Kunstsammlung NRW zeigt Charlotte Posenenske

„Vierkantrohre Serie D“, galvanisiertes Stahlblech, Flughafen Frankfurt, 1967. Foto: Nachlass Posenenske; Chouakri, Berlin, Fischer, Düsseldorf, Van de Velde, Antwerp, Peter Freeman, New York and Take Ninagawa, Tokyo

Düsseldorf – Aus Wellpappe besteht die große Raumskulptur im Düsseldorfer K20, die sich wie ein Wurm aufbiegt und mit ihren dunklen Öffnungen irgendwie wunderlich aussieht – nüchtern und komisch zugleich. Die montierbaren Elemente zählen zum Werk von Charlotte Posenenske (1930–1985). Ihre Serie „DW“ von 1967 bietet Module aus Vierkantstücken. Posenenske ließ sie von vier Akteuren 1967 aufbauen. Diese Performance war ihre einzige Aktion mit der Serie „DW“, sie legte keinen Wert mehr auf ihre Autorenschaft. Im K20 hat nun Kuratorin Isabelle Malz „DW“ eine neue Form gegeben – ganz im Sinne der Künstlerin.

Posenenske, die zur jungen Konzept- und Minimal-Art-Szene im Deutschland der 60er Jahre gehörte, wird mit einer Überblicksschau in Düsseldorf vorgestellt. Zu Lebzeiten hatte sie nicht diese Aufmerksamkeit.

Die Ausstellung „Charlotte Posenenske. Work in Progress“ will dieses Versäumnis mit 150 Exponaten korrigieren. Angefangen bei expressiven Spachtelarbeiten (1956) über Raster- und Streifenbilder (1956–1965), die früh Posenenskes dreidimensionales Interesse zeigen, ist der Weg zur Skulptur und zur performativen Kunst in Düsseldorf nachvollziehbar. Sie forderte den Betrachter auf, an Aktionen teilzunehmen, die in der Öffentlichkeit mehr politische Kunst wagte. Super-8-Filme und Videos zählen zur späten Werkphase.

In Düsseldorf hat Kuratorin Isabelle Malz. bereits die Ausstellung „I’m Not A Nice Girl“ im K21 verantwortet. Die Kunstwissenschaftlerin stellt Künstlerinnen aus den USA vor, die die Konzeptkunst in den 60/70er Jahren mit entwickelt haben. Im K21 sind die Arbeiten von Eleanor Antin, Lee Lozano, Adrian Piper und Mierle Laderman Ukeles nur noch bis 28. Juni zu sehen. Beide Ausstellungen verbindet die Galerie Konrad Fischer. Malz hat das Archiv von Fischer, das die Kunstsammlung NRW in Teilen angekauft hat, gesichtet. Fischer holte die Konzept- und Minimalart nach Deutschland. Es besteht ein Briefwechsel mit Lee Lozano, die in Düsseldorf ausstellen wollte. Fischer lehnte letztlich aber ab. Er stellte allerdings Charlotte Posenenske zusammen mit Hanne Darboven 1967 in seiner Galerie aus. Vorher war Posenenske zusammen mit den US-Minimalisten Carl Andre, Donald Judd, Agnes Martin und Sol Lewitt in der Universität Frankfurt präsentiert worden. Titel: „Serielle Formationen“. Frankfurt galt neben dem Rheinland als Impulsgeber für zeitgenössische Kunst. Posenenske stellte außerdem neben Peter Roehr, Barry Flanagan, Bernhard Höke und Konrad Lueg in der Frankfurter Galerie Dorothea Loehr aus. Konrad Lueg sollte alsbald die Seiten wechseln und wurde der Galerist Konrad Fischer. Das K20 in Düsseldorf verweist auf diese mittlerweile historischen Momente. Den Anteil von Frauen in der damaligen Kunstszene sichtbar zu machen, ist ein Anliegen in Düsseldorf. Dass sich diese Marktprozesse in Teilen neu bewerten lassen, dafür steht die Direktorin der Kunstsammlung NRW, Susanne Gaensheimer, die nun ein Werk Posenenskes erwerben will. Die Landessammlung, die US-Pop- und Minimal-Art im Bestand hat, erhält dann mit Posenenske eine deutsche Position, die zum Schwerpunkt des international anerkannten Hauses passt.

Posenenske, geboren in Wiesbaden, arbeitete anfangs an Bildfragen zur Abstraktion, die in den 50er Jahren gestellt wurden. Sie spachtelte mit dickflüssigen Acrylfarben, kratzte sie wieder ab und machte gestische Erfahrungen sichtbar („Palette-Knife Works“). Sie hatte bei dem Maler Willi Baumeister in Stuttgart studiert. Mit ihren Raster- und Streifenbildern ab 1957 reduzierte sie sich auf Primärfarben sowie auf Schwarz und Weiß. Außerdem wiederholte sie Grundformen, variierte sie und schuf Serien wie im „Rasterbild“ (1957), einem Feld aus geteilten und ausgemalten Scheibenhälften. Posenenske, die auch als Bühnenbildnerin in Lübeck (1952/53) und Darmstadt wirkte, ließ das Malerische hinter sich und visualisierte physikalische Phänomene wie Temperaturen. Dazu ist eine Detailansicht und Skizze zu ihren Wandbildern für die Grundschule Hainstadt (1957/58) im Paul-Klee-Saal zu sehen.

Posenenske minimierte weiter. Mit Farben aus der Sprühdose fuhr sie über geknicktes Papier. Die „Spritzbilder“ (1964–1965) gingen ins Dreidimensionale. Die Falten und Wölbungen waren von Werbetafeln und Autoteilen inspiriert. Ihre Serien sollten einen industriellen Ausdruck erhalten. Das Objekt „Blaue Faltung“ (1965) bildet mit seiner trichterartigen Verformung des Alublechs ein Vorläufer des Hauptwerks. In den Serien A, B und C (1966/67) sind Bleche geknickt, gespritzt und in Fabriken gefertigt.

Zum Ende ihrer künstlerischen Phase fügte sie mächtige Vierkantteile aus Stahlblech auf einer Verkehrsinsel in Offenbach und auf dem Flughafen in Frankfurt aneinander. Ihre „Serie D“ (1967) war ein radikaler Schritt in die Öffentlichkeit, um mit Kunst in der Gesellschaft, mehr Teilhabe für Bürger zu fordern. Ihre Industriemodule gab es zum Selbstkostenpreis. Die Konzeptkünstlerin unterlief ganz bewusst den Galeriemarkt. Ihrem Wunsch nach politischen Veränderung fügte sie 1968 aber ein ernüchterndes Fazit bei – nach zwölf Jahren Kunst: „Es fällt mir schwer, mich damit abzufinden, dass Kunst nichts zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann“. Sie schrieb sich für Soziologie ein. Ihr Engagement galt fortan sozialen Projekten.

Bis 2. 8.; di-fr 10 – 18 Uhr, sa, so 11 – 18 Uhr; Tel. 0211/83 81204; www.kunstsammlung.de

Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, 38 Euro

Quelle: wa.de

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