Konstantin Küsperts „Der Westen“ bei den Ruhrfestspielen

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Unter den Kostümen: Stefan Hartmann, Paul Maximilian Pira, Anna Döing, Daniel Seniuk und Bertram Maxim Gärtner in der Uraufführung „Der Westen“ bei den Ruhrfestspielen.

RECKLINGHAUSEN Wer am Anfang schon am Boden liegt, dem traut man nicht mehr viel zu. Langsam berappeln sich Donald Duck, Superman und Co., wie nach einer langen Party. Doch die ist längst vorbei, weiß Konstantin Küspert, der das Stück „Der Westen“ geschrieben hat. Bei den Ruhrfestspielen fand die Uraufführung statt. Es ist eine Kooperation mit dem E.T.A. Hoffmann Theater in Bamberg.

Küspert, Jahrgang 1982, ist Stückeschreiber („rechtes denken“), Übersetzer und Dramaturg am Schauspiel Frankfurt. Er thematisiert das Dilemma, das tagtäglich mit den Nachrichten ins Haus kommt: Alles ändert sich, und das Selbstverständnis der westlichen Welt zerbröselt.

Die Freiheitsstatue resümiert in der Halle König Ludwig 1/2 in Recklinghausen, das eine Mauer gen Mexiko droht, das Flüchtlinge übers Mittelmeer unterwegs sind und Grenzen geschlossen werden. Im Westen nichts Neues also. Auch die Einsicht, dass Freiheit relativ ist, bringt keinen Erkenntnisgewinn: man darf seine Toten nicht im Garten begraben. Ach so. Das Stück bleibt dem Faktischen sehr verbunden. Es geht in die Geschichte. Damals wanderten zwei kauzige Franken („Karle“) in die USA aus. Später überlässt ein römischer Kaiser seinen Kindern den Osten und Westen seines Imperiums. Ost und West – das hat die Welt einmal getrennt im Kalten Krieg und befriedet für kurze Zeit. Oder wie lange? Eine russische U-Boot-Mannschaft tritt auf. Sie hätte den Atomkrieg schon in der Kuba-Krise entfachen können, vom Sohn eines Bauern gezündet. Alles war möglich und ist es noch.

Vielleicht bringt das etwas süßen Grusel mit, wenn eine Kolportage die Untiefen unseres Daseins zur Schluchtenfahrt verbindet und mit Rap- und Pop-Musik unterlegt.

Mehr aber nicht, denn Küspert wagt nicht mal eine kühne Vision, sondern hält sich an den Plan-Kommunismus aus China. Stoisch wirkt Xi Jinping, der eine Büste von Karl Marx hält und auf der Videowand vervielfältig wird. Ist er die Zukunft?

Manuela Hartels Videobilder unterstützen das Spiel, zeigen historische Szenen der Mondlandung von 1969, so dass sich fragen lässt, war das ein Trick? Oder es sind Nachrichtensprecher zu sehen, die alle reden, und keiner das Ende der Welt bestätigt – 13. 4. 2029? Ist das schon Medienkritik in „Der Westen“?

Regisseurin Sibylle Broll-Pape, die das Prinz-Regent-Theater in Bochum gegründet hat und seit 2015 Intendantin in Bamberg ist, versucht Küsperts Polit-Nummern den Vortragscharakter zu nehmen. Engagierte Schauspieler schlüpfen in zahlreiche Rollen, spielen Figuren wie im Kabarett – voller Selbstironie. Sie debattieren die Fleischmisere in Schweinekostümen und sprechen von Antibiotika-Resistenzen über einen Krankenbericht.

Und was zusammenhängt, das wiederholt sich durch die Zeit, wie die Sklaverei, die Ausbeutung Afrikas, die Brutalität der Besatzer, der fehlende Lebenssinn bei uns. Haus, Urlaub, Auto? Zum Schluss beschleicht einen das Gefühl, dass es gut ist, wenn „Der Westen“ endet, zumindestens in Recklinghausen.

22. Mai; Tel. 02361 / 92180

Quelle: wa.de

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