Das Konzerthaus Dortmund nimmt den Spielbetrieb wieder auf

Wohlklang mit Mund-Nasen-Schutz: Das Konzerthausorchester Berlin spielt im Konzerthaus Dortmund. Fotos: PAscal Amos REst

Dortmund – Zur Musik geht’s am Schalter rechts. Nach diesem Motto funktioniert derzeit der Zugang zum Konzerthaus Dortmund, das am Sonntag als erstes Konzerthaus in Nordrhein-Westfalen wieder öffnete. Dazu gab es ein Gastspiel des Konzerthausorchesters Berlin unter Leitung der derzeitigen Exklusivkünstlerin am Konzerthaus Dortmund, Mirga Grazynite-Tyla.

Schwarzgelbe Klebebänder auf dem Boden als Wegweiser, eine Barriere aus Schaltern im Foyer, um das Publikum zu steuern – das sieht schon stark nach Abfertigung aus. Einen Sekt zur Einstimmung gibt es nicht: kein Catering, keine Garderobendienste. Im Saal müssen pro Vorstellung etwa 1100 von 1500 Plätzen frei bleiben. Das ist die neue Normalität im Konzertbetrieb.

Intendant Raphael von Hoensbroech war dennoch sichtlich erleichtert, dass sein Haus mit einem eigens entwickelten Sicherheits- und Hygienekonzept von den Behörden sehr schnell grünes Licht für die Wiederaufnahme des Betriebs erhalten hat.

So wurde das Konzert zwei Mal gespielt. Zugaben gab es keine, die Konzertdauer war auf jeweils 90 Minuten begrenzt, danach musste der Saal belüftet werden. Masken müssen bis direkt zum Konzertbeginn aufbehalten werden, also auch dann, wenn man an seinem Platz sitzt und noch warten muss. Nach Konzertende müssen die Masken auch direkt wieder aufgesetzt werden. Die Zuschauer sahen auf dem Weg zur Musik noch etwas verloren aus. Einige mussten warten, um andere, die weiter mittig saßen, zunächst einzulassen, denn niemand soll dicht an einem anderen Gast vorbeigehen: Gemeinschaft ohne Begegnung. Insgesamt lief aber alles recht entspannt ab.

Der Intendant richtete eine kleine Ansprache an die zirka 400 verstreuten Zuhörer. Musik, sagte er in Anlehnung an den vielgebrauchten Begriff von der Systemrelevanz, sei wesentlich für uns, für unser System: „Musik eint.“

Das Programm wirkte da durchaus symbolisch. „De profundis“ für Streichorchester der litauischen Komponistin Raminta Serksnyte bezieht sich auf den 130. Psalm. Das etwa 15-minütige Werk vermisst in jagenden Figuren die Spanne zwischen himmelhochjauchzender, aber zerbrechlicher Zuversicht und tiefdunklem Zweifel. Seufzer-Figuren bauen sich auf. Kleine Figuren wiederholen sich in den Stimmgruppen wie angefangene, nicht fertiggedachte Gedanken, die sich wiederholen und verdichten, das alles in einer knappen Gestik, straff gebündelt. Lautmalerische Details, wie eine rabiat gezupfte Basssaite oder ein Cello, das surrt wie ein Schwingholz, verdeutlichen eine innere Auseinandersetzung. Die Staffelung zwischen den Stimmen – etwa zwischen ersten und zweiten Geigen – schafft Raumtiefe. Unter Leitung der sichtbar schwangeren Grazynite-Tyla klang das transparent, straff und lebensbejahend.

Der Junge Wilde Kian Soltani spielte Haydns Cellokonzert leidenschaftlich und einfühlsam. Besonders der erste Satz glitzerte geradezu vor Freude. Soltani fand bei aller Virtuosität einen gefühlvollen Ton, der sich zu weißglühender Energie steigern konnte.

Aufgrund der Abstandsregelungen trat das Berliner Konzerthausorchester ungefähr in halber Besetzung an. Das bedeutete etwa nur drei Celli und sechs erste Violinen. Das ist deutlich weniger als im normalen Konzertmodus. Trotzdem hatte der Sound durchaus Punch, wie in Beethovens vierter Sinfonie zu hören war. Ja, da war ja noch was. Beethovenjahr ist auch noch, wenn auch die Feierlichkeiten ziemlich ins Hintertreffen geraten sind.

Beethovens Vierte unter Grazynite-Tyla ließ sich bestens hören. Sie strebt einen flexiblen, transparenten Klang an, will aber auch Erwartungen an einen üppigen, gepflegten „bürgerlichen“ Sound bedienen. Es ist ein sehr überzeugender Versuch, das Beste aus zwei Welten zusammenzubringen. Eine ausgefeilte Klangrede, abgelauscht aus der historisch informierten Praxis, verleiht der Musik eine starke Überzeugungskraft. Die gepflegte Ausgestaltung eines leuchtkräftigen Klangs fesselt das Ohr. Ein mächtiges Plädoyer für die Macht der Musik, ein schöner Wiedereinstieg in Dortmund.

Das Konzert ist online abrufbar: www.takt1.de, www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare