Illustrationen zu Otfried Preußlers Büchern in der Ludwiggalerie Oberhausen

Schauriges mit Hotzenplotz, Petrosilius Zwackelmann und dem gefangenen Kasper: Mathias Weber kolorierte die Zeichnung von F.J.Tripp. Zu sehen in Oberhausen.

Oberhausen – In diesem Raum ist alles magisch. Allein schon die tausend Augen, die von der Tapete, dem Schreibtisch, dem Stuhl, sogar vom Hut des Zauberers Petrosilius Zwackelmann blicken, sorgen dafür, dass es den Leser von Otfried Preußlers Buch „Der Räuber Hotzenplotz“ ordentlich gruselt. Gerade hat der Titelschurke des berühmten Kinderbuchs den eingewickelten Kasper an Zwackelmann verschachert, für einen Beutel Schnupftabak.

Diese Szene steht unmittelbar vor unseren Augen. Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen sorgt dafür in der großen Ausstellung „Räuber Hotzenplotz, Krabat und Die kleine Hexe“. Mit mehr als 300 Exponaten wird hier die Bildwelt des großen „Figurenschöpfers und Geschichtenerzählers“ Preußler (1923–2013) beschworen.

Dass nahezu jeder weiß, wie Hotzenplotz aussieht, hat aber nicht nur mit Preußlers großer Erzählkunst zu tun. Er fand im Grafiker Franz Josef Tripp (1915–1978) einen kongenialen Mitstreiter. Tripp schuf 1962 die ikonischen Bilder des Räubers mit dem großen Hut, der grünen, etwas zerschlissenen Jacke, den sieben Dolchen im Gürtel. Und seine Zeichnungen rundeten Preußlers geniale Mischung aus Puppentheater-Story, Krimi und Fantasy perfekt ab.

Man schaue nur auf das Bild der Gefangenenübergabe, das von Details überbordet. Tripp, in Essen geboren, weitgehend Autodidakt, missachtet hier die Regeln der Perspektive. Darum scheinen die Möbel sich zu bewegen. Die Kinder finden hier magische Zeichen, eine schwarze Katze, einen Raben, und hinter dem Regal tritt ein Skelett mit einem brennenden Licht hervor. Oder ist es nur ein Kerzenhalter? Von mittelalterlichen Gelehrtenstuben bis zu herrschaftlichen Wunderkammern (das Krokodil mit dem gerollten Chamäleonschwanz unter der Decke) reicht das Bildrepertoire, aus dem Tripp schöpft und das er nach Herzenslust veralbert. So richtig schlimm sieht das ja nicht aus, der böse Zauberer guckt eigentlich ganz schön benebelt aus der Wäsche.

Preußler hat 35 Bücher geschrieben, für Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Die Titel wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt und die Auflage liegt weltweit bei 50 Millionen. Aber von Anfang an haben Bildkünstler wie F. J. Tripp, Winnie Gebhardt und Herbert Holzing dafür gesorgt, dass die Geschichten auch ins visuelle Gedächtnis eingingen.

Das Thema passt bestens ins Programm der Ludwiggalerie, die immer wieder auch Cartoons, Comics und Kinderbücher zum Thema macht, zuletzt zum Beispiel vor einem Jahr mit dem „Struwwelpeter“. Direktorin Christine Vogt ist stolz, in Sachen Preußler erstmals überhaupt die Bildwelten des großen Erzählers Preußler museal aufzuarbeiten. Die Kuratorin Linda Schmitz-Kleinreesink fand Unterstützung bei Preußlers Verlag Thienemann, dem Bilderbuchmuseum der Stadt Troisdorf, aber auch vielen Künstlern. Und es entstand eine Schau, in der man in Kindheitserinnerungen schwelgen kann, in der man aber ebenso lernt.

Preußler war, wie seine Eltern, Lehrer. Er begann, nach dem Krieg nebenberuflich zu schreiben. Seine ersten großen Erfolge waren „Der kleine Wassermann“ (1956) und „Die kleine Hexe“ (1957). Auch hier sind die Bilder prägend für den Erfolg und die Erinnerbarkeit der Geschichten. Hier schuf die Grafikerin Winnie Gebhardt (1929–2014) grandiose Bilder. Die kleine Hexe zum Beispiel mit der spitzen Nase und den Strubbelhaaren ist ja nicht minder einprägsam als Hotzenplotz.

