Kreis Unna zeigt auf Haus Opherdicke „Die Neue Frau“

Die Kohlezeichnung „Arbeiterkinder“ (1923) von Alice Sommer. Foto:Kreis Unna/Kersten

Holzwickede Unglaublich lebendig, frisch wirken die „Arbeiterkinder“ auf der großformatigen Kohlezeichnung von Alice Sommer. Stünde da nicht das Datum „20. Juli 23“, könnte das Paar durch eine Fußgängerzone gehen, ohne aufzufallen. Ihre Präsenz gewinnt die Zeichnung durch die souveräne Technik, mit der die Künstlerin die Köpfe modelliert, mal mit flächigem, dünnem Auftrag, mal mit markanten Linien und Schraffuren.

Zu sehen ist das Blatt in der Ausstellung „Die Neue Frau – Künstlerinnen als Avantgarde“, die am Sonntag auf Haus Opherdicke in Holzwickede eröffnet wird. Es ist der künstlerische Beitrag zum Jahr der Demokratie im Kreis Unna. 1919 war in vieler Hinsicht ein Scharnierjahr zwischen den Epochen, meint Arne Reimann, der die Schau mit Sally Müller kuratierte. Die erste Republik in Deutschland gab Frauen das Recht, zu wählen und sich wählen zu lassen. Erstmals standen gleiche Rechte für Mann und Frau in der Verfassung. Und Frauen konnten erstmals an Kunstakademien studieren.

Den Umbruch zeichnet die Ausstellung mit rund 90 Arbeiten von zwei Dutzend Künstlerinnen nach. Darunter sind berühmte wie Käthe Kollwitz, die erste Kunstprofessorin in Deutschland, Paula Modersohn-Becker, Ida Gerhardi und Gabriele Münter. Aber vor allem sind hier auch Künstlerinnen zu entdecken, die selbst Experten unbekannt sind.

Vor eindringlichen Kohlezeichnungen sagte Frank Brabant, Sammler und einer der wichtigsten Leihgeber der Schau: „Das ist gut. Wer hat das gezeichnet?“ Es war Elisabeth Schmitz, die lange als Kunstlehrerin in Witten arbeitete. Das dortige Märkische Museum verwahrt eine Reihe ihrer Arbeiten. Spannend sind auch ihre Scherenschnitte, bei denen sie filigrane Motive in expressivem Schwarz-Weiß fixierte. Von dort schlägt die Schau die Brücke zu Lotte Reiniger, der Pionierin des Animationsfilms, die ihre liebevollen Märchen ebenfalls in Scherenschnitttechnik erzählte. Von ihr ist unter anderem „Das Ornament des verliebten Herzens“ zu sehen, ihre erste Arbeit von 1919.

Die Schau beginnt aber chronologisch mit zwei Wegbereiterinnen der Kunst, die sich kannten, schätzten und vor dem Ersten Weltkrieg in Paris Tür an Tür wohnten. Zum einen Käthe Kollwitz, die ihre sozialkritischen Motive in düstere Radierungen und Bronzeskulpturen umsetzte. Mit fotografischer Präzision porträtiert sie die „Schwangere“ (1910), lässt die Armut der Frau aufscheinen, belässt ihr dabei aber die Würde. Zum anderen Ida Gerhardi, die durch die Nachtlokale zog und in leuchtenden Farben die Can-Can-Tänzerinnen bei Bullier (um 1904) malte.

Gerhardi und Kollwitz waren Vorreiterinnen, denen mehr Frauen folgten, als heute im Bewusstsein ist. Die Neue Frau war ein Phänomen der Goldenen Zwanziger und dort vor allem der Städte. Hanna Nagel schuf 1929 die Tuschzeichnung der „Raucherin“, die selbstbewusst in körperbetonter Kleidung, mit Kurzhaarschnitt dasteht. Diese Frau weiß, was sie will, und lässt sich nicht mehr in traditionelle Rollen wie Hausfrau und Mutter drängen. Schon um 1916/18 schuf Hanna Koschinsky ihre „Drei Frauenköpfe“, deren androgyne Anmutung ebenfalls mit überkommenen Vorstellungen bricht. Wunderbar sind auch ihre Bronzeskulpturen, darunter übergroße Insekten wie die „Blattwanze“ (vor 1914). Hedwig Marquardt, die privat bei Lovis Corinth studiert hatte, ist mit der undatierten Bleistift-Zeichnung „Frauenkopf“ zu sehen, leider nur mit diesem Blatt. Das markant modellierte Porträt weist die Künstlerin als Vorläuferin einer queeren Kunst aus.

Gewiss, es gab auch Künstlerinnen wie Emy Roeder, die Bronzen von Mutter und Kind (1939, 1944) schuf. Aber daneben arbeiteten eben auch Frauen wie Elfriede Lohse-Wächtler, die mit der Schärfe eines Otto Dix den Geschlechtsakt als Kampf malte (Pastell, 1925/30). Die Künstlerin wurde 1940 im Rahmen des NS-Euthanasie-Programms ermordet. Jeanne Mammen schuf bissige, karikierende Szenen aus Bordellen, in Opherdicke sind Illustrationen zu sehen, die sie zu Pierre Louys‘ Buch „Die Lieder der Bilitis“ schuf (1931). Auf einem posieren zwei nackte Prostituierte vor einem Spießerpaar.

Frauen hatten gewisse thematische Vorlieben, erläutert Kuratorin Sally Müller. Aber eigentlich schufen sie Kunstwerke zu vielen Themen. So sieht man in der Schau das wunderbare neusachliche Porträt „Junger Italiener mit Weinflasche“ (1927) von Lilja Busse und einen üppigen Blumenstrauß „Blumen in Vase“ (1916) von Maria Caspar-Filser.

Ein Star auf dem Kunstmarkt der 1920er Jahre war die Bildhauerin Renée Sintenis, die sich ganz auf handgroße Bronzen von Tieren verlegt hatte, weil die gut verkäuflich waren. Sie zeigte sich auch in der Öffentlichkeit als Autofahrerin und Reiterin. Und im Magazin „Querschnitt“, das ihr Galerist Alfred Flechtheim gegründet hatte, wurde über sie als Star immer wieder berichtet. Von Sintenis stammt auch der Entwurf für die „Bären“ der Berlinale. In Opherdicke ist die Bronze „Junger Bär“ (1932) zu sehen, dazu weitere Arbeiten wie „Schlafendes Reh“ (1931) und „Skyke-Terrier“ (1928).

Eine Brücke in die Gegenwart schlägt die Schau mit Werken von Bettina Marx. Die 1981 geborene Künstlerin zeigt ihre eigenwilligen Schöpfungen zwischen Grafik und Skulptur zwischen den Arbeiten der älteren Kolleginnen. Hübsch ihre bemalten Stücke aus Baumrinde, die sie im benachbarten Waldstück suchte, und die nun mit den Tierbronzen Hanna Koschinskys korrespondieren. In einem eigenen Raum zeigt sie die Arbeit „Flora war Folk“ (2017) aus bemalten Papierbahnen an einem Metallgestell, die mit jedem Luftzug sanft wehen.

Die Schau, meint Kurator Arne Reimann, hätte noch umfangreicher ausfallen können. Aber der Platz auf Haus Opherdicke ist begrenzt. Vielleicht folgt noch eine zweite Schau zum Thema. Die erste ist überaus anregend.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 18.8.,

di – so 10.30 – 17.30 Uhr,

Tel. 02301 / 918 39 72, www.kreis-unna.de/haus-opherdicke,

Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 25 Euro

Quelle: wa.de

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