Klaus Modicks Roman „Keyserlings Geheimnis“

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Schreibt über tote Kollegen: Klaus Modick.

„Wahre Literatur kennt keine neuesten Nachrichten und kann deshalb auch nie von gestern sein, kann altern, aber nicht veralten“, meint Eduard von Keyserling in Klaus Modicks Roman „Keyserlings Geheimnis“. Da hat der Schriftsteller von heute seine Figur, den Schriftsteller der Kaiserzeit, zum Sprachrohr gemacht. Zeitlos ist der Stoff, ein feinsinniges Porträt des feinsinnigen Literaten und der Bohème in München 1901.

Es ist das zweite Mal, dass der 1951 geborene Modick sich mit dieser Epoche befasst. Sein 2015 erschienener Roman „Konzert ohne Dichter“ porträtiert die Künstlergemeinschaft von Worpswede und speziell die Beziehung zwischen dem Maler Heinrich Vogeler und dem Dichter Rainer Maria Rilke. Das Buch war ein Bestseller. Da erscheint es folgerichtig, einen ähnlichen Roman nachzulegen, ein biografisch fundiertes, gut recherchiertes Werk über einen älteren Kollegen.

Eduard von Keyserling (1855–1918), Graf aus altem baltischen Adel, zu Lebzeiten ein respektierter, anerkannter Autor, steht heute eher im Schatten der Aufmerksamkeit. Modick geht in seiner Geschichte von einem Porträt aus, das Lovis Corinth von dem Schriftsteller malte und das heute in der Neuen Pinakothek München ausgestellt und im Buch abgedruckt ist. Es zeigt einen Mann von ausgesuchter Hässlichkeit, mager, mit eingefallenen Wangen und vorquellenden, rot umrandeten Augen. Da war Keyserling schon von der Syphilis gezeichnet. Modick zeigt uns den Mann als jemanden, der mit dem Leben abgeschlossen hat, als distanzierten Beobachter einer Freundesrunde, die sich abends in Gaststätten, „in Tabakwolken und Bierdunst“ trifft. Der Kreis um den Dramatiker Max Halbe besteht aus „Schlawinern“, deren Fehler Keyserling durchaus wahrnimmt, aber mit Nachsicht betrachtet. Halbe mietet für die Sommerfrische ein großes Haus am Starnberger See und lädt seine Freunde ein, neben Keyserling auch Lovis Corinth, den Verleger Korfiz Holm und den Autor Frank Wedekind.

Man erholt sich. Corinth malt das Porträt, nach einiger Überredung, denn Keyserling macht sich keine Illusionen über sein Aussehen, und dass der Maler „diese noble Edelfäule“ abbilden will, steigert die Lust des Autors auf Sitzungen nicht gerade. Aber Corinths hübsche Freundin findet die richtigen Worte. Keyserling erinnert sich an den Skandal, der ihn aus Lettland vertrieb, der ihn zum europäischen Flaneur machte. Dann begegnet er der geheimnisvollen Roxanne von Rönne, einer „Dame aus uraltem baltischen Adel“, die ihn an jene fatale Frau erinnert, die einst alles auslöste.

Keyserling hatte verfügt, dass sein Nachlass vernichtet wurde. Vieles aus seinem Leben blieb unbekannt, auch, warum er sein Jura-Studium in Dorpat abgebrochen hatte und von der Familie geächtet wurde. Modick füllt die biografische Lücke geschickt und stimmig. Er trifft fast bauchrednerisch den Literatenton der Jahrhundertwende. Fast meint man, Keyserling selbst würde von sich erzählen: „Er zwinkert, wischt sich mit den Zeigefingerknöcheln durch die Augenwinkel, schüttelt den Kopf, als könnte er so seine Wahrnehmung zurechtrücken. Wenn er nach dieser kleinen Sommerreise wieder in München sein wird, muss er wohl erneut beim Augenarzt vorstellig werden, obwohl er längst ahnt, dass gegen seine schleichende Erblindung kein Kraut gewachsen und kein Brillenglas zu schleifen ist.“ Dabei hat Modick einige Brechungen eingebaut, keine wirklichen Anachronismen, aber Wendungen, die nicht ganz passen. Da heißt es zum Beispiel von Spielern, dass sie „zocken“. Und wie charmant ist es, wenn Keyserling in der Buchhandlung eine Neuerscheinung zur Hand nimmt: „Thomas Mann? Sagt mir nichts.“ Und Händler Goltz meint, dass der „kleine Bruder“ von Heinrich Mann „durchaus Talent“ habe.

Modick belebt die fernen Gestalten, die untergegangene Welt, auf eine sympathische Weise, mit leichtem Ton und melancholisch eingefärbter Ironie. Ein lesenswertes Stück literarische Entschleunigung.

Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 238 S., 20 Euro

Quelle: wa.de

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