Der Künstler Jan Fabre kuratiert die Ausstellung „Het Vlot“ in Ostende

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Michaël Borremans schuf die monumentale Skulptur „Rosa“ für die Ausstellung Het Vlot in Ostende.

OSTENDE - Der Kopf des Kapuzenträgers ist im Wasserbecken vor dem Kurhaus in Ostende. Der nackte Fuß ragt noch in die Höhe, gerade erst muss die Figur gestürzt sein. Die fünf Meter große Skulptur „Rosa“ von Michaël Borremans gehört zu den auffälligsten Beiträgen der Ausstellung „Het Vlot“ in der belgischen Hafenstadt.

Die Geburtsstadt des Malers James Ensor, einst mondänes Kurbad, setzt auf Kunstevents, um Publikum zu locken. Da gibt es „Beaufort“, eine Freiluftausstellung unter Federführung des Mu.Zee, des Museums für moderne Kunst in Ostende, die im Drei-Jahres-Rhythmus die ganze belgische Küste mit Skulpturen bespielt. Und 2015 wurde „La Mer/De Zee“ gezeigt, eine Ausstellung an verschiedenen Schauplätzen in Ostende, die von documenta-Kurator Jan Hoet kurz vor seinem Tod konzipiert wurde. „Het Vlot“ ist die zweite Ausgabe dieser Triennale mit maritimem Schwerpunkt, geplant vom belgischen Künstler Jan Fabre und Joanna de Vos. Wieder ist die Schau groß angelegt, mit Arbeiten von rund 70 internationalen Künstlern, darunter Prominente wie Luc Tuymans, Bill Viola, Marina Abramovic, Robert Wilson, Ilya und Emilia Kabakov.

Ausgangspunkt ist Théodore Géricaults „Das Floß der Medusa“. Das 1819 vollendete Gemälde mit ausgemergelten Schiffbrüchigen reagierte auf eine Katastrophe. Nach einem Schiffbruch hatte der Kapitän der Medusa 147 Passagiere auf einem Floß ausgesetzt. Als nach zehn Tagen Rettung kam, lebten noch 15 Menschen, die sich von Leichen der Mitpassagiere ernährt hatten. Das Original ist nicht zu sehen, weil es zu den ikonischen Meisterwerken im Pariser Louvre gehört, aber eine kleine Ölskizze und Zeichnungen. Daneben zeigt Jan Fabre eine frühe Arbeit von sich, das 1986 entstandene Modell eines luxuriöseren Floßes, mit Fußballplatz und Fitnesszentrum und einem Mast mit Segeln, auf denen zu lesen ist: „Kunst is niet eenzaam“, Kunst ist (nicht) einsam.

Von hier aus lässt sich gut assoziieren. Flöße gibt es heute wieder, in Form von heruntergekommenen Booten voller Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa streben. So kann man ebenso das Bild der Treibenden nutzen wie sich zur Nachfolge Géricaults bekennen mit Kunst, die sich einmischt.

Eindringlich formt die Bildhauerin Berlinde de Bruyckere ihr Floß aus abstrahierten Formen, für die sie Tierfelle aus einer Schlachterei verwandte. Ihr Floß ist ein Metallgerüst, das hochkant steht und an dem umso verlorener die formlosen Körper hängen. Installiert wurde die Arbeit am Turm der 1896 niedergebrannten St.-Pieters-Kirche. Innen, im Dachstuhl, ist ein Video zu sehen, das zeigt, wie die Tierhäute präpariert werden. Michael Fliri hat ein Schiff aus 5000 leeren PET-Flaschen in die Dominikanerkirche gestellt. Das fragile Gefährt glitzert im Kirchenschiff, daneben ist ein Video zu sehen, das den Südtiroler Künstler mit einem Duplikat des Bootes im Meer zeigt. Wenn er an Bord klettert, lösen sich Flaschen aus der Bootswand. Katie O‘Hagan malt sich lebensgroß auf einem Floß treibend, das sie gerade mit ihrem Pinsel erschafft. Das Floß ist auf ihrem Gemälde im Mu.Zee eher Metapher für die existenzielle Bedeutung der Kreativität. Die japanische Künstlerin Chiharu Shiota hat ebenfalls ins Mu.Zee Boote gestellt, die in ein leuchtend rotes Gespinst gehüllt sind. Die Fahrzeuge werden zu Subjekten, sind sie in einem Netz gefangen? Oder verströmen sie ihre Seele? Natürlich fehlt auch nicht die bitterböse Variation des Themas, die die britische Komiker-Truppe Monty Python 1970 im Sketch „Rettungsboot“ lieferte. Darin diskutiert eine Gesellschaft von Schiffbrüchigen mit feinsten britischen Manieren, wer von ihnen von den anderen verzehrt werden soll. Zu sehen gleich im Eingangsbereich des Mu.Zee.

