Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ in Münster

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Suzanne McLeod (von rechts), Henrike Jacob, Gregor Dalal und Erwin Belakowitsch in der „Csárdásfürstin“ in Münster.

MÜNSTER „Ach, lass die ganze Welt versinken, hab’ ich dich“: Während Sylva und Edwin ihre Liebe in seligem Walzertaumel beschwören, versinkt die Welt tatsächlich.

Hinter den beiden Liebenden mühen sich kriegsverletzte Soldaten aus ihren Lazarett-Betten, werkeln Rotkreuz-Schwestern bemüht geschäftig herum. „Die Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán entstand, während der Erste Weltkrieg ausbrach. Diesem Wissen will sich die Inszenierung des Theaters Münster nicht verschließen. Also verlegt Mareike Zimmermann die heitere Operette in ein beklemmend-tristes Lazarett.

Bei diesem handelt es sich um das heruntergekommene Orpheum – jenem Varieté-Theater, in dem Sylva Varescu, die Csárdásfürstin, einst große Erfolge feierte und ihren Geliebten, den Fürstensohn Edwin, kennenlernte. Bernd Franke (Bühne) und Isabel Graf (Kostüme) lassen die untergehende Welt der Belle Epoque naturalistisch aufleben, mit Jugendstil-Elementen an Säulen und Bühneneinfassung, weiß gestrichenen Stahlbetten, Kaffeehaus-Stühlen und stilechten Schwesterntrachten.

Das Lazarett wird zum zentralen Ort der Handlung. Alles, was, ursprünglich zur Operette gehörte, findet in Erinnerungsfetzen von Sylva, Boni und ihrem Freund Feri von Kerekes statt. Diese Flashbacks arrangiert Mareike Zimmermann mit gezielten Lichtspots auf verflossene Momente und pfiffigen Kostümwechseln seitens der Krankenschwestern: Deren weiße Röcke lassen sich aufklappen und enthüllen rüschenbesetzte Tanzkleider. Und so, wie Retrospektiven manches verzerren, karikiert Zimmermann das kaiserlich-königliche Österreich, vor allem in Form von Edwins jovial-standesbewusstem Vater (Christoph Stegemann) und dem kaisertreuen Offizier Eugen von Rohnsdorff (Dirk Schäfer).

So weit, so gut. Und vielleicht hätte das Ganze funktioniert, wenn die etwa 100 Minuten lange Inszenierung die Gegenwartsmomente im Lazarett reduziert hätte – beispielsweise auf eine Rahmenhandlung. So jedoch dünnt das Hin und Her zwischen wissend-kommentierender Jetztzeit und erinnerter Vergangenheit den ohnehin nicht zu differenziert angelegten Operettenplot weiter aus. Es bleibt ein Handlungsgerüst, das gerade ausreicht, um Kálmáns Hits aneinander zu reihen. Dass zahlreiche Dialoge wegfallen, raubt der Operette einiges an Spannung und Witz.

Letzteres wäre verständlich, wenn Zimmermann im Gedenken an den katastrophalen Weltkrieg darauf gänzlich verzichten möchte. Doch es bleibt Zeit für einige Scherze, wie das Wortspiel mit dem Namen von Edwins Verlobter Stasi: Diesen wie die DDR-Geheimpolizei auszusprechen, müssen die Darsteller mindestens dreimal wiederholen.

Nicht alle Sänger finden sich zurecht. Henrike Jacob erschöpft das Temperament der Sylva Varescu in schlenkernden Armen und aufstampfenden Füßen. Das besungene „Teufelsweib“ nimmt man ihr nur bedingt ab. Auf den dramatischen Melodiebögen von „Weißt du es noch“ fühlt sie sich wohler als beim Csárdás. Garrie Davislim singt den Edwin volltönend und melodiös. Das muss ausreichen, um Sylvas Liebe zu dem Fürstensohn plausibel zu machen. Leidenschaft lassen sein schablonenhaftes Gehabe und der deklamierende Sprechduktus ansonsten vermissen.

Überzeugender agiert das zweite Liebespaar, Graf Boni und Komtesse Stasi. Erwin Belakowitsch schlawinert sich charmant durch die komödienhaften Szenen, jeder Zoll der flatterhafte Husar. Kathrin Filip entlarvt eine lässige Abgebrühtheit hinter der vorgeblich naiven Adelstochter. Als unverwüstlich erweisen sich die Lieder von Emmerich Kálmán, die das Sinfonieorchester Münster unter der Leitung von Stefan Veselka routiniert präsentiert.

Anke Schwarze

9., 19., 31.12.; 18., 24., 26., 30.1. 2018; 9. 2.; 4., 18. 3.; 5., 13. 5.; Tel. 0251/ 59 09 100; www.theater.muenster.de

Quelle: wa.de

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