Karsten Riedel vertont Shakespeare in Bochum

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Intensiv und druckvoll: Karsten Riedel spielt in den Bochumer Kammerspielen Shakespeare-Sonette.

BOCHUM „Schauen Sie ein bisschen zu“, sagt Karsten Riedel in den Bochumer Kammerspielen. Der Musiker sitzt am Klavier, erzählt unaufgeregt, locker und begrüßt lauthals „die großartige Johanna Eiworth“. „Jaaa“, ruft aber niemand, weil Riedel die Aufwärmphase seines literarisch-musikalischen Abends selbstironisch vorführt.

Eiworth, seit September Schauspielerin im Bochumer Ensemble („Maria Stuart“), kommt als Gast und springt zu Riedels Shakespeare-Intro mal stürmisch daher, stürzt dahin und verkörpert den Sturm in „Was ihr wollt“. Für Riedel war es die erste Shakespeare-Vertonung am Theater, wie er berichtet, und eine Entdeckung. Seit rund 20 Jahren zählt er zu den gefragtesten Theatermusikern. Seine Überzeugung: Eigentlich sollte jedes Gedicht auch gesungen werden. In seinem neuen Programm „Der Liebe Lust, der Liebe Schmerz“ sind die Sonette Shakespeares im Original am wichtigsten. Außerdem ist Lyrik von Dylan Thomas und Frank Wedekind („Ilse“) zu hören. Es wird druckvoll.

Ein bisschen Konzertsaal bringen Christoph König (Geige, Bratsche) und Nils Imhorst (Kontrabass) am Anfang mit. Sie flankieren Riedels Klavier, das in jeder Kneipe stehen könnte. Der gebürtige Wattenscheider überträgt die Dichtung in expressive Liedkultur. Mit seinem starken Tastenanschlag transportiert er Shakespeares bildreiche Sprache als inneres Anliegen. Ob er liebevoll vom Bildnis im Herzen erzählt oder anklagend den Versstil des Autors kritisiert, es sind letztlich zeitlose Erkenntnisse, die hier kraftvoll gesungen werden. Der Irish Folk klingt aus Königs Geige, Walzerrhythmen treiben die Geschichten. Manchmal wird ein Tango angestimmt, ist die Schärfe eines Couplets zu hören. Auch große Pop-Balladen kann Karsten Riedel. Von den Bühnenbrettern, die die Welt bedeuten, sind die Musiker allerdings herabgestiegen in die Pubs und Pinten, wo Dylan Thomas mit seiner Frau Caitlin die meiste Zeit verbrachte. Karsten Riedel interessiert sich mehr für das Leben der Autoren als für ihre Werke. Und Dylan? „Der hat sein Leben dem Alk gewidmet“, sagt Riedel.

Johanna Eiworth kniet auf einem Sessel, rezitiert auf Deutsch, was auf Englisch dann gesungen wird. Oder sie steht allein im elisabethanischen Kostüm und liest aus einem Brief Caitlins, die erkennt, dass sie von Dylan betrogen wurde. Hier werden Glück und Enttäuschung („Blöde Sau“) skizziert. Aber über allen steht die Liebe, unerschütterlich. Eiworth singt ein melancholisches Duett mit Riedel – man rückt zusammen, aber ohne Gefühlsduselei.

Der größte Effekt ist Dylan Thomas gewidmet, wenn zu „The Sun Burns The Morning“ Lichtstrahler die Bühne (Angela Weyer) fluten und Lektürepapier vom Himmel fällt. Auch die Bühnenmechanik an diesem Abend – Regiemitarbeit Maren Watermann – soll keine Illusionen wecken, sondern nur so tun. Vor allem soll das Unerwartete wirken. Das Improvisierte ist dem künstlerischen Leiter wichtig, es ist Karsten Riedels Konzept.

Bei Frank Wedekinds „Tantenmörder“ werden Riedel/Eiworth fast so makaber und böse wie The Tiger Lillies, die maskierte britische Kultband. „Ich stech’ ihr den Dolch in die Därme“, heißt es in Bochum und vor Gericht sollte ein billiges Gnadengesuch helfen: „Meine Tante war alt und schwach“. Solche Moritaten erinnern an Brecht/Weill, die 1920er Jahre und Gossenmusik. Und irgendwie hat der Abend von allem etwas. Es gibt zwei Zugaben und viel Jubel vom Publikum.

5. , 27. 11.; 9., 15., 30. 12.; Die Gäste werden zu den nächsten Terminen wechseln. Johanna Eiworth ist noch am 5. 11. dabei. Tel. 0234/3333 5555; www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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