Kein Floß, sondern ein altes russisches Volga-Auto rettete 1995 die Familie von Aislan Gaisumov aus dem Bürgerkrieg in Grosny. 21 Personen kamen darin unter. In seinem Video, zu sehen im Keller der Sint-Jozefkerk, sieht man nachgestellt die Rostlaube in einer wüsten Landschaft. Nach und nach kommen Menschen und steigen ein.

Den Naturgewalten ausgeliefert zu sein, das zeigt archetypisch das Video „Stromboli“ (2002) der serbischen Künstlerin Marina Abramaovic in den Venezianischen Galerien an der Kurpromenade. Sie liegt mitten in der Brandung am Meeresufer. Man sieht nur ihren Kopf, den die Wellen umspülen, sie hat die Augen geschlossen. Bill Viola erzählt in seinem Video „The Raft“ (Das Floß, 2004) eine ähnliche Geschichte, freilich viel dramatischer: Man sieht eine Gruppe. Erst kommen weitere Leute hinzu, fügen sich ein, vielleicht warten hier Menschen auf einen Bus. Plötzlich werden sie von Wogen überschwemmt, immer mehr Wasser wirft sie um, macht sie zum Spielball.

Überall in der Stadt begegnet man Kunstwerken, eine Broschüre weist den Weg. Unübersehbar zum Beispiel ist das 1969 vollendete Europacentrum. Keine 100 Meter vom Strand entfernt, ragt das Hochhaus mit 34 Stockwerken aus der Innenstadt, höher als alle Kirchen. Eine stadtplanerische Sünde. Aber im Apartment 340 auf der 20. Etage sieht man nicht nur Videoarbeiten wie Pieter Geenens „Mirador“. Man hat vor allem auch einen unvergleichlichen Fernblick, an der einen Seite auf die Stadt, an der anderen aufs Meer.

Manche Arbeiten korrespondieren perfekt mit ihrem Standort, zum Beispiel der Marmorwürfel mit eingelassener Kette, der wie ein archaischer Pranger wirkt und direkt vor einem Saal im Gerichtsgebäude steht. Zeitweise kettet sich der Künstler Mikes Poppe dort an für eine Performance. Im Obergeschoss sieht man Johanna van Overmeirs wunderbare Installation „Hourglass“, eine Sanduhr aus Licht.

Manche Arbeit ruht einfach in sich: Der spanische Künstler Carlos Aires hat gestrandete Schiffe, die für die Flucht benutzt wurden, zerlegt und das Holz zu einem Parkettboden verarbeitet. Neben dem hoch dekorativen Boden, dessen Stäbe oft noch Schiffsfarbe oder gar Schrift aufweisen, läuft in den Venezianischen Galerien ein Video vom Zerlegen eines Bootes. Man sieht dort auch Videos surrealer Aktionen von Messieurs Delmotte an der Promenade von Ostende.

Und im Kunstzentrum Grote Post überrascht Ivo Dimchev mit seinen singenden Skulpturen die Fahrstuhlnutzer: Auf drei Gipsköpfe ist sein Gesicht projiziert, und er singt mit sich selbst einen melancholischen, herrlich absurden Chor.

Het Vlot, Bis 15.4.2018, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0032/ 59/ 701199 (Toerisme Oostende), 0032/ 59/ 50 81 18 (Mu.Zee), www.hetvlot-oostende.be,

Katalog (nl./engl.) 45 Euro, Kurzführer 9,99 Euro

Quelle: wa.de

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