„Liebes Ding“: Das Museum Morsbroich thematisiert Besitz und Konsum

Schick und unzugänglich: Ted Notens Acryl-Skulptur „Ageeth’s Dowry, Brauttasche“ (1999). Foto: Stiftel

Leverkusen – Diesen Raum kann man nur auf einem Steg betreten. Den Boden, 53 Quadratmeter, belegt lückenlos Zeug. Bücher, Fotoalben, ein Bordpass von British Airways, Sexspielzeug, Gebisse, Totenschädel, ein Kruzifix, Puppen, Zangen, Bohrmaschinen, Flaschen, Konservendosen, Uhren, Geldscheine, ein Autonummernschild, eine Sonnenbrille, Schuhe. Karsten Bott weiß nicht genau, wie viele Objekte er in den Saal des Museums Morsbroich in Leverkusen arrangiert hat. Aber er schätzt, dass es um die 10 000 sind.

Eine gleichsam magische Zahl. 10 000 Dinge besitzt ein Europäer durchschnittlich, wird immer wieder kolportiert. Auch das ist natürlich kein exakter Wert. Aber schauen Sie in Ihren Keller, auf den Dachboden, in die Garage. Vielleicht haben Sie noch mehr. Oder haben die Dinge in Wirklichkeit Sie?

Um das Besitzen, das erotisch belegte Gefühl des Habens und Haben-Wollens geht es in der Ausstellung „Liebes Ding“. Die Kuratoren Anne Berk, die eine ähnliche Schau schon für das Museum de Domijnen Hedendaagse Kunst in Sittard gestaltet hat, und Fritz Emslander haben Arbeiten von rund 20 Künstlern zusammengetragen, die die Beziehung zwischen Mensch und Ding thematisieren.

So wie beim deutschen Künstler Karsten Bott, der seit 1988 sein Archiv für Gegenwarts-Geschichte betreibt. Darin sammelt er Alltagsgegenstände, die repräsentativ sind für die westliche Lebensweise. Aus diesem Bestand hat er schon raumfüllende Installationen für das Haus der Kunst in München oder das MoMA in New York geschaffen. In der irritierenden Fülle gewinnen Topflappen, Kabel und Schrauben eine existenzielle Bedeutsamkeit. Zumal der Raum thematisch gestaltet ist: Eine Ecke widmet sich den Reinigungsmitteln, eine der Ernährung, hier findet man politische Schriften und Sticker, daneben Kruzifix, Kerzen, Mini-Weihnachtsbaum, Tarot-Karten für Transzendenz und Frömmigkeit. Bott räumt das Leben auf.

Der Konsum ist in Zeiten des Klimawandels zum Problem geworden. Kuratorin Anne Berk weist darauf hin, dass nur der Mensch dieses besondere Verhältnis zu den Dingen aufbaut. Und durch den Konsum, das Anhäufen von Objekten, das damit verbundene Umgestalten der Umgebung verändert der Mensch die Oberfläche des Planeten Erde. Wir leben im Anthropozän, einem neuen, nach dem Menschen benannten Abschnitt der Erdgeschichte. Die Künstler der Ausstellung reagieren wie Seismographen auf diesen Wandel. In vier Kapiteln bereitet die Schau ihr Thema auf, von der Beziehung zwischen Körper und Ding bis zu den Auswüchsen der Konsumgesellschaft. Der Angang ist manchmal pointiert ironisch, manchmal offen kritisch, dann wieder ganz auf Oberflächenschönheit konzentriert.

Der Fotograf Andreas Gursky zeigt in seinem monumentalen Foto „Prada I“ (1996) eine Auslage für Luxusschuhe. Die Hochglanzästhetik der Warenpräsentation benutzt auch Ted Noten mit „Ageeth’s Dowry, Brauttasche“ (1999). In einer edlen und komplett transparenten Handtasche sieht man eine Menge Ringe. Allerdings ist der symbolische wie der materielle Wert des Schmuckstücks eingefroren: Diese Ringe wird niemand für ein Versprechen oder als Prestigeobjekt an Finger stecken, sie sind in Acryl eingegossen und auf ewig unerreichbar.

Wie sehr die Dinge, die Menschen besitzen, Zugehörigkeit bezeichnen, das zeigen die Fotoserien „Exactitudes“ (1999) von Ari Versluis und Ellie Uyttenbroek, die auf den Straßen von Rotterdam Menschen abgelichtet haben. Da gibt es die älteren Herren in beigen Westen voller Taschen, quasi eine Rentneruniform. Aber auch die „Aktivisten“ wirken normiert mit bedruckten Sweaties und kecken Mützen. Und die „Gabberbitches“ haben ebenfalls ihre Uniform: Die Haare sind unten rasiert, oben lang und zum Zopf gebunden, knapper Bustier, Bauch frei, um die Hüfte eine Jacke gebunden. Wie da jeweils zwölf Menschen, die jeder für sich einen ganz persönlichen Look gefunden zu haben glauben, perfekt in ein Schema passen, das frappiert.

Die Macht der Dinge deuten die Foto-Inszenierungen von Melanie Bonajo an. In den „Furniture Bondages“ (2007) sind Fahrrad, Bügelbrett, Ventilator an die nackte Besitzerin gebunden, der Titel spielt auf die erotischen Fesselfotos des japanischen Künstlers Nobuyoshi Araki an. Dinge machen eben auch sexy.

Für manche Menschen sind Dinge mehr: Liebes-, Sexobjekte. Die Berliner Verkäuferin Michèle nennt eine Boeing 737-800 nur „Schatz“, und ihr Traum wäre es, bei dem Flugzeug im Hangar zu wohnen. Die Künstlerin Kathrin Ahäuser hat vier Objektsexuelle in Videos porträtiert. Gerade weil sich die Frauen in den kurzen Filme selbst vorstellen, weil sie ernst genommen werden, wirken ihre Neigungen so verstörend. Man sieht Michèlle in der Wanne mit einem Spielzeugflugzeug, im Bett mit einem Teil der originalen Landeklappenträgerverkleidung. Valentina schmust mit Valentino, einem Laptop, und schwärmt von seinen gerundeten Kanten, von denen sie sich angesehen fühlt. Für sie habe das Laptop eine Seele, sagt sie.

Die Liebe zu den Dingen hat für die Welt fatale Folgen. Der belgische Künstler Maarten Vanden Eynde formt künstliche Miniriffe aus Plastikmüll, der aus den Weltmeeren eingesammelt wurde. Sein Plastic Reef (2008-2012) in Leverkusen wirkt sehr organisch, mit angekrusteten Pseudomuscheln und winzigen Polypen. In einem Video lebt die dänische Gruppe Superflex Rachefantasien aus: Da läuft eine hyperreal nachgebaute McDonald’s-Filiale langsam mit Wasser voll, bis die Clownpuppe kippt und die Reste des Happy Meals in den Fluten treiben. Da bekommt die Fast-Food-Kette, die die Umwelt mit Verpackungen zumüllt, die Folgen des Konsums symbolisch zu spüren.

Bis 26.4., di – so 11 – 17 Uhr,

Tel. 0214/ 855 560, www. museum-morsbroich.de

Katalog, Verlag der modernen Kunst, Wien, 22 Euro

Quelle: wa.de

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