Kriegsfotografien von Lee Miller bis Anja Niedringhaus in Düsseldorf

Afghanische Männer überholen kanadische Soldaten auf einer Patrouille im Bezirk Panjwayi, Salavat, September 2010. Fotografiert von Anja Niedringhaus. Foto: alliance/ap images

Düsseldorf Es war ein afghanischer Polizist, der die deutsche Fotografin aus nächster Nähe erschossen hat. Anja Niedringhaus befand sich auf einem Stützpunkt unter Sicherheitskräften. Sie wollte die Wahlen 2014 in der Region Khost begleiten und starb neben ihrer Kollegin Kathy Gannon, die schwer verletzt wurde. Das Schicksal der Kriegsfotografin und ihre Bilder waren der Grund für Felix Krämer, eine Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf zu konzipieren. 74 Fotografien von Niedringhaus hatte sein Haus 2017 angekauft.

Der Museumsdirektor gedenkt auch auf diese Weise der mit 49 Jahren gestorbenen Frau, die in Höxter geboren wurde: „Fotografinnen an der Front. Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus“.

Die Ausstellung umfasst 140 Fotografien. Die große Halle im Kunstpalast ist abgedunkelt und in acht größere Kabinette unterteilt. Hier finden sich die Aufnahmen von acht Kriegsfotografinnen im Zeitraum von 1936 bis 2011.

„Man muss den Leuten zeigen, was passiert ist. Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt“, sagte Anja Niedringhaus. Es ist ein zutiefst journalistischer Impuls, den viele ihrer Kolleginnen teilten. Und doch finden sich Fotografien in Düsseldorf, die mehr dokumentieren als den Kriegsmoment, die mehr liefern als das Gefühl, nah dran zu sein am Elend, am Tod. Es gibt keinen weiblichen Blick in der Frontberichterstattung, aber es gibt Motive, die Frauen stärker anziehen. Christine Spengler geht am Kriegsschauplatz auf die Menschen zu, zeigt die Betroffenen nach dem Schusswechsel – im Kriegsalltag. Wie die fünf Jungs in Belfast, als sie zu Karneval von einem britischen Soldaten nach Molotow-Cocktails durchsucht werden. Sie scherzen einfach weiter – so war es in Nordirland 1972. Spengler (73) zählt zu drei französischstämmigen Kolleginnen, die in Düsseldorf präsentiert werden. Alle drei waren in Südostasien und sind mit unterschiedlichen Bildstrategien vorgegangen. Spengler lichtet in klassischer Perspektive die „Bombardierung von Pnom Penh“ ab, Kambodscha 1975. Hier hatten die Roten Khmer nur eine Kraterlandschaft hinterlassen mit Wellblechresten. In Düsseldorf ist ein Großabzug dieser Kriegswüstenei in kalten Grautönen zu sehen. Alle Fotografien wurden für die Präsentation neu abgezogen und autorisiert.

Catherine Leroy kaufte sich ein One-Way-Ticket für Saigon und folgte als 21-Jährige dem Drang dabeizusein. Sie war im Kampfgeschehen, wollte wie ihre männlichen Kollegen behandelt werden, sprang vom Hubschrauber und wurde während der Tet-Offensive 1968 gefangen genommen. Sie lieferte harte realistische Fotos für die Illustrierte „Paris Match“. Den Sanitäter Vernon Wike fotografierte sie 1967 in einer Serie am Hügel 881 in Südvietnam. Er weiß im Augenblick des Fotos, dass sein Kamerad tot ist. Leroy (1944–2006), die später für Gamma und Sipa Press (Frankreich) internationale Konfliktgebiete bereiste, trifft Vernon Wike 2005 in Arizona wieder. Der Kriegsveteran schaut ins Leere, ein Arm und sein Oberkörper sind mit grellfarbigen Tattoos überzogen. Ein Gehstock ist erst auf den zweiten Blick zu sehen.

Francoise Demulder (1947 – 2008), die den Einzug nordvietnamesischer Truppen in Saigon 1975 fotografierte, erhielt als erste Frau den World Press Awards 1977. „Das Massaker von Karantina“ in Beirut, Libanon, zeigt eine bettelnde Palästinenserin vor einem maskierten Krieger. „Die Ausdruckskraft der visuellen Darstellung“ brachte ihr die Auszeichnung für ein Motiv, das bei der Agentur als „nicht kommerziell genug“ aussortiert worden war.

Neue Bildtypen entwickelten sich mit der Verwertung im Internet. Eine Spur Humor ist in Anja Niedringhaus’ Bild „Afghanische Männer“ auf einem Moped (2010) spürbar, die ungerührt an kanadischen Soldaten vorbeifahren. Vor allem im Netz werden Fotografien wichtig, die mit dem unerwarteten Kriegsbild den Betrachter für sich gewinnen. Carolyn Cole gelingt das durch ruhige, streng komponierte Fotos. Die US-Amerikanerin (57) arbeitet seit 1994 für die L.A. Times. Die mehrfache Trägerin des World Press Award und der Robert-Capa-Goldmedaille zeigt beispielsweise in einem Fotoausschnitt zu einem Massengrab bei Monrovia, Liberia 2003, junge tote Männer wie schlafende Engel.

Dass Kriegsfotos nicht schwarzweiß sein müssen, dafür sorgte Susan Meiselas. Die US-Amerikanerin kam im Bürgerkrieg Nicaraguas an den Farben nicht vorbei. Sie hatte visuelle Erziehung studiert und arbeitete seit 1976 für die Agentur Magnum. Ihr Bild von einem Rebellen mit Indiomaske auf dem Titel des New York Times Magazine, Juli 1978, machte den Bürgerkrieg gegen die Somoza-Diktatur erst international bekannt. Mit Farben transportierte Meiselas Stimmungen.

Fotografien von Lee Miller (1907–1977) und Gerda Taro (1910–1937) komplettieren diese intensive Ausstellung.

Bis 10. Juni; di-so 11 – 18 Uhr, do bis 21 Uhr;

Tel. 0211/566 42 100; www.kunstpalast.de

Katalog, Prestel Verlag, München, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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