„Jazz Inbetween“ in Münster mit drei hinreißenden Konzerten

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Begeistert mit seiner Virtuosität in Münster: Der ukrainische Pianist Vadim Neselovskyi.

MÜNSTER - Tief beugt sich Vadim Neselovskyi über die Tasten, scheint in das Klavier kriechen zu wollen. Der Pianist schwelgt im Wohlklang, ein Solo ganz aus dem Geist von Schumann oder Tschaikowsky, hier ein Arpeggio, da ein flinker Lauf, dann wieder wuchtige Akkorde, ausgeführt mit Liszt‘scher Pranke.

Doch dann fallen Bassist Dan Loomis und Schlagzeuger Ronen Itzik ein, und das romantische Piano-Rezital mutiert zur treibenden Jazzimprovisation. Und das Publikum im Theater Münster lauscht hingerissen dem Virtuosen bei seiner rasanten Sturzfahrt über die Tastatur.

2018 hat das Internationale Jazz-Festival Münster Pause, es wird ja im Zwei-Jahres-Rhythmus veranstaltet. Aber um die Entzugserscheinungen zu mildern, gibt es „Jazz Inbetween“, eine Mini-Ausgabe an einem Abend, kuratiert vom Festival-Leiter Fritz Schmücker. Drei Konzerte lockten ins wie immer ausverkaufte Haus. Auch das Kompaktprogramm deckte ein weites Spektrum in Stil und Tonlage ab.

Vadim Neselovskyi konnte man auch vorher schon in Deutschland hören. Der 1977 in Odessa geborene Musiker kam 1995 mit seiner Familie nach Deutschland, genauer nach Unna-Massen. Und er setzte in Dortmund sein Studium fort. Dann ging er in die USA, ans Berklee College of Music, ans Thelonious Monk Institute. Inzwischen lebt er in New York, und er musste wegen der dortigen Kältewelle mit seinen Kollegen neun Stunden auf das Flugzeug warten, wie er erzählte.

Der Umweg hat sich gelohnt: Inzwischen hat Neselovskyi Erfahrungen gesammelt bei Gary Burton, Randy Brecker, Terence Blanchard. In Münster ist ein grandioser Musiker zu erleben, der nicht nur mit einer stupenden Virtuosität besticht, sondern auch mit Substanz. Neselovskyis Kompositionen stehen kaum in der afroamerikanischen Jazztradition. Stattdessen greift er auf Motive der Romantik zurück und auf slawische Folklore. Wie ein Kobold tanzt er an den Tasten, grimassiert, mitgerissen von Emotionen, hält Blickkontakt zu Loomis und Itzik. Seine rasenden Läufe werden immer wieder durch kleine Unisono-Motive mit seinen kongenialen Kollegen unterbrochen. Er hat ein Gefühl für Dynamik, die Musik rauscht nicht einfach dahin, sondern legt immer wieder Atempausen ein. Ein großer Auftritt.

Das gilt allerdings auch für den Festivalstart. Der Schlagzeuger Eric Schaefer stellte sein Projekt „Ticket to Osaka“ vor. Der Musiker war schon öfter in Japan und hat von dort eine große Affinität für fernöstliche Musik mitgebracht, die sich zuletzt in seinem feinen Album „Kyoto Mon Amour“ niederschlug. Dort spielt der Klarinettist Kazutoki Umezu mit, der in Münster mitwirkte. Auch die Pianistin Ulrike Haage ist asienaffin, hat schon öfter mit Schaefer gespielt. Bassist Oliver Potratz legte ein solides Klangfundament. Zu hören war eine nicht ausschließlich, aber oft kontemplative Musik, die auch mal von dem intensiven Grün des Mooses an einer Tempelanlage inspiriert war. Da ließ Schaefer das Schlagzeug rauschen, zischen, quietschen, er strich mit Besen über die Felle, ließ Glöckchen plingen und strich Becken mit dem Geigenbogen an. Das Schlagzeug wurde da zum wunderbaren Klangzeug. Umezu steht dem an Klangvielfalt nicht nach, er lässt zum Beispiel in „Santoka‘s Walk“ die Klarinette keckern und tirilieren, hält lange Koloraturen mit Zirkularatmung. Aber noch schöner war vielleicht seine musikalische Aufarbeitung des Tsunamis. Da spielt er klangschön eine sangbare Melodie, ganz einfach, elementar, sozusagen Zen für Klarinette. Und Haage, auf ihren Platten eher für spröde Experimente zuständig, spielte in Münster sehr geerdet und zupackend, manchmal geradezu funky in ihren Soli. Eine musikalisch überaus fruchtbare Begegnung unterschiedlicher Kulturen.

Zwischen diesen großartigen, aber auch fordernden Konzerten setzte Schmücker auf Erfrischung mit dem finnischen Punk-Jazz-Trio Mopo. Bassist Eero Tikkanen und Schlagzeuger Eeti Nieminen brechen ein Motiv schon mal auf ein schmutziges, kompaktes Rockriff runter, über dem Linda Fredriksson dann das wuchtige Baritonsaxophon grunzen, kreischen und röhren lässt, dass jeder Hirsch neidisch wird. In „Heavy Metal“ spielt sie Bariton- und Altsax synchron als Ein-Frau-Bläsersatz. Beim Solo summt sie dann in ihre Growl-Eskapaden hinein, was den Sound noch etwas wilder macht. Aber sie ergehen sich nicht nur in Powerplay. Sie gönnen sich auch ausgesprochen melodiöse Abstecher ins Balladenfach zum Beispiel über ein schwedisches Volkslied. Den Titel ihres letzten Stücks übersetzt der Bassist als „Das Leben als Oper“. Da nehmen sie einen etwas zickigen 1960er-Jahre-Beat auseinander, spielen immer freier, bis die Männer die Instrumente tauschen, wobei Tikkanen auf die Becken mit einem Gummihuhn einprügelt, bis dessen Kopf über die Bühne fliegt. Vielleicht keine große Musik, aber ein mitreißendes Happening voller Selbstironie.

WDR3 sendet Mitschnitte: 9. und 16.2., jeweils 20.04 Uhr

www.jazzfestival-muenster.de

Quelle: wa.de

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