Die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf stellt die Malerin Carmen Herrera vor

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Ein Blitz markiert das Wochenende: Carmen Herreras Bild „Saturday“ (1978), zu sehen in der Düsseldorfer Ausstellung „Lines of Sight“.

DÜSSELDORF - Jeder Wochentag hat bei Carmen Herrera eine eigene Farbe. Der „Blue Monday“ scheint noch etwas Anlauf zu nehmen, ist als einziges Bild der Serie ein Querformat. Daneben hängt der Samstag, bei dem ein wuchtiger gelber Blitz durch das Schwarz zuckt. Den Kalender aus sieben Tafeln, den die aus Kuba stammende Künstlerin zwischen 1975 und 1978 malte, kann man in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf sehen.

Das Haus präsentiert das Werk dieser großartigen Malerin in der Ausstellung „Lines of Sight“. Der Kunstbetrieb ist gerade dabei, zahlreiche Künstlerinnen zu entdecken, die ihren männlichen Kollegen allemal ebenbürtig sind. Vor zwei Jahren zeigte die Kunstsammlung die Arbeiten von Agnes Martin, das Museum Ludwig in Köln Joan Mitchell. Die Herren Pollock, Kelly, Newman und Stella, das zeigt sich immer mehr, hatten die Abstraktion nicht exklusiv. Und nun also Carmen Herrera.

Vordergründig beeindruckt, dass die 1915 in Havanna geborene Malerin noch lebt und im gesegneten Alter von 102 Jahren immer noch in ihrem Atelier in New York arbeitet. Ob sie das Interesse an biografischen Zufällen schätzt? Sie hat einmal gesagt: „Ich möchte nicht als lateinamerikanische Malerin oder als weiblicher Maler oder als alte Malerin angesehen werden. Ich bin eine Malerin.“ Sie entstammte einem intellektuellen Elternhaus, ihr Vater war Herausgeber einer Zeitung, ihre Mutter Autorin. Mit 14 besuchte sie ein Internat in Frankreich. Herrera studierte Architektur, lernte den amerikanischen Schriftsteller und Hochschullehrer Jesse Loewenthal kennen. Beide heirateten und zogen nach New York. Von 1948 bis 1954 lebten beide in Paris und kamen mit den aktuellsten Entwicklungen der Avantgarde in Kontakt. Spannend ist es schon, dass sie damals absolut auf der Höhe der Zeit malte, über Jahrzehnte hinweg durchaus Erfolg hatte, aber erst in hohem Alter richtig zur Kenntnis genommen wurde. Der Durchbruch kam mit einer großen Schau 2004 in New York, die ein kommerzieller Erfolg wurde.

Die aktuelle Ausstellung bietet rund 70 Werke aus fast 70 Jahren. Es beginnt mit Gemälden wie „Untitled“ (1948), einem Oval, dem rechteckige, einander überlagernde Farbfelder eingeschrieben sind, ein Farbakkord aus Rot und Blau. „A City“ (1948) weckt noch figurative Assoziationen, man denkt vor den spitzen Dreiecken an Kirchtürme, eine stark abstrahierte Skyline. Und sie experimentiert auch mit den organischen Formen des Informel wie in „Les Liens“ (1949), das an wuchernde Pflanzen denken lässt.

Aber vor allem liebt sie die gerade Linie. Sie entwickelt Ideen von Mondrian fort, widmet sich geometrischen Strukturen. 1952 malt sie Bilder in Schwarz-Weiß, Kompositionen aus vertikalen Streifen, denen Diagonalen eingearbeitet sind. So entsteht ein flirrender Effekt wie in der Op Art. Dann findet sie zu ihrem eigentlichen Thema: Fast ausschließlich Bilder in zwei strahlenden Farben, als Grundform verwendet sie oft das Dreieck. Beim Schlüsselwerk „Green and Orange“ (1958) zum Beispiel ist das Rechteck der Bildtafel so unterteilt, dass an den Seiten jeweils ein grünes und ein orangenes Dreieck stehen, während das Trapez dazwischen aus Streifen der beiden Farben besteht. Der Betrachter hat auch durch den starken Kontrast den Eindruck einer Kippfigur: Welche Farbe steht „vorne“, welche ist Hintergrund? Man sieht ein kräftiges Bildzeichen, das in den Raum strahlt.

Das Gemälde ist bei Herrera kein Fenster oder Spiegel, in dem man etwas erblickt, sondern ein fassbares, materiell gegenwärtiges Objekt, das manchmal geradezu skulpturalen Charakter gewinnt. Bei vielen Bildern wie zum Beispiel „Basque“ (1965) malt sie über die Kante hinaus weiter. Das Blau um die große Weißfläche ist auch auf dem Teil der Leinwand aufgetragen, der über die Leisten gezogen ist.

Bei der Serie „Blanco Y Verde“, die ab 1959 entsteht und der in Düsseldorf ein eigener Bereich gewidmet ist, setzt sie extrem spitze und lang gezogene grüne Dreiecke auf eine weiße Fläche. Wenn sich wie im Bild von 1966 zwei dieser Dreiecke horizontal liegend an der Spitze in der Bildmitte treffen, entsteht der Eindruck von Räumlichkeit, fast wie eine weiße Straße mit grünem Rand, die bis in die Unendlichkeit führt. Bei „To: P.M.“ (1967) treffen sich zwei horizontale und ein vertikales grünes Dreieck in einem Fluchtpunkt – eine subtile Gleichgewichtsstudie.

Das Schöne an der Ausstellung ist, dass Herrera nicht dogmatisch ist, sondern ihre Bildsprache immer wieder variiert und erneuert. So gibt es Rundbilder, Karos, die auf der Spitze stehen, sogar minimalistische, einfarbige Skulpturen, die mit kleinen Unregelmäßigkeiten für sich einnehmen. Dann wieder lässt sie sich ganz auf die Ruhe der Symmetrie ein wie im 2017 entstandenen „Verde de noche“, einem kühlen Hochformat in Grün und Blau. Und manchmal blitzt Humor auf: Ein Bild von 2016 trägt den Titel „La perfecta Casada“, die perfekte Hausfrau.

Bis 8.4.2018, di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 0211/8381 204, www.kunstsammlung.de, Katalog, Wienand Verlag, Köln, 36 Euro

Quelle: wa.de

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