28. Kinofest in Lünen zeigt 60 Filme vor 9500 Besuchern

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Blumen für die Freundin: Julian (Fahri Yardim) und Hannah (Silvia Hoecks) im Film „Whatever Happens“.

LÜNEN An Fahri Yardim hatte Niels Laupert erstmal nicht gedacht, als er das Drehbuch zum Film „Whatever Happens“ schrieb. Yardim, bekannt aus dem Hamburg-„Tatort“ (neben Til Schweiger) und Kinofilmen wie „Kebab Connection“ und „Chiko“, spielt einen Fotografen, der seine Ex-Freundin trifft, um die gemeinsame Wohnung zu räumen. Dass dabei die Erinnerungen aus sieben Jahren Beziehung mit der gemeinsamer Tochter dominieren, ist der Stoff für Lauperts Film.

„Deutsches Erzählkino, das eine Leichtigkeit und eine gewisse Tiefe hat“, sagte Laupert in der Cineworld Lünen. Beim 28. Kinofest stellt er mit Produzent Benjamin Grosch und Schauspieler David Zimmerschied das „Dramedy“ vor. Und Laupert schwärmt von seinem „intelligenten und einfühlsamen“ Hauptdarsteller Fahri Yardim. Das Publikum im Kino 3 konnte aber auch erleben, wie Regisseur und Produzent noch immer zwei Meinungen zum Filmende hatten. Bietet der Abspann mit den Stimmen der „Kleinfamilie“ zuviel Happyend?

Das Kinofest Lünen zeigt nicht nur neue Filme – „Whatever Happens“ startet am 30. November bundesweit –, sondern ermöglicht Begegnungen. Dabei lässt sich erfahren, dass der Film eigentlich die visualisierte Fassung eines Denkprozesses ist, der nach der Vorführung durchaus weitergeht. Beispielsweise hat Alisa Berger (Buch/Regie) als Studierende der Kunsthochschule für Medien in Köln „Die Körper der Astronauten“ gedreht. Es geht um die Vision eines Jungen, der an einem wochenlangen Test zur Schwerelosigkeit mitmacht. So überwacht und isoliert Antons Leben nun ist, so spür- und sichtbar sind die Körpererfahrungen seiner Zwillingsschwester Linda, die sexuelle Sehnsüchte empfindet. Dass noch die kleine Irene mit dem alkoholsüchigen Vater (Lars Rudolph) zusammenlebt, stellt Regisseurin Berger als weitere Körpererfahrung vor. Zu den krassen Anfällen des Alkoholikers fügen sich liebevolle Rangeleien mit Irene, die sich im Gefühlschaos manchmal behaupten kann. Regisseurin Berger gelingen zu den losen Erzählsträngen feinfühlige Bildkompositionen, so dass das Familiendrama unter die Haut geht. Die Nasa-Clips aus dem Weltraum entspannen, weil sie mit ihrer Weite und irdischen Ferne über den Alltag in der Mietwohnung hinweg helfen. Das ist gut geschnitten, hat ein souveränes Erzähltempo und lässt den Zuschauer die Figuren ganz neu erfahren – wie in Umlaufbahnen. Sie driften auseinander ist die Grundbewegung die Alisa Berger vermitteln will. „So wie Astronauten im All nach einem Unglück“, sagt sie in Lünen. Ob das Nasa-Bild vom Astronauten, der beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglüht, nicht zu heftig ausfällt, ist ihr schon bedenkenswert, denn für die Familienfiguren ihrer Geschichte findet sie noch Bilder, die Hoffnung machen.

Sehr entschieden ist dagegen die Regiearbeit von Nina Vukovic. Der Thriller „Detour“ ist an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin entstanden und war im Oktober im ZDF („Kleines Fernsehspiel“) zu sehen (noch bis 7.1.2018 online verfügbar). Es geht in dem Film um Alma (Luise Heyer) und Jan (Alex Brendemühl). Sie versteht sich mit seinem kleinen Sohn gut und beide steigen in einen Lieferwagen nach Berlin. Dass Alma abhauen will, ist Jans Schuld, der sich nicht von seiner Frau trennen will. Vukovic findet in dem Roadmovie Bilder für die innere Konfusion der Figuren. Als der Fahrer (Lars Rudolph) bei Alma nicht landen kann, passiert etwas auf dem Autobahn-Rastplatz, dass Jan aufdecken muss. „Detour“ ist ein ungemein packendes Drama mit vielen Großaufnahmen der durchgehend guten Darsteller.

Den Hauptpreis beim Filmfest, der vom Publikum vergeben wurde, hat Florian Schewe gewonnen. Der Regisseur erzählt in „Somewhere in Tonga“ vom Sozialarbeiter Wolski, der einem perpektivlosen 16-Jährigen am Palmenstrand helfen will. Der Film beruht auf Tatsachen und punktet mit einem überraschenden Ende.

Rund 9500 Besucher haben an vier Tagen 60 Filme beim 28. Kinofest Lünen gesehen.

Die Preise

Lüdia, Hauptpreis des Kinofestes in Lünen (10 000 Euro): „Somewhere in Tonga“ von Florian Schewe

Rakete, Kinderfilmpreis (3000 Euro): „Das doppelte Lottchen“ von Lancelot von Naso

Kurzfilmwettbewerbe: „Watu wote – all of us“ von Katja Benrath (1600 Euro), „Familienzuwachs“ von Teresa Hoerl (2600 Euro).

HWG Drehbuchpreis (2500 Euro): „Die Körper der Astronauten“ von Alisa Berger

Filmmusikpreis (2500 Euro): „Lomo – The Language of Many Others“, Musik: Torsten Reibold

Berndt-Media-Preis für den besten Filmtitel (1500 Euro): „Zwei im falschen Film“ von Laura Lackmann

Perle – Preis für Frauen in der Filmbranche (1800 Euro): „Magical Mystery“, Maske von Mirjam Himmelsberger, Jeanette Kellermann, Paulin Pospischil. Insgesamt wurden 32 000 Euro Preisgelder verliehen

Quelle: wa.de

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