Die Kunsthalle Bielefeld zeigt den „bösen Expressionismus“

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Heitere Herausforderung: Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Drei Akte auf schwarzem Sofa“ (1910), zu sehen in Bielefeld.

BIELEFELD - Es wirkt so beiläufig, wie Ernst Ludwig Kirchner 1910 die „Drei Akte auf schwarzem Sofa“ malte. Die Nacktheit ist hier keine Schönheitskonkurrenz wie im klassischen Urteil des Paris, und der Maler rückt auch nicht die körperlichen Reize der Frauen in den Blick. Stattdessen hat das Gemälde etwas Schnappschusshaftes, als habe der Künstler im Vorübergehen eine Blick erhascht.

Nacktheit bedeutete im Wilhelminischen Deutschland eine Provokation, besonders, wenn sie auf die Rechtfertigung durch das erhabene Thema verzichtet, zum Beispiel einen antiken Mythos. Das den heutigen Betrachter so licht und freundlich anmutende Bild Kirchners war zu seiner Entstehungszeit anstößig. Es ist in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen, die von Samstag an die Ausstellung „Der böse Expressionismus – Trauma und Tabu“ zeigt.

Mit rund 200 Exponaten bietet die Schau eine Übersicht über eine heute kanonisierte und geschätzte Kunstrichtung. Dabei möchte Kuratorin Jutta Hülsewig-Johnen den Blick schärfen für die Brisanz, die einst Werken innewohnte, die man heute als Wertanlage schätzt oder dafür, dass man sich vor den Bildern dem „Rausch der Farbe“ hingeben kann.

Dazu muss man freilich aussuchen. Die Werke des „Blauen Reiters“ sind in der Schau praktisch nicht vertreten, bis auf ein Frauenporträt von Alexej von Jawlensky, zwei „Pierrot“-Bilder von August Macke und zwei, allerdings besonders schöne, weil freche, Salonszenen von Marianne von Werefkin – hinreißend die dümmliche „Madame“ von 1909.

Hingegen bildet die Künstlerkommune der „Brücke“ in Dresden und später Berlin ideales Anschauungsmaterial für Antibürgerlichkeit. Fotos aus Kirchners Atelier, aber auch zahlreiche Zeichnungen zeugen von einer aufgeladenen Stimmung, in der Künstler und Modelle nackt herumliefen. Berühmt ist Kirchners Satz, er sei oft „mitten im Coitus“ aufgestanden, um eine Bewegung zu notieren. Eine Serie von Zeichnungen aus dem Nachlass zeigt ein Liebespaar, mal einfach herumliegend, mal beim Sex, mal beim Herumalbern, sie huckepack auf ihm. Auf einem Blatt zeigt Kirchner vor ein sich umarmendes Paar, dahinter einen Mann, der auf dem Sofa liegt. Heute anstößig sind die Akte der Kindermodelle, besonders Fränzi, die als Achtjährige in Kirchners Atelier kam. Das sei nach heutigen Maßstäben bestimmt unangemessen, ja missbräuchlich, meint Hülsewig-Johnen. Allerdings seien die Darstellungen nicht pädophil, meint sie. Wer zum Beispiel Kirchners wunderbar lebendige Zeichnung der „turnenden Fränzi“ (1910) anschaut, wird ihr zustimmen. Kirchner und auch Heckel spielten vielmehr mit der antibürgerlichen Provokation.

Der Überdruss an einer bigotten Gesellschaft führt dazu, dass viele Künstler sich mit Mord und Lustmord befassen, am prominentesten Oskar Kokoschka, der sein Drama „Mörder, Hoffnung der Frauen“ 1910 selbst illustrierte. Gert Wollheim schuf 1921 eine provokante Collage zu einem Zeitungsbericht über eine misshandelte Dienstmagd.

Böse also meint die Absage an die vorherrschende, als einengend und unfrei empfundene Moral. Der Expressionismus wird in der Bielefelder Schau dezidiert in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft betrachtet. Dem entspricht eine thematische Hängung, die zum Beispiel auch Bilder von Randgruppen einschließt. So schön es gewesen wäre, in der Kunsthalle eine der berühmten Straßenszenen Kirchners zu sehen, die waren wohl nicht verfügbar, sind durch Skizzen vertreten. Aber sehenswert sind auch andere Werke, zum Beispiel das böse Gemälde, das Conrad Felixmüller 1924 von der „Kinderbewahranstalt“ schuf, mit dem gespenstisch blickenden Kind im Vordergrund und den blutroten Fußstapfen, die durch den Schnee in das windschiefe Haus führen. Und Otto Dix malt 1914 eine „Straße der Bordelle“, die wie ein Friedhof wirkt, wobei die rot beleuchteten Fenster die Position der Grabsteine einnehmen.

Große Auftritte haben auch die Satiriker, die nach dem Weltkrieg gegen die Obrigkeit arbeiteten. Einen Fabrikdirektor vor einer Anlage mit rauchenden Schloten lässt George Grosz die Zigarre vor dem Schritt halten. Da markiert ein wirtschaftliches Alphatier sein Revier. Mit ihrer Empfindlichkeit für die Erstarrung einer Gesellschaft wurden die Künstler zu Visionären: Schon 1911 zeichnete Ludwig Meidner verstümmelte Männer, Bildtitel: „Schrecken des Krieges“, 1913 tuschte er eine verwüstete Stadt, „Explosion“.

Viele Künstler wurden 1914 Soldaten – und schnell schockiert von ihren Erlebnissen. Die Wirklichkeit ließ sich nicht mehr schön zeigen, nur Hässlichkeit wurde ihr gerecht. Man schaue sich die Serie von Porträts an, Kirchners „Selbstbildnis im Morphiumrausch“ (1917). Hans Richter lässt 1917 in seinem „Visionären Porträt“ alle Gesichtszüge entgleisen, um die Verzweiflung abzubilden. Wollheims „Kopf“ (1921) stellt die Ruine eines Antlitzes dar und zitiert mit der schwarzen Aureole Christus-Bilder.

Eröffnung heute, 19 Uhr. 11.11.–11.3.2018, di – so 11 – 18, mi bis 21, sa 10 – 18 Uhr, Tel. 0521/ 329 99 500, www.kunsthalle-bielefeld.de, Katalog, Wienand Verlag, Köln, 38,90 Euro

Quelle: wa.de

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