aires geborene, in Monaco lebende Zeichner hat gerade seinen 85. Geburtstag gefeiert. Aber er arbeitet noch immer und kommt auch am Samstag zur Eröffnung der großen Ausstellung „The Very Optimistic Pessimist“ in die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen.

Mordillo gibt ungern seine Originale aus der Hand. Um so außergewöhnlicher ist der Umstand, dass in der Schau gut 150 Zeichnungen zu sehen sind, ergänzt um 50 hochwertige Drucke von raren Motiven. Hier kann man ein Werk studieren, dem man in den 1970er und 1980er Jahren kaum entgehen konnte. Im Fernsehen warben Mordillo-Cartoons für die Fernsehlotterie, der Stern druckte eines seiner Motive auf dem Titel. Es gab Grußkarten, Plüschtiere und anderen Marketingkram.

In Oberhausen kann man nun die Qualitäten dieses Zeichners entdecken, der manchmal zu sehr seiner Produktivität nachgab. Man trifft viele alte Bekannte unter den Zeichnungen – und kann einiges entdecken. Zum Beispiel den Comic „Pascacio el Vagabundo“, den er 1945 als 15-Jähriger zeichnete. Darin ist eine freche Katze zu sehen, die auffallend der Micky Maus ähnelt. Der junge Mordillo bewundert die Arbeit von Walt Disney. Noch 1999 zeichnet er eine Maus (mit Mickys Hose und Mordillo-Nase), die aus dem schäbigen Loch daheim nach Hollywood aufbricht. Er besucht die Schule für Journalismus in Buenos Aires und arbeitet dann in argentinischen Trickfilmstudios und illustriert Kinderbücher. Die frühen Arbeiten zeigen Mordillos profundes Handwerk, sie sind ganz im Stil der Zeit gehalten, zum Beispiel bei dem Blatt für ein Kinderbuch, in dem Papa Fuchs durch einen Walt nach Hause eilt, in einer leicht abstrahierten, modernistischen Ästhetik, wie sie für die 1950er Jahre typisch war. Es gibt eine schrille Zeichnung mit einer rasenden Oma im Auto, die für Esso warb, und ein Blatt mit Kindern an einer Wasserpumpe für Unicef. Man sieht auch Glückwunschkarten und andere Gebrauchsgrafik, die er zunächst in den USA, dann in Paris schuf. Da gibt es auch einen Kalender mit einer kurvenreichen Bikini-Dame.

In der Mitte der 1960er Jahre hat er dann seinen Stil gefunden. Nun haben die Männchen Knollennasen, und er zeichnet Cartoons wie den mit der Freiheitsstatue, der ein Sträfling die Streifen der Knastkleidung aufmalt. Dieses frühe Blatt hat er in den 2000er Jahren noch einmal gezeichnet, diesmal hat auch die Statue eine Knollennase. Viele Blätter lassen sich auch politisch interpretieren. Berühmt ist seine Zeichnung einer nächtlichen Siedlung voller mausgrauer Häuser. Nur eins ist schrill rot bemalt, und der mit dem Pinsel aus der Reihe tanzende Eigentümer wird gerade von der Polizei abgeführt.

Den Durchbruch brachte Mordillo aber 1970 das Kinderbuch „Das Piratenschiff“. Ohne Worte sieht man darin eine wilde Piratenband ihr Schiff durch die Stadt in den Hafen tragen, wo sie es ins Wasser werfen – und dann nachschwimmen müssen, um an Bord zu kommen. Sie erleben wilde Abenteuer, bis sie auf einer Insel stranden. Dort bauen sie ein neues Schiff und stechen wieder in See. Man kann das philosophisch deuten als Gleichnis für das Leben, bei dem man aufbricht, scheitert, neu beginnt. Aber der Witz der immer wieder mit Details gesättigten Blätter bezaubert noch immer.

Mordillo arbeitete nicht nur für Kinder. Sein auf dem Elefanten reitender Tarzan, dessen maskuline Erscheinung Jane umhaut, ist sicher für Leute gedacht, die eine phallische Anspielung verstehen. Überhaupt: die Liebe. Bei Mordillo klingelt der Verehrer mit dem Blumenstrauß, muss sich aber vor dem herausschießenden Liebesherz ducken. Oder er hält der Angebeten ein riesiges Herz hin – und die misst erst mal nach, ob die Liebe auch groß genug ist.

Man kann so vieles entdecken: Mordillos prachtvolle Ideen zu einsamen Inseln, seine Wimmelbilder vom Wintersport im argentinischen Nationalpark Nahuel Huapi. Oder das Fußballmatch auf dieser surrealen Felseninsel, gerade groß genug für einen Fußballplatz, und die Spieler blicken traurig die 100 Meter tiefe Steilküste herab: Ihr Ball ist ins Meer gefallen. Da fragt niemand mehr, wie die Kicker überhaupt auf ihr Spielfeld kamen. Ihre Ratlosigkeit lässt uns einfach nur schmunzeln.

Eröffnung Samstag, 19 Uhr, bis 7.1.2018, di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0208 / 412 4928,

www.ludwiggalerie.de

Katalog 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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