Joseph Mitchells Reportagen aus New York

Von Ralf Stiftel

Joseph Mitchells Reportagen fangen unauffällig an, beiläufig, völlig unprofessionell. Dann schreibt er zum Beispiel: „Wenn mir alles zu viel wird, stecke ich ein Wildpflanzenbuch und zwei Sandwiches ein, fahre zur South Shore auf Staten Island und spaziere auf einem der Friedhöfe dort herum.“ Wer da nicht weiterlesen möchte, ist eben selbst schuld.

Mitchell (1908–1996) war eine Reporterlegende in New York. Dabei befasste er sich nicht mit den Sensationen einer Metropole. Er ging an die Peripherie der Großstadt, suchte das alltägliche Leben, die einfachen Menschen. Von ihnen erzählte er in seinen Texten, die überwiegend im Magazin „The New Yorker“ erschienen. Legendär ist auch sein Karriereende: Nachdem er 1964 seine Reportage „Joe Gould’s Secret“ herausgebracht hatte, veröffentlichte er nichts mehr. Aber bis zu seinem Tod kam er täglich in sein Büro in der Redaktion.

Der Schweizer Verlag diaphanes bringt Mitchells Texte neu heraus. Der Band „Zwischen den Flüssen“ enthält sechs „New Yorker Hafengeschichten“. Mitchell betonte stets, dass nichts an seinen Texten fiktiv sei. Und doch findet der Leser große Erzählungen in diesem Buch. Auf den Friedhöfen zum Beispiel, die er in „Mr. Hunters Grab“ aufsucht, trifft er den Pfarrer Raymond E. Brock. Der wiederum macht ihn auf „Mr. George H. Hunter“ aufmerksam, Vorsitzender des Kirchenvorstands der African Methodist Church, 87 Jahre alt, der gern kocht und viel in der Bibel liest. Ihm schaut Mitchell zu, wie er den Guss auf einem Schokoladenkuchen fertig stellt, dann gehen beide über den Friedhof, und Hunter erzählt von den Toten, die dort ruhen. Mitchell breitet ruhig die Lebensgeschichte des Mannes aus. Und wer bliebe unberührt, wenn Hunter von seinem Sohn Billy erzählt, den er im letzten Sommer beerdigen ließ, und wenn er dem Reporter das Band vom Blumenkranz zeigt, das er „so schön wie am ersten Tag“ fand. „Ich ertrug den Gedanken nicht, es im Regen liegen und verrotten zu lassen, daher nahm ich es und bewahrte es auf“, fährt der Mann fort.

Mitchell erzählt vom Restaurant Sloppy Louie’s, das er so oft besucht, und vom vernagelten Stockwerk, das er in einer Art Expedition mit dem Wirt erkundet. Er schreibt über Ratten im Hafen und führt Zahlen und biologische Informationen auf, ohne dass dies zu trockenem Nachrichtenstoff geriete. Er schildert die Geschichte der Austernfischerei und schreibt über Schleppnetzfischer. Und stets findet er faszinierende Menschen wie den 75 Jahre alten Kapitän Ellery Thompson, der auf hoher See Trompete spielte, bis andere Schiffer fürchteten, ihnen komme ein Vergnügungsdampfer entgegen. Thompson malte auch und war Hobby-Meeresforscher, und der Leser wünscht sich, er hätte Thompson einmal kennen gelernt.

Als Mister spricht Mitchell die Hafenbewohner an, die er trifft. Jedem begegnet er mit Respekt. Und er hält fest, was viel später einmal oral history genannt wird, jene konkreten und genauen Geschichten, die mehr von der Wirklichkeit transportieren als die abstrakten Daten und Statistiken der Historiker fassen. Sein Lebensbild aus New York ist überaus konkret. Und seine Helden des Alltags darf man als Vorbilder nehmen, wie Kapitän Ellery Thompson, der die besten Hummer eines Fangs für sich und seine Leute zubereitete, statt sie an die Restaurants zu verkaufen, wie das die meisten Fischer taten. Er sagte dazu: „Sollen doch die Reichen das Kroppzeug essen.“

Joseph Mitchell: Zwischen den Flüssen. New Yorker Hafengeschichten. Deutsch von Sven Koch und Andrea Stumpf. diaphanes Verlag, Zürich. 267 S., 22,90 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare