Kaurismäkis „Der Mann ohne Vergangenheit“ am Schauspielhaus Bochum

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Am Kopf getroffen: M (Michael Kamp) in der Bochumer Inszenierung „Der Mann ohne Vergangenheit“.

BOCHUM Schnee liegt im Hafen. Ein altes Frachtschiff steckt im Eis fest. Und die weiße Pracht dämpft alle Geschäftigkeit in Finnland am Rande Europas. Dort, wo der Regisseur und Drehbuchschreiber Aki Kaurismäki („Wolken ziehen vorüber“) seine ruppigen Sozialmärchen ins Kinolicht gesetzt hat, dort spielt auch „Der Mann ohne Vergangenheit“ (2002).

Am Bochumer Schauspielhaus hat Christian Brey die Kaurismäki-Geschichte um einen Mann aufgegriffen, der bei einem Überfall einen Schlag auf den Kopf bekommt und sein Gedächtnis einbüßt. Wie reagieren die Menschen auf ihn, wenn er nicht mal sagen kann, wer er ist? Lässt sich eine Gesellschaft daran messen, wie sie mit Fremden umgeht?

In Bochum wird diese Ausgangssituation für einen launigen Ausflug voller Klischees genutzt. Jeder weiß, dass die Finnen wenig reden, viel trinken und sich Zeit lassen. Das nimmt Regisseur Brey sehr ernst. Als sein Mann ohne Vergangenheit nach Wasser fragt, wird es ihm gewährt. Und M, gespielt von Michael Kamp, drückt auf den E-Kocher. Alle warten mit M auf kochendes Wasser. Es brodelt, macht klick und das Publikum lacht über das coole Regiekonzept, auch über sich selbst, weil der eigene Unterhaltungsanspruch getestet wird. Diese Art von Entschleunigung wärmt das Gemüt und entspannt, wenn man sich nicht langweilt.

Brey, der auch „Drei Männer im Schnee“ für Bochum eingerichtet hat und immer wieder für Bühnenunterhaltung an Stadttheatern gebucht wird, ist konsequent. Kaurismäkis hartrandiger Realismus – mit der Großaufnahme ins Filmbild gesetzt – wird nicht plastisch gemacht. M wirkt hier wie aus dem Nest gefallen mit seinem Kopfverband. Die Hooligans hatten ihn vorher erschreckt und durch die Sitzreihen gescheucht. Statt die Insassen von Wohncontainern kennenzulernen, klettern in Bochum kauzige Typen aus den Kajüten eines Schiffes. Anette Hachmann (Bühne/Kostüme) hat eine viergeschossige Puppenstube mit Sauna, Tanzsaal, Büro, Kleiderkammer, Sonnendeck, Apartment, Kartoffelbeet und Beiboot arrangiert. Hier entspinnt sich eine nett anzusehende Spielerei um Vergeblichkeit. Wie kommt der Musiker mit seinem Bass durch die kleine Tür? Wie oft tritt der Mann im Overall aufs Fallreep, ohne die Reeling zu erreichen? Dann summen sie, und die Liftboy-Combo in roten Samtjacken intoniert melancholische Standards: „Ich sing ein Lied für dich, wird mir das Herz auch schwer.“ Ms Stimme klingt nach Sven Regener, nach und nach stimmen alle Del Amitris Hymne „Nothing ever happens“ an. Nichts passiert.

Musizieren ist hier eine andere Form, das Leben zu versuchen. Und es geht nur gemeinsam, wird die schlichte Botschaft dieses Abends. Bis dahin greifen Varianten des Absurden um sich, wenn Nieminen (Benjamin Grüter) Bier neben der laufenden Dusche trinkt, wenn Antilla (Ronny Miersch), der raunzende Vermieter, vor seinem Hund warnt, der nicht mal bellt („er frisst nur rohes Fleisch“). Beide singen dann zusammen mit M in der Sauna „Kati kata Kartoffeln“. Es scheint nur noch Helge Schneider zu fehlen: „Du isst sie am liebsten mit Rührei und Spinat.“ Musikalische Leitung Tobias Cosler.

Das stoische Grundrauschen der Inszenierung wird von Bernd Rademacher mit Spirituals („I was born“), Bluesmusik und Chansons („La Mer“) durchkreuzt. Kira Primke als Annikki weitet den Horizont der Hoffnung mit ihrer Klassikstimme.

Dazwischen skizziert Regisseur Brey die Story um M in skurrilen Bildern, die einem immer wieder erzählerische Inseln sind, im vorgegaukelten Stillstand. Michael Kamp hat ein großartiges Timing und verzieht als M keine Miene. Als er Irma listig wie naiv einen Kuss raubt, singt sie „You make me feel, like a natural woman“. Juliane Fisch ist die Erwartungsvolle, die die Liebe wie ein fremdes Territorium betritt. In dem schmalen Gefühlskontinuum, das die Inszenierung anlegt, ist ihr Lied eine Eruption. Irgendwie sind doch alle auf der Suche. Und vieles fühlt sich wie ein erstes Mal an, ohne Pathos und Zukunftserwartungen. Einfach, aber wertvoll.

„Der Mann ohne Vergangenheit“ fädelt in Bochum Kaurismäkis Kritik an Banken und Polizeimacht in die situationskomischen Bilderreihen ein. Regisseur Brey spart am Realismus, der im Film immer mit märchenhaften Motiven Balance hält. Am Theater haben allerdings Slapstick und Albernheiten Übergewicht. So wird sogar mit Flaggen kommuniziert, als M auf den aktuellen Ehemann seiner Ex trifft. Selbst die Souffleuse greift zu den Hilfsmitteln aus der Seefahrt. Das ist grotesk und fügt der Auflösung einer vergessenen Biografie noch ein Happy End im Überschwang hinzu. Wer hätte das am Anfang gedacht – vor zwei Stunden und 55 Minuten?

25., 27. 10.; 10., 17., 24. 11.; Tel. 0234/3333 5555; www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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