Die Kunsthalle Recklinghausen erinnert an die Gruppe „junger westen“

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Das Motiv ist noch ahnbar in Emil Schumachers Gemälde „Stadtgefüge“ (1954), zu sehen in Recklinghausen.

RECKLINGHAUSEN - Bunt zusammengeworfen wirken die Flecke auf Emil Schumachers Gemälde „Stadtgefüge“. Beim zweiten Blick findet man den Umriss einer Hausfassade, deutet eine weiße Fläche mit schwarzen Flecken als Wand mit Fenstern. Aber das 1954 entstandene Werk hat sich schon vom Gegenstand gelöst, kann als abstrakte Komposition gelesen werden.

Zu sehen ist das Bild in der Ausstellung „junger westen“ in der Kunsthalle Recklinghausen. Das Haus feiert den 70. Geburtstag einer der wichtigsten Künstlergruppen der Nachkriegszeit, als Beitrag zu den Ruhrfestspielen. Was bestens passt, weil die Geschichte des jungen westens eng verzahnt ist mit der des Festivals. Die vom scheidenden Kunsthallendirektor Ferdinand Ullrich und Hans-Jürgen Schwalm kuratierte Schau blickt zurück auf eine Ära, in der die Kunst die Abstraktion als Ausdruck geistiger Freiheit feierte.

Im Augenblick seiner Gründung war der junge westen weder jung noch abstrakt. Die Künstler, die der Schrifsteller und spätere Kunsthallen-Direktor Franz Große-Perdekamp (1890–1952) im Herbst 1947 in der Ausstellung „Junge Künstler zwischen Rhein und Weser“ vorstellte, waren zwischen 35 und 40 Jahre alt. Durch die NS-Zeit hatten sie zehn Jahre verloren. Sie knüpften an die als entartet denunzierte Moderne an. Große-Perdekamp war Schulfreund des Künstlers und Bauhaus-Lehrers Josef Albers. Ihm schwebte eine Neuauflage des Bauhauses vor. Die Künstler, die er zeigte, schufen vorzugsweise expressiv gegenständliche Szenen aus einer verwüsteten Nachkriegszeit. Gustav Deppe hielt 1946 die Ruine des Märkischen Museums Witten fest. Emil Schumacher porträtiert einen „Herd“ (1950). Thomas Grochowiak malt im selben Jahr einen „Fördermaschinisten“. Heinrich Siepmann stellt 1947 ein „Stillleben mit Grubenlampe“ dar – die sechs Gruppengründer stammten alle aus dem Ruhrgebiet. Die Ausstellung in der leeren Lebensmitteletage im Kaufhaus Althoff legte den Grundstein für eine Vernetzung mit Folgen. Gut deutsch gründeten Deppe, Grochowiak, Schumacher, Siepmann, Ernst Hermanns und Hans Werdehausen 1948 einen Verein. Der Bunker am Bahnhof wurde zur Kunsthalle umgerüstet und bot ihnen ein Forum der Selbstdarstellung für eine jährliche Ausstellung, zu der Künstler wie Fritz Winter, HAP Grieshaber, Georg Meistermann, Karl Otto Götz eingeladen wurden, die oft auch in die Gruppe eintraten.

Schon 1948 wurde der relativ hoch dotierte Kunstpreis junger westen gestiftet, der anfangs an Gruppenmitglieder wie Schumacher, Siepmann, Werdehausen ging, später an stilistisch anders orientierte Künstler wie Horst Antes, Ansgar Nierhoff, Gerhard Richter. Das alles sorgte für bundesweite Resonanz, zahlte sich für Recklinghausen sogar materiell aus: Als 1954 ein Hallenbad geplant war, gab es von einer Münchner Bank Kredit, weil die Stadt durch Ruhrfestspiele und Kunsthalle einen bundesweiten Ruf hatte. So kann man es wenigstens in einem Zeitungsartikel in der Ausstellung nachlesen.

Grochowiak wurde Nachfolger des früh verstorbenen Mentors Große-Perdekamp und erwies sich als grandioser Netzwerker. Er konzipierte thematische Ausstellungen zu den Ruhrfestspielen. Er führte den ganzheitlichen Ansatz fort, zeigte 1958 zum Beispiel modernes Design im Haushalt, da stand neben der Plastik von Henry Moore eine Waschmaschine.

Rund 100 Gemälde und Skulpturen der Gründungsmitglieder sowie von vier hinzugekommenen Künstlern sowie 50 Fotos und einige Videos bieten einen repräsentativen Überblick über die Gruppe, die 1962 auseinanderging, ohne den Verein formell aufzulösen. Grochowiak hielt einmal fest, auf dem Höhepunkt sei man einander so nah gewesen, dass kaum zu unterscheiden war, von wem ein einzelnes Bild stammte. Am Ende aber entwickelten sie sich sehr individuell.

Die Künstler machten Karriere, Schumacher, von dem die Kunsthalle anfangs immer wieder Bilder ankauften, um ihm zu etwas Geld zu verhelfen, stellte 1959 bei der doucumenta II aus. Er wurde einer der radikalsten Meister der gestischen Malerei, wie man zum Beispiel in den schrundigen Farblandschaften von „Rofos“ (1960) sieht. Deppe reagierte auf die Welt der Technik, seine Abstraktionen von Strommasten und Fördertürmen lassen immer noch den Gegenstand ahnen. Siepmann fand zu einer geometrisch klar strukturierten Formensprache wie in „Lichte Felder“ (1954), das er aus sich überlagernden Drei- und Vierecken komponierte.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr, bis 13.8., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02361/ 501 935, www.kunst-re.de, Katalog, Kettler Verlag, Dortmund, in Vorbereitung. Die Schau ist Teil eines Projekts von sieben Museen, zur Zeit zeigt das Märkische Museum Witten Arbeiten des jungen westens (bis 20.8.,) und das Kunstmuseum Gelsenkirchen Arbeiten auf Papier (bis 9.7.), das Museum DKM Duisburg präsentiert Ernst Hermanns (bis 24.9.). Ausstellungen in Bochum und Mülheim folgen. www.ruhrkunstmuseen.de

Quelle: wa.de

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