Kulturgut Haus Nottbeck zeigt die Ausstellung „Go East!“

„Periprava/Rumänien“ (31. 7. 2010), Skizze von  Werner, zu sehen auf dem Kulturgut Haus Nottbeck.
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„Periprava/Rumänien“ (31. 7. 2010), Skizze von Werner, zu sehen auf dem Kulturgut Haus Nottbeck.

Oelde/Stromberg – Thenior hat sich eine Auszeit gegeben. „Wir wollen ins Delta“, sagt der Schriftsteller und spricht von der Donau und wie der Fluss ins Schwarze Meer gelangt. 

Was das bedeutet, transportiert eine Ausstellung des Westfälischen Literaturmuseums auf dem Kulturgut Haus Nottbeck. Thenior, der in Dortmund lebt und Träger des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises ist, beschreibt Butterblumen, Libellen und Silberweiden, die den mächtigen Strom flankieren. „Die Luft summt vor Stille. Es ist heiß“, sagt Thenior mit klarer und gefasster Stimme.

Dieser an den Rand Europas liegt auch am Rande der alten Hofanlage in Stromberg/Oelde. Im Gartenhaus ist nur ein Teil der Ausstellung „Go East! Heimat anders denken. Westfälische AutorInnen unterwegs in Europa“ zu erleben. Insgesamt werden die Erfahrungen, die fünf Autoren in Osteuropa gemacht haben, mit Filmen, Textbeispielen, Audioeinspielungen, Musik und Fotografien präsentiert. Sabrina Janesch hat eine polnische Mutter und im Roman „Katzenberge“ ihr Erbe verarbeitet. Martin Becker, in Attendorn geboren, wuchs der Autor und Journalist in Plettenberg auf. Prag ist seit 2017 seine zweite Heimat („Warten auf Kafka“). Marc Degens hat drei Jahre in Armenien verbracht und den Reportageroman „Eriwan“ 2017 geschrieben. Marius Hulpe, Lyriker und Romanautor aus Soest, hat mehrere Jahre an der Universität in Krakau unterrichtet. Sein Essay „Der Polen-Komplex“ geht dem politischen Wandel nach. Und der Lyriker und Schriftsteller Thenior war als Stadtschreiber 1996 im bulgarischen Plowdiw. Seitdem zieht es ihn zum Schwarzen Meer, auch nach Rumänien. Zum Beispiel nach Periprava, dem letzten Dorf vor der ukrainischen Grenze. Mit dabei ist Werner, Musiker und Komponist aus Wuppertal. Sein Cello ist auf der Tonspur „Taxi Water – Eine Fahrt ins Donaudelta“ zu hören. Ein Kneipenbesuch fällt nur kurz aus, weil beide weiter müssen. Dass sie nichts verpasst haben, legt Theniors Kommentar nahe: „Ein schöner Ort, um in Ruhe vor die Hunde zu gehen.“ Es folgt eine herrliche Reise- und Soundcollage mit Naturbeschreibungen von wild lebenden Pelikanen und eigensinnigen Menschen im Nirgendwo. Und die Donau? Sie ist ein „gewaltiger unerhörlicher Erguss, der Tag und Nacht ins Schwarzmeer schwemmt“, sagt Thenior. Die farbigen Skizzen (1999 – 2013) von Werner, die im Gartenhaus hängen, entführen in die ferne Welt und werben herzenswarm für die wildromantische Gegend – zwischen Zivilisationsmisere mit abgewrackter Industrie und beschaulichen Häuschen in vergessener Landschaft.

Im Literaturmuseum ist vor allem ein Video (Idee: Walter Gödden) zu sehen, das die Autoren zu Wort kommen lässt, das Rezitationen hörbar macht, Sequenzen von den Orten im Osten einspielt und Ausschnitte aus Interviews anbietet. Es sind vor allem Stimmung, die wirken. Wenn Marius Hulpe besorgt klingt, weil er weiß, dass es einen nationalen Ruck in Polen gegeben hat und die zynischen Kommentare aus Deutschland mehr geworden sind. Dabei hat er Krakau als großartige Stadt mit seinen Studenten kennengelernt. Auch Sabrina Janesch kennt die Weltoffenheit. „Ich finde Polen offen, freundlich, tolerant“, sagt die Schriftstellerin, die es bedauert, dass die Medienberichte in Deutschland immer anders klingen.

Martin Becker hat mittlerweile eine Wohnung in Prag und ist von der Stadt begeistert. Der „Kleine Mauwurf“ und „Pan Tau“ waren seine frühen TV-Erfahrungen. Aber vor allem hat ihn die Unbefangenheit der Menschen in Prag gepackt.

Theniors Einschätzungen klingen gelassen. „Die sind anders drauf“, sagt der gebürtige Schlesier und meint den hintersinnigen Humor der Menschen Osteuropas. Auf einer Speisekarte fand er einmal das Angebot „Krabbencocktail surprise“. Als er das Gericht bestellte, gab es die Überraschung – ohne Krabben.

Bis 18. 10.; di-fr 14 – 18 Uhr, sa/so 11 – 18 Uhr; Tel. 02529/9497 900; www. kulturgut-nottbeck.de

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