Wie sehr beide Elemente zusammen gehören, sieht man auch daran, dass viele Bücher bis heute mit den Bildern der Erstausgaben erscheinen. Freilich nicht mehr mit den Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die den unvergleichlichen spröden Charme der Entstehungszeit verströmen. Die Sehgewohnheiten haben sich gewandelt, erklärt Bärbel Dorweiler, die Preußlers Hausverlag Thienemann-Esslinger leitet. Heute müssen Kinderbücher farbig sein. Und dass die kleine Hexe auf dem Titelbild nicht den Leser anguckt wie bei der Erstausgabe, das geht heute nicht mehr. In Oberhausen kann man vergleichen. Der Grafiker Mathias Weber hat Winnie Gebhardts Entwurf abgeändert und den Kopf der Titelheldin gedreht.

Gebhardts so skizzenhaft wirkende Arbeiten sind hinreißend sicher komponiert. Man schaue nur das Bild vom Markt an mit den Ständen unter Sonnenschirmen, die sich zu einem wunderbaren Rhythmus fügen. Gebhardt verarbeitet hier die klassische Moderne, aber auch Zeichner wie e.o. plauen („Vater und Sohn“) und Loriot beeinflussten ihre Arbeit.

Der dritte wichtige Grafiker für Preußler war Herbert Holzing (1931–2000), mit dem der Autor sogar befreundet war. Er illustrierte ernstere Texte wie die Schauergeschichte „Krabat“. Preußler schöpfte ja aus dem Sagenschatz seiner böhmischen Heimat. All die Hexen, Wassermänner, Geister entstanden als Erzählungen. Es ist überliefert, dass er seine Texte bei Waldspaziergängen auf ein Diktaphon sprach. Zu Preußlers Schaffen gehören Heiligenlegenden zum Beispiel über Nikolaus, aber auch die Sage um Rübezahl, den Berggeist aus dem Riesengebirge. Holzing entwickelte eine flächige Bildsprache, oft mit einer ganz speziellen Sepia-Tönung. Seine Illustrationen zur „Glocke von Weihenstetten“ bringt sogar Krieg und Panzer in Preußlers Werk. Holzings Arbeiten sind nicht so witzig und manchmal subversiv wie die von Gebhardt und Tripp, sondern setzen mehr auf Emotion und Atmosphäre.

Aber man findet auch Arbeiten von jüngeren Künstlern. Mathias Weber kolorierte die Arbeiten der älteren Kollegen, und obwohl die Ergebnisse sehr bunt ausfallen, wahren sie doch den Charme der Originale. Daniel Napp übersetzte einige Geschichten in kindgerechte Bilderbücher.

Man sieht Fotoarbeiten von Julian Sonntag, der Tripps Figuren aus dem Hotzenplotz in Aufnahmen urbaner Landschaften im Ruhrgebiet montiert. Ralf Marczinczik zeichnete eine Comicversion der Räubergeschichte. Es gibt Plakate zu den Filmversionen der „kleinen Hexe“ und des Hotzenplotz, darunter die legendäre Version mit Gert Fröbe. Und sogar in die Zukunft blickt die Ausstellung mit dem Plakat eines Opernprojekts am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, das aus „Krabat“ eine Crossover-Oper macht. Eigentlich sollte sie im Frühjahr Premiere feiern, wegen der Corona-Pandemie wurde sie auf die Spielzeit 2021/22 verschoben.

Man sieht in Vitrinen Briefe von und an Preußler. Und Buchausgaben aus vielen Ländern. Da lernt man, dass Hotzenplotz in Portugal „Catrabum“ heißt, in Norwegen „Runkeldunks“, in Holland „Hosseklos“.

Bis 17.1.2021,

di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0208/ 412 4928, www.ludwiggalerie.de Katalog 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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