John Malkovich bei den Ruhrfestspielen: „Music Critic“

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Zunge raus und Mätzchen machen: Hollywoodstar John Malkovich mit den Musikern im Festspielhaus der Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Sein Theater-Musik-Mix „Music Critic“ amüsierte im Großen Haus.

RECKLINGHAUSEN Mit was für einem Genuss zerpflückt sich der Star selbst! Das ist das einzige Geheimnis des Einmalgastspiels von Hollywoodschauspieler John Malkovich bei den Ruhrfestspielen: „Music Critic“. Da hätten wir: gepflegte Musik und giftige Texte, ein bisschen Variete, ein bisschen Albernheit. Der große Saal im Recklinghauser Ruhrfestspielhaus ist selbstverständlich voll, und man amüsiert sich, als Malkovich zu dramatisch schrammelnden Streichern eine Kritik vorträgt, die er selbst kassierte. 2010 gastierte er in Istanbul mit dem Stück „The Infernal Comedy“ über einen Serienkiller, kurz nachdem er seinerzeit damit bei den Ruhrfestspielen war.

RECKLINGHAUSEN Mit was für einem Genuss zerpflückt sich der Star selbst! Das ist das einzige Geheimnis des Einmalgastspiels von Hollywoodschauspieler . Da hätten wir: gepflegte Musik und giftige Texte, ein bisschen Variete, ein bisschen Albernheit. Der große Saal im Recklinghauser Ruhrfestspielhaus ist selbstverständlich voll, und man amüsiert sich, als Malkovich zu dramatisch schrammelnden Streichern eine Kritik vorträgt, die er selbst kassierte. 2010 gastierte er in Istanbul mit dem Stück „The Infernal Comedy“ über einen Serienkiller, kurz nachdem er seinerzeit damit bei den Ruhrfestspielen war.

Darauf hagelt es Schmähungen. Der türkische Journalist haut auf die chauvinistische Pauke: Es sei leider zu spät, um Malkovich auszuweisen, da er bereits weitergereist sei, aber ein Visum dürfe er nicht wieder erhalten. Wie man es überhaupt wagen könne, so etwas dem türkischen Volk als Kunst vorzusetzen! Malkovich spricht das als lupenreine Populistenrede. Erdogan lässt grüßen. Empört hebt er seine Stimme über den Musikteppich hinweg, Silbe nach Silbe verächtlich ausspuckend.

Der Theater-Musik-Mix „Music Critic“ ist ein selbstreferenzielles Spiel mit Kritikerpose und künstlerischer Eigenliebe. Malkovich liest, neben der Attacke gegen sich selbst, Angriffe von Musikkritikern gegen einige der heute berühmtesten Künstler: Chopin, Schumann, Beethoven. Infamien, die im Fall von Debussy ins Rassistische schlagen, Dummheiten ebenso wie ernste Angriffe, mit denen in missionarischem Ton gegen musikalische Neuheiten ins Feld gezogen wurde. Ein Streichquartett und ein Pianist legen dagegen und darunter Ausschnitte aus Kammermusikwerken der attackierten Tonsetzer.

Heute steht Beethovens Marmorbüste auf Klavieren. 1810 wurde über ihn in der Pariser Publikation „Tablettes de Polymnie“ notiert, in seinen Kompositionen erfülle er „die Seele mit süßer Melancholie, dann zertrümmert er sie mit einer Masse an barbarischen Akkorden“. Nimm dies, Ludwig! Dazu spielen Geiger Aleksey Igudesman und Pianist Hyung-Ki Joo den 3. Satz aus Beethovens 4. Violinsonate extrasüß.

Tschaikowsky übrigens liebte Brahms gar nicht, er bezeichnete ihn in seinem Tagebuch als „unbegabten Schweinehund“. An Chopins extravaganten Walzern wiederum war laut der Londoner „Musical World“ von 1841 eine Frau schuld. Wer sonst? Die „Erzverführerin“ George Sand verbringe zu viel Zeit mit dem „künstlerischen Niemand“. Gleichzeitig lässt Pianist Joo die Grande Valse Brillante opus 18 aus dem Takt stottern, als halte die Musik die Beleidigungen kaum aus.

Malkovich liest mit der gequälten Miene eines Musikprofessors, der unwissende Erstsemester zu unterrichten hat. Hochmut, Ironie und Selbstgefälligkeit sprechen aus jedem Blick, jedem Lippenverziehen. Verächtlich hält er eine Chopin-Partitur hoch, falsch herum natürlich, reißt sie entzwei, die Fetzen fliegen ihm zu Füßen.

Die Musik lehnt sich auf, aber nur mit den Mitteln einfacher Komik. Aleksey Igudesman, der den Abend konzipiert hat, teufelt mit einem Mini-Bogen auf der Violine herum. Das besonders kleine „Holz“ hat ihm Malkovich gereicht, mit anzüglichem Grinsen selbstverständlich. Weil ernste Musik die Stimmung auch zwischen den miesesten Attacken wieder runterbringt, greift das Ensemble irgendwann zu simplen Gags: eine Tangonummer, die mit ruppigem Elan aus Bach/Gounods „Ave Maria“ entwickelt wird. Zu Mozarts „alla Turca“ gibt Malkovich den eitlen Impresario, der seine genialischen Ideen nicht recht zu vermitteln weiß: Das Ensemble spiele nicht „orientalisch“ genug. Malkovich verlangt, das Stück nach b zu transponieren, damit es „türkischer“ klingt, und will, um in Stimmung zu kommen, gemeinsam mit dem Publikum die „Chakren öffnen“. Da tobt natürlich der Saal. Der Star hier ist nicht die Musik. Es ist allein Malkovich, mit selbstgefälligem Ekel in den Mundwinkeln und Amüsement in den Augen.

Edda Breski

Quelle: wa.de

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